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29.11.2018 |  Karlheinz Pichler

Nach dem großen Kino folgt im KUB das Jahr der Gesichter

Ob das Kunsthaus Bregenz (KUB) dieses Jahr die Besuchermarke von 50.000 knackt, hängt letztlich von der aktuell laufenden Schlussausstellung des Jahres ab, die dem Schaffen der britischen Künstlerin Tacita Dean gewidmet ist, der großen Verfechterin des analogen Films. Gelingt es, läge man deutlich über dem Schnitt der letzten Jahre, ausgenommen des Jubiläumsjahres 2017, denn da gab es aufgrund der unzähligen Veranstaltungen einen Ausreißer nach oben auf über 77.000 BesucherInnen. Im kommenden Jahr setzt KUB-Direktor Thomas D. Trummer einen Schwerpunkt auf „handfeste“ Kunst. Gezeigt werden unter anderem Gemälde von Miriam Cahn und Skulpturen von Thomas Schütte. Thematisch zieht sich das „Gesicht“ wie ein roter Faden durch das neue Programmjahr.

Das KUB kann nicht nur auf eine solide „physische“ Besucherzahl verweisen, sondern auch die Präsenz in der virtuellen Welt ist mittlerweile durchaus respektabel. Beispielsweise gibt es bei der Abonnentenzahl auf der Social-Media-Fotoplattform Instagram gegenüber dem letzten Jahr eine Verdoppelung auf 4.600, wobei hier 735 Beiträge publiziert wurden. Auf Facebook haben 7.000 Leute die Site des KUB abonniert. Über 4.500 Beiträge sind unter dem Hashtag #kunsthausbregenz auf Twitter zu finden, und auf Youtube verzeichnete man bislang 167.000 Videoaufrufe.

Was das Budget anbelangt, so erhielt das KUB dieses Jahr einen Landesbeitrag in Höhe von 2,72 Millionen Euro sowie eine Galerienförderung des Bundes für Kunstankäufe in der Größenordnung von 36.500 Euro. Die Eigeneinnahmen betragen 650.000 Euro, was in etwa 20 Prozent des Budgets entspricht.


„The Montafon Letter“


In der aktuell laufenden Ausstellung im KUB sind
Werke der 1965 im britischen Canterbury geborenen Künstlerin Tacita Dean zu sehen. 16- und 35-Millimeter-Filme, mit denen sie international bekannt geworden ist, stehen im Mittelpunkt der Bregenzer Schau. Einen weiteren Schwerpunkt bilden zwei monumentale Kreidezeichnungen im Foyer des Hauses.

Eine dieser Zeichnungen ist mit „The Montafon Letter“ betitelt und misst 3,66 mal 7,32 Meter. Sie ist im letzten Jahr entstanden und hat ein historisches Lawinendrama in der Vorarlberger Talschaft Montafon im Jahr 1689 als inhaltlichen Ausgangspuntkt. Aufzeichnungen zufolge wurden damals 130 Menschen getötet. Als der Pfarrer der Nachbargemeinde den Toten unter dem Schnee den letzten Segen geben wollte, wurde er von einer zweiten Lawine ebenfalls verschüttet. Eine dritte Lawine soll ihn aber wieder befreit haben, und so weiß man von dieser Vorarlberger Geschichte. Laut der Künstlerin darf man durchaus politische Analogien mit dieser Zeichnung verknüpfen. Denn mit Hinblick etwa auf den Brexit oder US-Präsident Donald Trump würden wir ja in einer Zeit „großer politischer Lawinen“ leben. Und so hoffe auch sie auf eine dritte Lawine, die uns wieder befreit. „Denn ehrlich: wir stecken ziemlich tief im Dreck," so Tacita Dean wörtlich.

Neben „The Montafon Letter“ präsentiert die Künstlerin mit „Chalk Fall“ außerdem eine ganz neue, speziell für die Ausstellung angefertigte Zeichnung, wobei Thema und Medium hier direkt miteinander korrespondieren. Wie „The Montafon Letter“ besteht auch diese Arbeit aus neun Tafeln, die in Summe ebenfalls die Ausmasse von 3,66 mal 7,32 Metern erreichen.

