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06.11.2018 |  Peter Füssl

Cat Power: Wanderer

Zwischen „Sun”, dem neunten, elektronischsten, optimistischsten und kommerziell erfolgreichsten Album von Charlyn Marie „Chan“ Marshall, und ihrer zehnten, an akustischem Folk orientierten Studioproduktion „Wanderer“ liegen nicht nur sechs lange Jahre, sondern Absturz in Alkoholismus, depressive Zusammenbrüche, zerbröckelte Beziehungen und zuletzt Zerwürfnisse mit der langjährigen Plattenfirma, die Hits wollte. Aber auch die Geburt ihres Sohnes, der nun – wenn auch nur andeutungsweise – neben einer Gitarre das aktuelle Plattencover ziert.

Dieses darf man durchaus als symbolhaft verstehen, denn die mittlerweile 46-jährige Singer-Songwriterin aus Atlanta, die seit Mitte der 1990-er Jahre zur Festgröße in der Indie-Szene wurde, reduziert sich nicht nur in ihrem praktischen Leben ganz bewusst auf das Wesentliche, sondern auch künstlerisch. Piano, Gitarre und ihre warme, verhallte, unter die Haut gehende Stimme, die manchmal auch als ihr eigener Background-Chor fungiert, reichen durchaus aus, um den zwölf Songs musikalische Attraktivität und emotionale Tiefe zu verleihen. Im Gegenteil, gerade in dieser Reduktion liegt der besondere Reiz. Marshall spielt mit dem Albumtitel „Wanderer“ auf ihre ruhelose Wanderschaft an, die in ihrer frühen Kindheit als zwischen den Elternteilen und Großeltern hin- und hergeschobenes und immer wieder an andere Orte verbrachtes Scheidungskind startete, und sich im Erwachsenenleben als dauernd auf der Achse befindliche Künstlerin fortsetzt. Mit dem Titelstück in einer zuversichtlich stimmenden a-cappella-Version wird das Album eröffnet, mit einer eher düsteren, stark verhallten Variante desselben Songs zu Rhythmusgitarre und Trompete schließt es. Dazwischen liegt eine Sammlung musikalischer Kleinode, etwa der gemeinsam mit Lana Del Rey intonierte und bereits als erfolgreiche Single ausgekoppelte Selbstermächtigungssong „Woman“. Auch die einzige Fremdkomposition, Rihannas „Stay“, wird pianistisch kunstvoll gestaltet und dezent mit Streichern veredelt zur selbstbewussten Emanzipationserklärung. In der wunderschönen, Piano-Ballade „Horizon“, dem einzigen Stück mit einem Anflug durchaus stimmiger Elektronik, verarbeitet Cat Power eindringlich ihre frühkindlichen Trennungsängste. In der souligen Moritat „Black“ setzt sie sich zur simplen Akustikgitarre und mit sich selbst im Dialog singend mit dem Tod auseinander. „In Your Face“ und „You Get“ lassen sich als persönlicher Geschlechterkampf-Diskurs interpretieren, aber auch als gesellschaftspolitische Amerika-Kritik. Cat Power lässt uns anhand gefangennehmender Songs an ihrem inneren Kampf mit den Dämonen teilnehmen, an ihrer ganz persönlichen Vergangenheitsbewältigung, an ihren Ängsten und Sehnsüchten und an ihrem Ringen um Sinn. Intim und intensiv und wundervoll, weil sie aus Zerbrechlichkeit Kraft zu schöpfen vermag.

(Domino)

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