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29.11.2018 |  Karlheinz Pichler

Das Knüpfen als Werkmethodik - Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer in der Bludenzer Galerie allerArt

Die Bludenzer Galerie allerArt beendet das laufende Ausstellungsjahr mit einem Werkeinblick in das Schaffen der beiden Künstlerinnen Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer. Auch wenn die beiden mit sehr unterschiedlichen Materialien arbeiten, gibt es eine Verbindungslinie, nämlich die Technik des Knüpfens als Werkmethodik. Wobei es auch bei dieser uralten Kulturtechnik wiederum sehr differenzierte Vorgehensmöglichkeiten gibt. Für die Werkschau in Bludenz, die von Andrea Fink kuratiert wird, realisierten Rosenstock und Stiegholzer, die zum ersten Male gemeinsam ausstellen, sowohl eigene Stücke als auch eine große Gemeinschaftsarbeit.

Beim Betreten der Ausstellung fällt dieses Gemeinschaftswerk nicht nur aufgrund seiner Größe auf, sondern auch, weil es am Bloden platziert ist. Das Objekt trägt den Titel „Datenschutzverordnung“ und thematisiert damit nicht nur den Datenmissbrauch der Internetgiganten à la Facebook, Whatsapp und Co, sondern auch die unzulänglichen Regelwerke, die dazu entstanden sind.

Aussage zur Zeit


Den Kern des Kunstwerks „Datenschutzverordnung“ bildet geschreddertes Papier, das Dorothea Rosenstock in transparentes Papier gehüllt und zu Polstern vernäht hat. Franziska Stiegholzer hat diese mittels Floristikschläuchen miteinander verbunden. Nach Ansicht der beiden Künstlerinnen verursacht die vor einem halben Jahr in Kraft getretene Datenschgrundverordnung (DSGV) eine große Verunsicherung und Mehraufwand in der Gesellschaft. Mit der Leichtigkeit, die das gemeinsam erarbeite Werk ausstrahlt, wird die Schwere, die das neue Gesetz verbreitet, gleichsam konterkarriert.

Materialwahl zentral

Was mit dem Objekt „Datenschutzverordnung“ evident wird, gilt auch für die anderen gezeigten Werke der Ausstellung: Die Wahl des Materials spielt für beide Objektkünstlerinnen eine zentrale Rolle. In jedem Material stecke eine Geschichte, eine Aussage, und jedes Material verlange nach einer bestimmten Form und Technik, betonen die beiden. Wobei Rosenstock Garne bevorzugt, die in einem mehr oder weniger textilen Kontext stehen, insbesondere Papiergarne, und Stiegholzer immer wieder auf Alltagsmaterialien zurückgreift, die sie in Baumärkten oder im Haushalt findet. Vielfach ist es denn auch das Material selbst, das Stiegholzer die erste Inspiration für ein neu geplantes Werk liefert.

Trotz der werkstrategischen Bedeutung des Materials, könnte der künstlerische Hintergrund Rosenstocks und Stiegholzers kaum unterschiedlicher sein. Dorothea Rosenstock, 1979 in Männedorf am Zürichsee geboren, absolvierte die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern mit Fachrichtung Textildesign. Anschließend übersiedelte sie nach Finnland und schrieb sich in die Aalto University Helsinki ein, um ein Master Studium in der Fachrichtung „Textile Art und Design“ zu durchlaufen. Vor fünf Jahren erlangte sie den Abschluss. In der textilen Kunst Finnlands fand sie eine Art künstlerische Heimat. Im Zuge ihrer beruflichen Tätigkeit als Designerin für westafrikanische Damaste bei einer Bludenzer Firma konnte sie ihr gewebetechnisches Knowhow in Richtung industrieller Anwendungen maßgeblich ausweiten. Franziska Stiegholzer, 1967 in Wien geboren, studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Prof. Franz Xaver Ölzant Medailleurkunst und Kleinplastik. Ihre Objekte basieren häufig auf einer iterativen Verknüpfung von zahlreichen kleinen Einzelteilen zu einer Gesamtheit.

