Athina Kontou & Mother: Tzivaeri
Griechenland spielt auf der internationalen Jazz-Landkarte keine allzu große Rolle, umso bemerkenswerter ist es, dass nun innerhalb weniger Wochen gleich zwei griechischstämmige, in Deutschland lebende, Anfang dreißigjährige Musikerinnen ihre musikalischen Wurzeln familiärer Art mit ihrer im Studium vertieften Leidenschaft für Jazz und improvisierte Musik höchst beeindruckend und erfolgreich zu verbinden suchen. Während die in Berlin lebende Perkussionistin Evi Filippou mit ihrem Projekt inEvitable (Boomslang Records) etwas mehr in Richtung Jazz, Neue Musik und freie Improvisation tendiert, scheint in den durchwegs gelungenen, einfallsreichen und in vielen Soundfarben schillernden Arrangements der in Köln lebenden Kontrabassistin Athina Kontou der Ethno-Anteil etwas höher zu liegen.
Mit spielerischer Leichtigkeit knüpft sie mit ihrem kraftvoll-erdigen Bass gemeinsam mit dem wendigen Drummer Dominik Mahnig an einem mit den kniffligen Metren der traditionellen griechischen Musik gespickten Rhythmus-Teppich, auf dem die einfallsreiche Luise Volkmann ihre stimmungsvollen, emotionsgeladenen und durchaus auch experimentierfreudig angelegten Alt- und Sopransax-Soli ausbreitet. Einige ihrer unorthodoxen Sounds klingen, als wären weitere Gastmusiker:innen auf ausgefallenen traditionellen Instrumenten zu hören. Als Bindeglied zwischen den Dreien fungiert der harmonisch einfallsreiche und die Spannung abwechslungsreich vorantreibende Lucas Leidinger am manchmal leicht präparierten Klavier. Kontou lässt sich glücklicherweise weder von geographischen noch von ethnischen Grenzziehungen beeindrucken und reüssiert unter anderem mit nordgriechischen, mazedonischen, türkischen und thrakischen Volkstänzen – mal geheimnisvoll orientalisch gefärbt, zumeist aber voller sonnendurchtränkter Lebensfreude. Das Titelstück „Tzivaeri“ geht auf ein herzzerreißendes Volkslied vom Dodekanes zurück, in dem eine Mutter an ihr Kind denkt, das sie in die Emigration schicken musste, um ihm zumindest die Aussicht auf ein besseres Leben zu ermöglichen. Ein häufiges Thema der traditionellen griechischen Musik. Nicht weniger stimmungsvoll erscheint auch das armenische Traditional „Parapono“. Kontou verwendet aber auch in Griechenland Populäres von Zeitgenossen wie den griechischen Komponisten Giannis Papaioannou und Nikos Xydakis oder des armenischstämmigen US-Amerikaners Ara Dinkjian. In drei der neun Stücke tragen Epaminondas Ladas auf Oud und Bouzouki sowie Koray Berat Sari auf der türkischen Lavta mit ihrem Saitenzauber viel zum melodieseligen Lokalkolorit bei. Ein durch und durch gelungenes Debütalbum von Athina Kontou und ihrer Band Mother, das auf Dauerrotation gestellt, das Sommer-Feeling völlig klischeefreie und auf höchst angenehme Weise um ein paar Wochen verlängert.
(Nwog Records/Indigo)