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09.12.2019 |  Peter Niedermair

Vorarlberg(e) – Die aquarellierten Panoramen des Rudl Lässer

Rudl Lässer ist ein Wanderer durch die Lande und die Landschaften, die südliche Sonne, durch St. Moritz und die Gegend der Silser Seen, vorbei an den Orten, an denen Segantini, der aus der mailändischen Großstadt, die in der aufgehenden Blüte der Industrialisierung stand, heraufkam in die weiteren Horizonte der Silser Seen, nach Maloja, die Serpentinen hinunter ins Bergell ging, nach Stampa, wo die Giacomettis her sind. Mit den Blicken hinüber auf Surlei und Morteratsch. Diese Bergwelt, wie die gesamten Alpen wurden ursprünglich von den englischen Romantikern entdeckt, darunter die Dichter Percy Bysshe Shelley, William Wordsworth, Samuel Taylor Coleridge, Lord Byron, für die beiden Maler William Turner und John Constable war die Landschaft nicht nur der Inbegriff des Naturschönen, sondern darüber hinaus auch die Vision des Vollkommenen und Einzigartigen. Die Unbewohnbarkeit der Städte, durch die stark zunehmende Verschmutzung in den englischen Großstädten zog die englischen Romantiker zunächst hinaus in den Lake District, später an den Genfer See und weiter herauf in diese faszinierende Bergwelt, wo der europäische Adel zwischen Leningrad und London winter- und sömmerlich urlaubte. Es gab Casinos in Maloja und St. Moritz, die ersten Olympischen Winterspiele mit 14 Wettbewerben fanden 1924 statt.

Das Momentum, wenn er das Bild vor seinen Augen entstehen lässt

Rudl Lässer nimmt diese vielen Inspirationen und Erfahrungen mit hierher in seine Heimat, besonders das Licht, wenn er die vorarlbergische Bergwelt portraitiert. Er malt Panoramen, die er in farbkontrastierende Flächen setzt. Das Helle vis-a-vis des Dunklen. Ihn beschäftigen die Ausdrucksformen und Bildaussagen, mit Untermalungen, die er in Aquarell und Mischtechniken setzt. In seinen künstlerisch-methodischen Herangehensweisen spielt die Konfrontation mit dem weißen Papier die zentrale Rolle. Das ist der Moment der ursprünglichen Schöpfung, das Momentum, wenn er das Bild vor seinen Augen entstehen lässt. Dabei beschäftigt ihn, wie alle Künstler*innen, die zentrale Frage, wie die Welt in den Kopf kommt und wie sie von dort wieder hinaus auf das Weiß des Papiers kommt. Da gibt es auch Emotionen, wie sie im Peter-Handke-Krimi „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ aus dem Jahr 1970 auftauchen. Nur dem Tormann nämlich, der sich völlig ruhig verhält, schießt der Schütze den Ball in die Hände. Er folgt den Blicken auf die bildrelevanten Stellen, er verfolgt die Regeln mit Blick auf das intendierte Ziel seiner künstlerischen Aussage.
Mit diesen hier präsentierten Bildern kommt der Künstler wieder ein Stück weit ins Gegenständliche. Etwa 60 Bilder an der Zahl, thematisch, technisch, geographisch leicht strukturiert in den einzelnen Räumen der Galerie gehängt. Die große Herausforderung, wie wir wissen, sind die großformatigen, weit ausholenden Aquarelle, die sich wieder verdichten müssen. Das ist die Königsdisziplin der Malerei. Sein Bild-Ziel jedoch ist weiterhin die Auseinandersetzung mit der Vorarlberger Landschaft. Dort sucht er das Gespräch. Der Dialog ist ihm wichtig. Schwerpunkt sind die Berge. Transzendiert die Philosophie der Berge. Daneben finden wir ein paar städtische und dörfliche Szenen. Orte in Vorarlberg, beliebt der mittlere Bregenzerwald und, gewiss, Dornbirn.

