Belastende Pressekonferenzen und TV-Duelle (Foto: TFCITD)
Peter Füssl · 31. Okt 2022 · CD-Tipp

Benjamin Lackner: Last Decade

Der in Berlin geborene, in Kalifornien aufgewachsene und seit 2008 wieder in der deutschen Hauptstadt lebende deutsch-amerikanische Pianist Benjamin Lackner hat für sein ECM-Debüt eine hervorragende Band zusammengestellt, die all seine musikalischen Vorstellungen auf perfekte Weise umzusetzen vermag.

Im Norweger Mathias Eick hat er einen großartigen Melodiker gefunden, dessen luftiger Trompetenton für faszinierende Hörerlebnisse garantiert und wunderschöne Stimmungen schafft, der sich aber – fern jeglichen exzessiven Solierens – stets in angenehmer Zurückhaltung übt. Dasselbe gilt auch für den Brad Mehldau-Schüler Lackner selbst, der ein hochbegabter Schöpfer emotional aufgeladener Melodien ist, die er mit Bravour, aber ohne jegliche Eitelkeit aus den Tasten zaubert. Das musikalische Geschehen ist geprägt durch das komplexe, völlig organisch wirkende Zusammenspiel von vier hochgradigen Individualisten, die sich auf eindrucksvolle und höchst kreative Weise einbringen, letztlich aber einem harmonisch ausgewogenen Band-Sound absolut Priorität verleihen. Das gilt natürlich auch für das Rhythmus-Gespann. Kontrabassist Jérôme Regard, der bei Jean-François Jenny-Clark studierte, spielt seit 15 Jahren in Lackners Stamm-Trio, man kennt sich also bestens und spricht bis ins kleinste Detail hinein eine gemeinsame musikalische Sprache. Seinen erdigen Klang, seine melodischen Fähigkeiten und seine technische Brillanz demonstriert er auch im einzigen Solostück des Albums, „Èmile“, das aus einer spontanen Bassimprovisation heraus entstanden ist. Drummer Manu Katché wiederum zählt wie Mathias Eick längst zu den besten Pferden im ECM-Stall, er engagierte den Norweger 2007 sogar für sein eigenes „Playground“-Projekt. Das Schlagzeugspiel des Franzosen, der schon für zahllose Stars im Jazz-, Rock- und Pop-Business die Trommel rührte, ist wie immer facettenreich und groove-orientiert. Er setzt Akzente und treibt voran, gleichzeitig aber auch mit höchster Sensibilität die Impulse seiner Musikerkollegen aufnehmend und fortspinnend. Benjamin Lackner, der üblicherweise im Trio oder solo auftritt, hat mit den acht neuen, meist geruhsam angelegten Kompositionen auf Anhieb das ideale musikalische Format für dieses außergewöhnliche Quartett gefunden, das sich aus zwei einander sehr gut kennenden Musikerpaaren zusammenschweißte. Melancholie von ihrer allerschönsten Seite – ideal passend zu den Farben des Herbstes, mit dem Anspruch auf Zeitlosigkeit.

(ECM/Universal)