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05.12.2018 |  Peter Niedermair

Alois Galehr: „Refugium Karton“ – Ausstellung in der Villa Falkenhorst, Thüringen

Alois Galehr tritt dann auf den Plan, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dass der Karton als Verpackungsmaterial weggeschmissen wird. Karton ist die Traummaschine des Alois Galehr. Er ist kein Horter. Er sammelt nur Karton. Er ist kein Messie. Ganz und gar nicht. Sein Haus in Vandans, sein Atelier, die Kellerräume, alles picobello. Da liegt nicht einfach etwas herum, alles ist verräumt. In Schachteln großteils. Wie sonst? Seine Kunst ist eine mehrdimensionale, schneiden und brechen sich doch klassische Kunstdisziplinen, Zeichnung, Malerei, Skulptur und Installation. Er arbeitet in Serien. Wiederholt konsultiert er seine Karton-Kultur-Archive, liest darin, im übertragenen Sinne, als wolle er den Wert und Unwert des Materials aktuell analysieren und neu bewerten.

Enzyklopädisch angelegte Karton-Archive

Alois Galehrs augenfälligste künstlerische Methodik ist das Recycling von Karton, Schachteln und Wellpappe, die ihn in den unterschiedlichsten Formen finden, die er filetiert und stapelbar einlagert und weiterverarbeitet. Was wir im Alltag längst als Altpapier gesammelt und zur Weiterverwertung als kostbaren Rohstoff im Sinne der Nachhaltigkeit abgegeben haben, interessiert Alois Galehr, den obsessiven Sammler von Karton. Karton ist für Alois Galehr künstlerische Querschnittsmaterie. Seine Archive sind enzyklopädisch angelegt und für den späteren kreativen Prozess so etwas wie vorsortiert. Alois Galehr, der bis zu seiner Pensionierung als Lokführer angestellt war, arbeitet immer schon mit dem, was da ist. In der Depotsituation zeichnen sich bereits kartonale Transitpositionen ab, die zwischen eingelagertem Material im gestapelten Rohzustand und sklupturenhaftem, unvollendetem Aggregatzustand der Kartonage changieren.

„Die Arbeit meines Vater“

Das Bild auf der Einladungskarte ist ein Kunstwerk an sich. Die Fassade und das Foto dazu gleichermaßen. Bei einem Spaziergang auf der Nenzinger Bahnhofsstraße 2009 war Alois Galehr dieser im Umbau befindlichen Hausfassade begegnet. Nach dem Herunterreißen der Eternitabdeckung wurde die darunter liegende Kartonschicht sichtbar. Die Arbeit seines Vaters als Dachdecker an dieser genannten Fassade in Nenzing antizipiert in gewissem Sinn die Materialität – als die Idee von Karton –, mit der sich Alois Galehr ein Künstlerleben lang einrichtet. Refugium. Jeder hat solche Refugien, sagt er, als wir durch sein Haus in Vandans gehen und er anhand einer Mappe, die auf die Anfänge der Artenne in Nenzing zurückgeht, die gesammelte Blätter und Skizzen aufbewahrt, und er anhand der Sammlung einen Ausschnitt Vorarlberger Kunstgeschichte erzählt. Das Karton Schlüsselerlebnis liegt ein Vierteljahrhundert zurück. Karton, neben anderen Materialien, ist für ihn das ideale künstlerische Mittel, seine Ideen zu übersetzen, sie poetisch zu transformieren.

„Annablock“

Der auf den Boden umgelegte Küchenblock, „Annablock“, ist randvoll mit Seitenteilen von Schachteln angefüllt, bis nichts mehr hineinging, 2,05 x 2,20 m, besteht aus sechs auf Rädchen rollbaren Teilen, die bei der Eröffnung im Rahmen einer Performance als Requisite mit einbezogen werden. Dahinter steht die künstlerische Intention, Alltagsgegenstände, Mobiliar, Utensilien, Küchenmöbel oder ein Schlagzeug, die niemand mehr braucht, mit Karton zu füllen, sie zu verfremden, ihnen eine neue, spielerische Funktionalität zu geben. Alois Galehr will dabei eher auf ihn ansprechende vorgefundene, ihn umgebende Formen zurückgreifen als neue kreieren. Die wabenförmige Struktur gibt dem Karton jene Konsistenz, die ihn leicht und stabil zugleich macht. Für die Galehr’sche Kunst sind dies unverzichtbare Eigenschaften. Für seine künstlerischen Arbeitsschritte benötigt er im Rahmen seiner Methodologie Geduld, Genauigkeit, Ausdauer, Konsequenz, Übersicht, fundierte Dokumentationen und gutes Werkzeug. In der Bearbeitung folgt er der inneren Logik des Materials, spürt dieser nach und dialektisiert sie. Im Galehr‘schen Kunstuniversum liegen Rezeption und Kunstgenuss, Staunen und Lachen nahe beisammen.