Mehrdeutig

Der Ausstellungstitel “Anknüpfen“ lässt in Bezug auf das Vorgehen der beiden Künstlerinnen mehrere Deutungen zu. So kann „Anknüpfen“ etwa die Auseinandersetzung mit etwas Gegebenem sein. Beispielsweise mit einer Tradition oder einem ganz bestimmten Aspekt aus der Kulturgeschichte. Man kann auch an eigene frühere Werke anknüpfen, oder an die Arbeitsweise des Gegenübers. Im Terminus „Anknüpfen“ steckt aber darüber hinaus auch das Wort „knüpfen“, womit eine Anspielung auf die technische Vorgehensstrategie gegeben ist. Denn beide Künstlerinnen werden von der Neugier angetrieben, alltägliche Materialien aus ihrem gewohnten Kontext herauszulösen, miteinander zu verknüpfen und in neuer Gestalt sowie in neuem Umfeld zu präsentieren.

So „verhäkelt“ Franziska Stiegholzer, die seit mehreren Jahren in Frastanz lebt und arbeitet und wie Rosenstock im Vorstand von KunstVorarlberg sitzt, etwa Gummibänder oder Dichtungsringe zu netzwerkartigen, dreidimensionalen Geflechten, die formal an Polster, Kettenhemden, oder skulpturale Materialabstraktionen erinnern. Neben dem Häkeln setzt Stiegholzer aber auch Drahtklämmerchen oder Kabelbinder ein, um ausgediente Verpackungsmaterialien oder Installationszeugs miteinander zu „verknüpfen“. Der aus Wien stammenden Künstlerin geht es bei ihren Objekten nicht zuletzt darum, beim Betrachter eine Art von Direktheit und Unverfälschtheit des Schauens auszulösen.

Während Stiegholzer also mit alltäglichen Methoden, die an das Arbeiten auf dem Bau erinnern, die Dinge verbindet, greift Dorothea Rosenstock auf die traditionelle finnische „Ryijy“-Technik zurück. Für ihre objekthaften Ryijy-Kunstwerke, die ausschließlich am Handwebstuhl entstehen, verwendet sie unter anderem Papiergarn. Dieses stammt aus Finnland und füllt seit Jahren ihr Garnlager in Bludenz, wo sie an einer Ateliergemeinschaft beteiligt ist. Neben diesem Material mit höchst „eigenwilligem Charakter“ (Rosenstock) knüpft sie aber auch mit alltäglichen „Fäden“, wie beispielsweise Textilkordeln.

Die Farbe und die Form spielt bei den ausgestellten Exponaten eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht viel eher die Entwicklung von Strukturen und die Verbindung von einzelnen Elementen zu einem flächenhaften Objekt. Da die meisten Werke in gemeinsamen kleinen Gruppen gehängt sind, lassen sich die unterschiedlichen Vorgangsweisen der beiden Künstlerinnen in direkten „Dialogen“ der Werke unmittelbar miteinander vergleichen.

Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer: „Anknüpfen“
Galerie Allerart, Bludenz, Raiffeisenplatz 1
Bis 22.12.
Mi - Sa, So, Fe 15 - 18
www.allerart-bludenz.at

"Datenschutzverordnung": Gemeinschaftswerk von Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler)

"Datenschutzverordnung": Gemeinschaftswerk von Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler)

Arbeiten von Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer im Dialog

Arbeiten von Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer im Dialog

In Ryijy-Technik gewebtes Wandobjekt von Dorothea RosIenstock

In Ryijy-Technik gewebtes Wandobjekt von Dorothea RosIenstock

"Ohne Titel": Aus Installationsmaterialien geknüpfte Skulptur von Franziska Stieghlzer

"Ohne Titel": Aus Installationsmaterialien geknüpfte Skulptur von Franziska Stieghlzer

Impression von der Ausstellungseröffnung (Fotos: Karlheinz Pichler)

Impression von der Ausstellungseröffnung (Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • "Datenschutzverordnung": Gemeinschaftswerk von Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler) "Datenschutzverordnung": Gemeinschaftswerk von Dorothea Rosenstock und Franziska Stiegholzer, 2018 (Foto: Karlheinz Pichler)
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