In winterlichen Stimmungen und atmosphärischem Licht

Doch seine Leidenschaft sind die Bergformationen, die der Künstler mit aller gebotenen Zurückhaltung, fast Ehrfurcht, aufsucht. Er kennt deren intrinsisches Gefahrenpotential für jene, die sich dort leichten Fußes und Schuhwerks herumtummeln. Seine Herausforderung sind die Bergriesen. Er malt sie bevorzugt in winterlicher Stimmung und im atmosphärischen Licht. Dabei inszeniert er Erde und Himmel, er dramatisiert in portraithaften Gesten das Firmament, den eigentlichen Himmel, unter dem sich die Bergwelt als Riesenmarionetten wie an einem Bühnen- und Seilzuggehänge ausgebreitet nebeneinander stellen. In diesen am  Horizont deutlich unterscheidbaren Welten wird die psychische und physische Welt noch einmal als Zwischenraum spür- und erahnbar, dort, wo sich die geistige Ehrfurcht vor etwas Höherem spiegelt.
Rudl Lässer inventarisiert die Bergwelt Vorarlbergs in Bildern, wovon die hier gezeigten im Wesentlichen in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Wie mit einem Katasterplan an der Hand geht er dieses Vorhaben an, ganz so, als inventarisiere er die Berge und blicke wie aus einem philosophischen Innen in die Berge, eine Introspektion, um sie im Spannungsfeld der klimatologischen Veränderungen, die hier an der Grenze nicht Halt machen, zu dokumentieren. Sein Erzählstandpunkt, seine künstlerische Position, nimmt uns als Betrachter dieser Bilder, die wir zumeist aus dem Tal kommen, mit hinein zu den begrenzenden Horizonten und lässt uns an den landschaftlichen Schönheiten und Besonderheiten teilhaben. Gelegentlich taucht noch, fast unbemerkt, allenfalls um Größendimensionen anzudeuten, eine menschliche Figur auf, wie bei „Piz Buin, 2019“. Doch eigentlich sind diese Figuren nebensächlich klein.

Die Berge sind schweigsam …

Wenn er sich auf Spurensuche und geeignete Malstandorte begibt, ist diese Exploration ebenso mit höchsten Ansprüchen an die Konzentration verbunden. Dabei spielt die Frage, wann ein Bild fertig ist, eine zentrale Rolle. Die spontanen Bilder, die nicht verkopften, sind die besten, sagt er. Auf diesen läuft der Pinsel wie selbständig über das weiße Blatt, angereichert und getränkt mit den Farbpigmenten. Er zeichnet nicht vor, sieht das Motiv, nimmt für sich die Position ein und beginnt an der bildrelevanten Stelle. Der goldene Schnitt, ein ideales Prinzip ästhetischer Proportionierung, ist ihm bedeutend und wichtig.

… doch der Künstler bringt sie zum Sprechen

Rudl Lässer zieht für uns die Vorhänge vor diesen Bergkulissen auf und lässt uns hineinblicken in diese faszinierende Bergwelt, oder er lässt uns von unserem eigentlichen Hausberg, dem Karren, hinunterschauen ins Rheintal hinunter zum Bodensee. Wie von einem Magnet gelenkt, zieht der Künstler unsere Blicke hinein in diese bizarren Formationen, in eine Welt, die schon besetzt ist, bevor wir da sind. Das weiß man aus der Geschichte über diesen mehrfach usurpierten Spielplatz Europas. Ein bisschen romantisierend ist es in den Bergen immer geblieben, bis heute. Trotz größter Dichte an Aufstiegshilfen, wie sie auch genannt werden, die Seilbahnen.
Rudl Lässers künstlerischer Blick auf die Berge jedoch ist innovativ und belässt sie, wie sie sind, autonom, mit den Mitteln der Kunst dargestellt, d. h. indem er sie aquarelliert, bewahrt er sie auf, so wie wir jetzt im Herbst die gepressten und getrockneten Sommergräser und -blumen aus dem Kühlschrank holen und sie in ein Herbarium einkleben und beschriften. Das in etwa ist Rudl Lässers persönlicher und künstlerischer Zugang zu den elementaren Naturphänomenen.

Rudl Lässer, VORARLBERG(E)
Ausstellung in der Galerie L, Schützenstraße 23, Dornbirn
bis 15. Dezember 2019 
Öffnungszeiten: FR 17-19 Uhr, SO 10-12 Uhr, 14-17 Uhr sowie nach Vereinbarung, Tel. 0043 (0)660 6852778, www.laesser.cc

Aufstieg, 2019, Aquarell, 51x78cm

Aufstieg, 2019, Aquarell, 51x78cm

Dornbirn, Rotes Haus, 2018,  Aquarell, 27x38cm

Dornbirn, Rotes Haus, 2018, Aquarell, 27x38cm

Rheintal bei Nacht, 2019, Öl, 100x150cm

Rheintal bei Nacht, 2019, Öl, 100x150cm

Roggspitze, 2018,  Aquarell, 51x78cm

Roggspitze, 2018, Aquarell, 51x78cm

Warth, Aquarell, 2018,  51x78cm

Warth, Aquarell, 2018, 51x78cm

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