"Kafka in Farbe" derzeit am Vorarlberger Landestheater © Joel Schweizer
Karlheinz Pichler · 31. Aug 2022 · Ausstellung

Vom vakuumverpackten Felsbrocken bis zur Carving-Schrift – Auf der Versettla findet aktuell das 13. „SilvrettAtelier“ statt

Die wohl außergewöhnlichste „Kunstbiennale“ im Alpenraum hat ihren Sitz in der Bergwelt der Silvretta. Das insgesamt bereits zum dreizehnten Male durchgeführte „SilvrettAtelier“ findet derzeit zum vierten Mal auf der Versettla in Gaschurn statt. Im Rahmen dieses Kunstsymposiums setzen sich noch bis 3. September acht renommierte nationale und internationale Kunstschaffende sowie ein Künstlerpaar mit verschiedensten Stil- und Ausdrucksformen mit den besonderen Gegebenheiten der hochalpinen Szenerie auseinander.

Auf über 2.000 Metern Seehöhe verwandelt sich dabei das Bergrestaurant „Nova Stoba“ neben der Bergstation der Versettla Bahn in das Basislager der Teilnehmenden. Natur- und Bergerlebnis, geomorphologische Situationen, Alpinismus und Seilbahntechnik sind nur einige wenige Themen, die in den künstlerischen Prozess einfließen, wie Initiator und Organisator Roland Haas betont.     

Jetzt      

Der 1984 in München geborene und heute in Wien lebende Objekt- und Performance-Künstler Lukas Troberg zum Beispiel belegt mit seiner Arbeit „JETZT“, dass Zeit und Schrift neben Untersuchungen zur Identität derzeit zu seinen wichtigsten Beschäftigungsthemen zählen. Carving-Skier, die Winterurlauber auf der Versettla einfach liegen gelassen oder vergessen haben, hat der Künstler, der an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Erwin Wurm Bildhauerei studiert hatte, derart miteinander verschraubt und auf Pfähle montiert, dass sie den Schriftzug „JETZT“ ergeben. In der Landschaft aufgestellt, erinnert der Schriftzug ein wenig an das Hollywood-Sign im bergigen Hinterland von Los Angeles (Hollywood Hills). Gut in dieses Konzept passt auch das der Flüchtigkeit preisgegebene Gedicht Trobergs, das er in den Weg von der Bergstation der Versettla-Bahn zur Nova Stoba schreibt und von den Touristen allmählich zertrampelt und damit aufgelöst wird.
Anklänge an die vom Surrealismus geprägte Wiener Schule des Phantastischen Realismus weisen die Gemälde des in Wien lebenden kanadischen Zeichners und Malers Marc-Alexandre Dumoulin auf. Neben einem Selbstporträt schuf er auf der Versettla bereits eine beachtliche Serie von Pastellkreide-Zeichnungen. Dumoulin erkundet mit Block und Zeichenstift die Gebirgslandschaft des Silvrettamassivs, skizziert Motive, die ihn ansprechen und setzt sie dann im temporären Atelier in der Nova Stoba mit Kreide um. Eines oder mehrere der Sujets davon will der 1984 geborene Künstler dann in seinem Wiener Atelier zu mittelgrossen Öl-Bildern ausbauen und weiterentwickeln.      

Farbige Isohypsen       

Gut vorbereitet auf die zwei Wochen in exponierter Lage hat sich die deutsch-französische Konzept- und Fotokünstlerin Eva-Maria Lopez. Sie brachte beispielsweise einen Stapel an Landkarten mit, legte diese in den Regen, sodass sich das Papier an mehreren Stellen aufwölbte. In einige der Vertiefungen füllte sie blaue Farbe, die sich in der Folge isohypsenartig ausbreitete. In einem anderen Beitrag belichtete sie Alpenpflanzen auf einer lichtempfindlichen Emulsion auf Papier, woraus poesievolle grafische-weiße Abdrücke auf blauem Hintergrund resultierten.      
Der 1981 geborene und in Bozen aufgewachsene Konzeptkünstler, Zeichner und Kurator Hannes Egger ist im Großküchenbereich der Nova Stoba auf eine Vakuumverpackungsmaschine gestoßen. Egger, der in Wien Philosophie und Kulturmanagement studierte und heute in Lana (Südtirol) lebt und arbeitet, nahm die Maschine umgehend in Beschlag und benutzte sie, um kleine Felsbrocken, die er gesammelt hat, zusammen mit Tellern, Tablets oder anderem Geschirr in Klarsicht-Kunststoffbeuteln luftdicht zu verschließen. Anstatt Verderbliches wird für einmal – als ironische Karikatur - archaisches Material „haltbar“ gemacht.      