Verfechterin des analogen Films


Inhaltlich drehen sich die meisten Werke von Tacita Dean, vor allem ihre filmischen Arbeiten, um Geschichte, Landschaft, Naturgewalten, Erinnerung und Sehnsucht. Drei ihrer wohl wichtigsten Streifen sind installativ angeordnet in den drei Obergeschossen des Hauses zu sehen. Großes Kino im KUB also. Das aktuellste und vielleicht auch aufwendigste Werk nennt sich „Antigone“ und wird im ersten Obergeschoss präsentiert. An diesem Film, der 56 Minuten dauert, arbeitete die Britin zehn Jahre lang. Fertig wurde er aber erst in diesem Jahr. „Antigone“ wurde
im Frühjahr dieses Jahres in der Royal Academy in London erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Neben der Royal Academy bespielte Dean damals gleichzeitig auch die National Gallery und die National Portrait Gallery. Es war ein beispielloser Zusammenschluss der berühmten Londoner Institutionen. Die synchronisierte Projektion von zwei 35-mm-Filmen stellt eine zu gleichen Teilen autobiografische wie mythologische sowie eine technisch aufwendige und optisch anspruchsvolle Reflexion über das Sein in der Zeit dar. "Film wird mit Chemie gemacht, mit Licht und einer Linse. Jeder einzelne Filmkader hat eine andere reaktionsfähige Struktur. Darin liegt eine ungeheure Schönheit. So eine Emulsion besteht aus, was weiß ich, 17 oder 23 Schichten. Also, das hat Tiefe! Ich hätte 'Antigone' niemals als Video machen können mit den Mehrfachbelichtungen innerhalb der einzelnen Filmkader, die so etwas wie eine Blindheit hervorrufen," sagt Dean.   

Im zweiten Obergeschoss leuchten die sechs Leinwände der Filminstallation „Merce Cunningham performs STILLNESS“ (2008). Die Arbeit ist Teil einer Serie filmischer Künstler/innen-Porträts, darunter David Hockney, Julie Mehretu, Claes Oldenburg und Cy Twombly. Der Tänzer Merce Cunningham performt darin das Stück seines bereits verstorbenen Partners John Cage 4’33”, ein Musikstück, das ohne Ton die Stille feiert. Das Werk entstand genau vor zehn Jahren. „Would you perform something to John Cage’s composition 4'33“?“ fragte Dean damals die Ikone der Tanzmoderne. Cunningham, 88-jährig und von Arthritis gezeichnet, zögerte nicht, die Aufforderung anzunehmen. Seine minimalistischen Bewegungen korrespondieren mit der ‚stillen Musik’ von Cage, der als einzige Bedingung vorgab, keine Geräusche zu erzeugen. Aus sechs unterschiedlichen Kameraperspektiven nahm Dean die Performance auf, die Cunningham im Anschluss „STILLNESS“ nannte.

Im dritten Obergeschoss des KUB letztlich ist das 2011 für die Turbinenhalle der Tate Modern konzipierte Werk „FILM“ zu sehen – ein Porträt des Mediums Film schlechthin. Das Werk markiert den Beginn Tacita Deans Kampagne für den Erhalt des photochemischen Films (www.savefilm.org).

Lange Nacht des analogen Films


Da Dean eben eine Verfechterin des fotochemischen Films ist, hat das KUB – auch passend zum 100-Jahr-Jubiläum der Selbständigkeit Vorarlbergs – im ganzen Land nach Super-8-Filmen für eine Lange Nacht des analogen Films aufgerufen. Mögliche Besucher und Filmfans wurden eingeladen, ihre alten Archive zu öffnen und ihre Filmschätze mitzubringen. Naturspektakel wie die „Seeg‘frörne“ 1963, Bahnfahrten oder Schiabenteuer seien genauso gefragt wie Weihnachtsaufnahmen oder Familienereignisse, heißt es. Was nun aus den privaten und öffentlichen Archiven tatsächlich zutage geschürft wurde, kann man am 1. Dezember von 20 bis 23 Uhr im Rahmen der „Langen Nacht des analogen Films“ im KUB mitverfolgen.

