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27.02.2020 |  Peter Füssl

Agnes Obel: Myopia

Es ist wirklich faszinierend, wie perfekt die 39-jährige, in Berlin lebende Dänin Agnes Obel hochtechnisierte Soundeffekte und tief unter die Haut gehende Emotionalität miteinander verschmelzen lässt. Für ihr viertes Album hat sie sich monatelang im Studio in eine völlig von der Außenwelt abgeschirmten Blase zurückgezogen und sich aus der selbstgewählten Perspektive der Kurzsichtigkeit über Themen wie Wahrnehmung und Realität, Vertrauen in und Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit, über den Umgang mit Trauer und Verlust oder über den Zusammenhang von Todesangst und Schlaflosigkeit ihre Gedanken gemacht und diese in ziemlich kryptisch anmutende Texte gegossen.

Obel hat mit Ausnahme von einigen Violin- und Cellopassagen alle Instrumente und Vokalparts selbst eingespielt, abgemischt und auf unterschiedlichste Weise elektronisch verfremdet. So werden Stimme und Instrumente hinauf- oder hinuntergepitcht und verzerrt, Mellotron und Celesta werden eingesetzt oder das Klavier mit dem selten verwendeten Luthéal präpariert, wodurch man sich – irgendwie passend zur Gedankenwelt – nie sicher sein kann, ob man gerade wirklich das hört, was man zu hören glaubt. Trotz aller Lust an Soundexperimenten verselbständigen sich diese technoiden Aspekte aber nie zum Selbstzweck, sondern erhöhen die emotionale Wirkung der von nächtlichen Stimmungen geprägten Songs und Instrumentalstücke. Diese oszillieren zwischen großer Wärme und unheimlich Gespenstischem - immerhin ist die Dänin ja auch bekennender Hitchcock- und Edgar Allan Poe-Fan. Agnes Obels ausdrucksstarke Stimme nimmt gefangen, und die sich im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischer Elektronik, Kammermusik, Minimal Music und Einaudi bewegenden, aber wie aus einem Guss wirkenden Stücke können eine unglaubliche, nahezu hypnotisch wirkende Intensität entwickeln, der man sich keinesfalls entziehen will. Faszinierend! (Deutsche Grammophon/Blue Note/Universal)

Konzert-Tipp: Agnes Obel ist unter anderem in der Wiener Arena (4.3.), in der Samsung Hall in Zürich (5.3.) und in der St. Matthäus Kirche in München (17.3.) zu sehen. www.agnesobel.com

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