Assemblagen und Frottagen       

Für die in Basel lebende Schweizer Künstlerin Katharina Anna Wieser, die für ortsspezifische Installationen und raumgreifende Objekte bekannt ist, eröffneten sich in den Keller- und Lagerräumen der Nova Stoba wahre Fundgruben. Snowboard-Ständer, Plastiksteigen, Kinderspielzeug wie Hulahoop-Reifen und Bälle oder auch stählerne Salatschüsseln inspirierten sie zu schrägen Assemblagen und anmutigenden Stelen. Aus weiteren „gefundenen“ Gegenständen leitete sie geometrische Formen für zarte Wasserfarbenbilder ab, ausserdem beschnitzte sie kurze, schmale Hölzer zu ornamentalen Stäben.
Die als Künstlerpaar mit Schwerpunkt Konzeptkunst am Kunstmarkt agierenden Janine Eggert und Philipp Ricklefs haben eine technisch-geometrische Formensprache entwickelt, die sich oftmals in raumbezogenen und raumgreifenden Arbeiten manifestiert. Sie sind mit vielen Ideen in die Silvretta angereist und haben bereits Frottagen vom Terrassenboden der Nova Stoba angefertigt. Bei der Frottage wird die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes oder Materials durch Abreiben mit Kreide oder Bleistift auf ein aufgelegtes Papier übertragen. Des weiteren sind sie auf der Suche nach einer einsamen Hütte fündig geworden und drehen dort ein nicht alltägliches Video.
Ein performatives Video zeigt die 1969 geborene österreichische Künstlerin Maria Hanl wie sie einsam in der Hochgebirgslandschaft der Silvretta stehend eine runde Skiwegweisertafel drehend vor dem Kopf hält. Mit den ständigen Richtungswechseln verweist sie unter anderem auf die Manipulationen und Manipulationsversuche, denen man ständig ausgesetzt ist. Grundsätzlich untersucht Hanl die Bedingtheiten des Menschen und die Verhältnisse respektive die Beziehungen zwischen Subjekten, Objekten und den Räumen, die sich durch diese Verbindungen entfalten. Sie selber bezeichnet ihren Zugang zur Kunst als eine "Praxis der Reflexion“.

Steinmännchen-Performance      

Wie immer ist auch der Erfinder und Organisator des "SilvrettAteliers", der Montafoner Künstler Roland Haas, aktiver Teilnehmer des zweiwöchigen Hochgebirgssymposiums. Und wie bei allen vorherigen Atelier-Durchführungen beginnt auch diesmal bei ihm jeder Tag mit einem Blick durch das Fenster, den er jeweils immer als Aquarell auf Papier festhält. Ausserdem hat der Künstler, der auch das Kunstforum Montafon in Schruns leitet, den 2018 auf der Versettla skulptural errichteten „Schneestangenbaum“ aus abgebrochenen Schneestangen in der aktuellen umgestürzten Version mit Acryl auf Leinwand verewigt. Einzelne Pfostenteile der zusammengebrochenen Arbeit werden signiert als Multiple aufgelegt. Ausserdem ist eine Performance, im Rahmen derer Roland Haas mit einer solchen Stange „Steinmännle“ zerstört, auf Video festgehalten. Solche Steinmännchen, oft auch Steindauben genannt, sind aufeinander gestapelte Steine in Form kleiner Hügel oder Türmchen und dienen üblicherweise bei Nebel oder unwegsamem Gelände als Orientierungshilfen. Da aber Touristen mittlerweile überall solche Männchen errichten, ist diese wichtige Funktion ziemlich eingeschränkt worden. Auch der Naturschutz stößt sich an dieser Männchenmanie, denn bei jedem Aufheben eines Steins wird ein darunterliegendes Biotop zerstört. Für Roland Haas doppelter Anlaß, zur „Brechstange“ zu greifen.

Es ist Teil des Konzepts des "SilvrettAteliers", dass die dazugehörige Ausstellung erst ein halbes Jahr später stattfindet, damit noch Zeit bleibt, die Erlebnisse nachwirken zu lassen und die Arbeiten zu Hause in Ruhe abschließen zu können. Solcherart soll den Teilnehmenden der Druck genommen werden, dass bereits am Ende der zwei Wochen schon alles fertig zu sein habe und präsentiert werden müsse. Konkret sollen die aus dem diesjährigen Syposium heraus entstandenen Werke im März des kommenden Jahres im Bildraum Bodensee in Bregenz und etwas später im Kunstforum Montafon in Schruns zur Schau gestellt werden. Wie immer sollen die Kunststücke auch diesmal in einem Katalog dokumentiert werden.

Die teilnehmenden Kunstschaffenden:
- Marc-Alexandre Dumoulin (geb. 1984, CAN/AT) - Malerei
- Roland Haas (geb. 1958, AT) - Malerei, Landart, Projektleiter
- Hannes Egger (geb.1981,IT ) - Konzeptkunst, Installation
- Janine Eggert & Philipp Ricklefs (geb. 1978/1981, D) - Konzeptkunst
- Maria Hanl (geb. 1969, AT)- Installation, Video, Fotografie
- Eva-Maria Lopez (geb. D,F) - Konzeptkunst, Fotografie
- Lukas Troberg (geb. 1984, D) - Objektkunst, Performance
- Katharina Anna Wieser (geb. 1980, CH) - Objektkunst, Installation

www.silvrettatelier.at/2022