Von Ed Atkins bis Zoe Leonard

Für 2019 sind wiederum vier Ausstellungen angesagt. Den Anfang macht der Brite Ed Atkins (19.1. - 31.3.), der als einer der wichtigsten „Post-Internet Art“-Künstler gehandelt wird. Trauer, Melancholie und Angstzustände sind Schlüsselbegriffe im Werk von Atkins’, der in Bregenz eine Reihe neuer und jüngerer Arbeiten zeigen wird. Atkins Werke seien "nicht einfach zu sehen", so KUB-Chef Thomas D. Trummer. So durchlebten seine computergenerierten Figuren begleitet von Klaviermusik negativ besetzte Gemütszustände; die ländliche Idylle, an ein Videospiel angelehnt, wird als Fake entlarvt. Es sei eine "große Ehre, dass Atkins im richtigen Moment seiner Karriere hier in Bregenz ist". Eine zentrale Funktion nimmt in den Ausstellungen des Videokünstlers und Sprachjongleurs immer wieder ein verzweifelter Avatar ein, der wie eine virtuelle Entsprechung des Künstlers selber agiert. Atkins verwendet für seine Werke dieselben Techniken, wie sie beispielsweise in den Welten realistisch animierter Computerspiele zum Einsatz kommen. Wie nahe der Brite mit seinen Filmbildern dabei an die Wirklichkeit kommt, ist atemberaubend. Dennoch erzeugt Atkins durch absichtlich gesetzte Details immer wieder auch Bruchstellen. So beleuchtet er kritisch die Einflüsse der digitalen Medien auf den Menschen.

Im Frühjahr (13.4. - 30.6.) zeigt das KUB Werke der Schweizer Malerin Miriam Cahn. Die Malerin und Zeichnerin, die im nächsten Jahr ihren 70. Geburtstag begeht, wählt häufig schemenhafte Körper als Motiv und kommentiert damit gesellschaftspolitische Themen. In Pastell oder Kohle zeigt sie Figuren oft formatfüllend in leeren, kaum definierten Umräumen. Die Gesichter sind schattenhaft reduziert, Augen und Münder nur Schemen. Die Körper, meist nackt, wirken verloren und geisterhaft, als würden sie von einem fluoreszierenden Licht erhellt.

Zur Festspielzeit im Sommer präsentiert das Kunsthaus Bregenz den prominenten deutschen Bildhauer und Zeichner Thomas Schütte. Seine bis zu sechs Meter hohen Skulpturen werden von 13. Juli bis 6. Oktober im KUB und in der Stadt zu sehen sein. Als Höhepunkt gilt eine noch im Guss befindliche Plastik: ein Wasserdampf schnaubender Drache. Ähnlich wie Per Kirkeby, formt auch Schütte zunächst anschauliche kleine Modelle aus Ton oder Wachs, die er dann ins Monumentale weiterentwickelt. Rund um die Drachenfigur, die am Vorplatz des KUB platziert werde, sollen junge Künstler aus verschiedenen Sparten ein Sommerprogramm bestreiten.

Der Ausklang des Programmjahres 2019 ist der New Yorker Fotokünstlerin Zoe Leonard beschieden. Sie präsentiert eine fotografische Langzeitstudie jenes Abschnittes des Flusses Rio Grande, der die Grenze zwischen den USA und Mexiko markiert. Wohl kaum ein Fluss ist symbolisch derart stark befrachtet, wie der Rio Grande, vom Western über den Drogenschmuggel bis hin zur Migration, und damit ist er auch politisch belastet.

Während bei Atkins, Cahn und Schütte das menschliche Antlitz als gemeinsamer Nenner angesehen werden könnte, zeichnet Zoe Leonard das „Gesicht“ eines besonderen Flusses mit der Kamera nach.


Tacita Dean
Kunsthaus Bregenz
Bis 6.1.2019
Di - So 10 - 18, Do 10 - 20
www.kunsthaus-bregenz.at

Lange Nacht des analogen Films
Kunsthaus Bregenz
1.12.
20 - 23 Uhr

Tacita Dean: The Montafon Letter. Kreidezeichnung, 366 x 732 cm, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler)

Tacita Dean: The Montafon Letter. Kreidezeichnung, 366 x 732 cm, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler)

Tacita Dean: Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz, Merce Cunningham performs STILLNESS... (six performances, six films), 2008, 6 16-mm-Filme, Farbe, Lichtton, je ca. 5 Min. (Foto: Markus Tretter, Courtesy of the artist, Marian Goodman Gallery, New York / Paris, und Frith Street Gallery, London © Tacita Dean, Kunsthaus Bregenz)

