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05.07.2022 |  Peter Füssl

Andrew Bird: Inside Problems

Im 2019er-Album „My Finest Work Yet“ beschäftigte er sich im Gefolge des Wahlsiegs von Donald Trump und der Spaltung der US-Gesellschaft in niemals oberflächlich politischen, sondern ambivalenten Texten mit dem Wesen des Despotismus, mit Apathie und Widerstand und mit politischer Brandstiftung in Zeiten grassierender Charakterlosigkeit. 2020 veröffentlichte er unter dem Titel „Hark!“ ein völlig aus der Reihe tanzendes Christmas-Album mit von Covid inspirierten Weihnachtsliedern, winterlichen Versionen von John Prines „Souvenirs“ oder John Cales „Andalucia“ und einem zur Geige gepfiffenen Schubert-Stück. 2021 tauchte er dann mit seinem Langzeit-Kumpel Jimbo Mathus von den Squirrel Nut Zippers stilistisch tief in traditionelle Country-, Bluegrass-, Folk- und Blues-Gefilde ab, um nun mit seinem 15. Soloalbum „Inside Problems“ wieder aufzutauchen und ganz andere Wege zu beschreiten.

Die Rede ist von Andrew Bird, dem 1973 in Chicago geborenen Singer-Songwriter und Multiinstrumentalisten, mit dessen DNA unkonventionelle Ideen und schräge Herangehensweisen untrennbar verbunden sein müssen, weshalb er in schöner Regelmäßigkeit für höchst willkommene Überraschungen gut ist. In den elf neuen Songs geht es um physische und psychische Grenzsituationen, um Schwellen-Überschreitungen, genauer um den Moment, an dem man das eine schon verlassen hat und im anderen noch nicht angekommen ist. Es geht aber auch um Schein und Sein, um oberflächliche Ruhe bei tiefgründigem Rumoren und um die unruhig-verwirrten nächtlichen Gedanken und Ängste, die Schlaflose heimsuchen. Schwere Kost in Form hochklassiger Lyrics, die zwischen Sprechgesang und lässig-eleganter Singstimme changierend auf angenehme Weise verabreicht werden. Bird ist klassisch ausgebildeter Geiger, und seine Violin-Parts verleihen dem leicht ins Ohr gehenden, stets geschmackvoll und detailreich arrangierten Indie-Folk-Pop-Mix ebenso einen unverwechselbaren Charakter wie seine virtuose Pfeif-Kunst. Da Bird sich aber auch musikalisch nicht in eine Schublade stecken lässt und die Abwechslung liebt, wildert er zusätzlich noch bei Balkan- und Afro-Beats („Atomized“), Appalachen-Folklore, Velvet Underground („The Night Before Your Birthday“), entspanntem Jazz und sogar beim Reggae („Stop n’Shop“). Als Einstiegsdroge sind die Videos zu den beiden Single-Auskoppelungen „Underlands“ und „Atomized“ sehr empfehlenswert, vor allem Ersteres präsentiert den schrägen Vogel Bird in all seiner extravaganten Coolness.

(Loma Vista/Concord/Universal)

Konzert-Tipp: Andrew Bird gastiert am 14.7. in der neuen Theaterfabrik in München.

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