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30.06.2022 |  Peter Füssl

Charles Lloyd Trios: Chapel

Während sich die meisten Menschen im neunten Lebensjahrzehnt längst geruhsam auf das Altenteil zurückgezogen haben, erfährt Charles Lloyd einen Kreativitätsschub nach dem anderen. Nach den exzellenten Produktionen „8: Kindred Spirits“ und „Tone Poem“ plant der 84-Jährige heuer nun innerhalb von vier Monaten drei Alben in drei unterschiedlichen Trio-Besetzungen zu veröffentlichen. Den Schlusspunkt wird Ende Oktober „Trios: Sacred Thread“ mit Gitarrist Julian Lage und Tabla-Virtuose Zakir Hussain setzen, Ende August erscheint „Trios: Ocean“ mit Gitarrist Anthony Wilson und Pianist Gerald Clayton, und Ende Juni hat „Trios: Chapel“ den von Lloyd als „Trio of Trios“ bezeichneten Reigen eröffnet. „Chapel“ verweist auf die Elizabeth Huth Coates Chapel an der Southwest School of Art in San Antonio/Texas, wo Charles Lloyd den ersten Auftritt dieses formidablen Trios mit Gitarrist Bill Frisell und Kontrabassist Thomas Morgan live mitschneiden ließ.

Lloyd und Frisell kennen sich ja bestens vom Band-Projekt The Marvels her, mit dem sie bereits drei Alben veröffentlichten. Frisell wiederum hat mehrfach mit Morgan aufgenommen, unter anderem die großartigen Duo-Alben „Small Town“ und „Epistrophy“. Die Band-Chemie passt also von vornherein perfekt, was dann im völlig entspannten und subtil aufeinander eingehenden, gemeinsamen Improvisieren hörbar wird, das den Akteuren wohl gleich viel Spaß machte wie nun den Zuhörer:innen. Charles Lloyds Improvisationen auf Tenorsax und Flöte strahlen naturgemäß eine gewisse Abgeklärtheit aus, vermögen aber nicht nur ungemein zu berühren, sondern auch immer noch zu überraschen. Und sie harmonieren perfekt mit Bill Frisells unverkennbarem Saitenzauber, der – hier einmal weniger Americana-infiziert als in seinen eigenen Produktionen – viel Raum zur solistischen Entfaltung erhält, zumal die einzelnen Stücke zwischen sieben und zwölf Minuten lang sind. Thomas Morgan hat ebenso seine großen Momente, besticht aber vor allem mit der geschmackvollen Art und Weise, wie er den Raum zwischen Frisell und Lloyd dezent, aber höchst effektiv verdichtet. Lloyd ist ein großer Meister des Recyclings, die meisten Stücke hat er in ganz anderen musikalischen Konstellationen schon einmal veröffentlicht: Den Strayhorn-Klassiker „Blood Count“ und seine Eigenkomposition „Beyond Darkness“ vor zwanzig Jahren im Album „Lift Every Voice“, „Ay Amor“ des kubanischen Crooners Bola de Nieve letztes Jahr in „Tone Poems“ und seinen „Song My Lady Sings“ gar schon 1964 mit dem Cannonball Adderley Quintet. Das macht nebenbei auch spannende Vergleiche möglich, wobei die vorliegenden Trio-Improvisationen in ihrer kreativen Unaufgeregtheit, warmherzigen Coolness und virtuosen Uneitelkeit bestens abschneiden.

(Blue Note/Universal)

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