Tacita Dean: Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz, Merce Cunningham performs STILLNESS... (six performances, six films), 2008, 6 16-mm-Filme, Farbe, Lichtton, je ca. 5 Min. (Foto: Markus Tretter, Courtesy of the artist, Marian Goodman Gallery, New York / Paris, und Frith Street Gallery, London © Tacita Dean, Kunsthaus Bregenz)

Ed Atkins: GoodMan, 2017 (Bild: KUB)

Ed Atkins: GoodMan, 2017 (Bild: KUB)

Miriam Cahn
: Zähne zeigen, 2018
, Öl auf Holz, 30 x 26 cm (Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz
, Courtesy of the artist, 
© Miriam Cahn)

Miriam Cahn
: Zähne zeigen, 2018
, Öl auf Holz, 30 x 26 cm (Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz
, Courtesy of the artist, 
© Miriam Cahn)

Thomas Schütte: Wichte, 2006 Bronze, Stahl, 70 x 50 x 33 cm (Foto: Nic Tenwiggenhorn. Courtesy of the artist © Thomas Schütte | Bildrechte, Wien, 2018)

Thomas Schütte: Wichte, 2006 Bronze, Stahl, 70 x 50 x 33 cm (Foto: Nic Tenwiggenhorn. Courtesy of the artist © Thomas Schütte | Bildrechte, Wien, 2018)

Zoe Leonard: El Rio / The River, 2016-2019. C-Prints und Silbergelatineabzüge (Courtesy: die Künstlerin, Galerie Gisela Capitain, Köln, und Hauser & Wirth ,© Zoe Leonard)

Zoe Leonard: El Rio / The River, 2016-2019. C-Prints und Silbergelatineabzüge (Courtesy: die Künstlerin, Galerie Gisela Capitain, Köln, und Hauser & Wirth ,© Zoe Leonard)

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  • Tacita Dean: The Montafon Letter. Kreidezeichnung, 366 x 732 cm, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler) Tacita Dean: The Montafon Letter. Kreidezeichnung, 366 x 732 cm, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler)
  • Tacita Dean: Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz, Merce Cunningham performs STILLNESS... (six performances, six films), 2008, 6 16-mm-Filme, Farbe, Lichtton, je ca. 5 Min. (Foto: Markus Tretter, Courtesy of the artist, Marian Goodman Gallery, New York / Paris, und Frith Street Gallery, London © Tacita Dean, Kunsthaus Bregenz) Tacita Dean: Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz, Merce Cunningham performs STILLNESS... (six performances, six films), 2008, 6 16-mm-Filme, Farbe, Lichtton, je ca. 5 Min. (Foto: Markus Tretter, Courtesy of the artist, Marian Goodman Gallery, New York / Paris, und Frith Street Gallery, London © Tacita Dean, Kunsthaus Bregenz)
  • Ed Atkins: GoodMan, 2017 (Bild: KUB) Ed Atkins: GoodMan, 2017 (Bild: KUB)
  • Miriam Cahn
: Zähne zeigen, 2018
, Öl auf Holz, 30 x 26 cm (Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz
, Courtesy of the artist, 
© Miriam Cahn) Miriam Cahn
: Zähne zeigen, 2018
, Öl auf Holz, 30 x 26 cm (Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz
, Courtesy of the artist, 
© Miriam Cahn)
  • Thomas Schütte: Wichte, 2006 Bronze, Stahl, 70 x 50 x 33 cm (Foto: Nic Tenwiggenhorn. Courtesy of the artist © Thomas Schütte | Bildrechte, Wien, 2018) Thomas Schütte: Wichte, 2006 Bronze, Stahl, 70 x 50 x 33 cm (Foto: Nic Tenwiggenhorn. Courtesy of the artist © Thomas Schütte | Bildrechte, Wien, 2018)
  • Zoe Leonard: El Rio / The River, 2016-2019. C-Prints und Silbergelatineabzüge (Courtesy: die Künstlerin, Galerie Gisela Capitain, Köln, und Hauser & Wirth ,© Zoe Leonard) Zoe Leonard: El Rio / The River, 2016-2019. C-Prints und Silbergelatineabzüge (Courtesy: die Künstlerin, Galerie Gisela Capitain, Köln, und Hauser & Wirth ,© Zoe Leonard)