„Refugium Karton“ – Die Ausstellung

In der am 2. Dezember eröffneten Ausstellung erzählt der in Vandans lebende Künstler Alois Galehr Geschichten, die er mit Stanley-Messer geschnittenen Kartonen präsentiert. In ausgehöhlten Schlagzeugtrommeln. Im Küchenkasten „Anna“ – geblockt. Spiralig als fünf-Ellen-hoch-gedrehter Turm. Cavallinesk an den Bogen des Korridors. Befriest. Ebnerisch und mit Douglass Together Again im Walgau. Als schwarze Skulpturen im Park der Villa Falkenhorst. Die Kartöner, multi colori und paradiesisch beschriftet, passabel fotogen, wie unser Leben zumindest ein Stück weit hätte sein sollen. Sie sind easy to handle, weil ihnen alles inhaltlich Schwere entnommen ist. Und so kommen sie federleicht daher, genau so, wie wir uns Glück vorstellen, wenn wir an wilden Felsen vorbei wandern und im Licht des Rätikon schweben. Unsere Blicke zieht es hinein in diese bizarren Bergformationen vis-a-vis der wunderbaren Villa. In eine Welt, die schon besetzt ist, längst bevor wir da sind. Das weiß man aus der Geschichte über diesen Spielplatz Europas. Man weiß es aus den wahren und erfundenen Geschichten. Aus Erinnerungen. Die Sommerfrische im Nenzinger Himmel. Auf der Schesaplana. Von Schulausflügen ins Gauertal. Und von Maisäß-Wochenenden. Das weiß man von den hemdsärmeligen Typen, die, die man kennt, die, die meinen, der Rätikon habe immer schon ihnen gehört. Man weiß es aus Natter’schen Ibele-Romanen. Und mit Norman und Sholto Douglass weiß man, im Rätikon betritt man das Reich der wilden Felsen. Mit der Macht der inneren Bilder.

Die Beschriftungen der Kartone

Lorfy Mojosol, Rina cita, Ortofrutticola del Trigno, Chata, Honey Pomelo, Cavallino, Bandera, Layma, Baffino, Casur, Hoyamar, Les Jumelles, Bucanville, Aranade, Xenia, Moyca, Montalbo, Torero, Baffino, Opec campisi, Capespan, Pinguino, Daria, Selmex, Pominter, Joylife, Summerkiwi, Pink Lady, Albani, Evelina, Gobbi Dino … lauter Beschriftungen an den Kartonschachteln, wie sie sich draußen im Korridor über den Bogen spannen. Das vokalisch finale O … Ein Selbstlauter mit einem einzigen Auftun des Mundes … Zimtener Zauber, Schrei, eine Kunstsprache für Träume. Das ist die Semantik des Paradieses. Aus dem, laut Erzählungen, Adam und Eva vertrieben wurden. Tintoretto hat diese Fruchtreichung gemalt. „Der Sündenfall“, der Jacopo Robusti schon zu Lebzeiten Ruhm brachte, gilt, besonders wegen der differenzierten Hautschattierungen, als eine der besten Aktdarstellungen der venezianischen Malerei; es hängt derzeit in der Accademia in Venedig, wo dem Meister der Renaissance-Malerei zum 500. Geburtstag ein Fest der Superlative angerichtet wird. Der Gefeierte ist einer der drei künstlerischen Titanen der Serenissima. Wie kein anderer Maler vor ihm holt Tintoretto die Gewalten des Himmels in die Malerei, sei es Licht, Himmel oder Blitze. Im „Sündenfall“ malt Tintoretto, der Sohn eines Färbers – Tintoretto heißt „Färberlein“ – die erotischen Farben der Verführung.

Begehrenswerte Früchte

In ebensolchen und ähnlichen Farben, damals allerdings aus Pülverchen angerührt, sind auch die Kartone, die Alois Galehr in seiner Kunst einsetzt. Diese Farben in ihrer Lexik sprechen von einem Begehren. Sie sind auf eine wunderbare Art sinnlich, sie kreisen um all die begehrenswerten Früchte, die direkt aus den Paradiesen zu uns hierher, an die nordrändigen Ausläufer der alpinalen Lebenswelt gelangen. Apples and Pommegranades. Dort wie hier träumen Adam und Eva den Traum, der vor ihnen liegt, mit Blicken ins Paradies. Nach Cavallino zum Beispiel. Östlich von Venedig, vorbei an den Gardini della Biennale und dem Lido di Venezia … An der Punta Sabbioni beginnt Cavallino, eigentlich Cavallino-Treporti. Dort werden die Traumfrüchte angebaut, geerntet und in diese Kartonschachteln gepackt, die bei Alois Galehr hier als Kunst wieder verwertet sind. Wenn man sagt, was nach Cavallino kommt, versteht man mehr von diesem Meer paradiesischer Sehnsüchte: Lido di Jesolo, Eraclea Mare, Duna Verde, Caorle, Bibione … Sommer-Sonne-Sinnesfreuden. Der Künstler breitet sie mit einer Portion Ironie vor uns aus ... Albani, Evelina, Gobbi Dino … Die Kartone, Alois Galehrs Kartone, sie spielen mit dem Leben. Was denn sonst ist Kunst?

Alois Galehr: Refugium Karton
Ausstellungsdauer 2.12.2018 bis 6.1.2019
An Sonntagen 15  –  17 Uhr und bei Veranstaltungen, Tel. +43 (0) 5550 20137
Villa Falkenhorst · Flugelin 3 · 6712 Thüringen · www.villa-falkenhorst.at

CAVALLINO IV (Foto: Alois Galehr)

CAVALLINO IV (Foto: Alois Galehr)

GEDREHTE (Foto: Alois Galehr)

GEDREHTE (Foto: Alois Galehr)

FTT SCHWARZ (Foto: Alois Galehr)

FTT SCHWARZ (Foto: Alois Galehr)

ANNABLOCK (Foto: Alois Galehr)

ANNABLOCK (Foto: Alois Galehr)

Performance bei der Ausstellungseröffnung (Foto: Kegele)

Performance bei der Ausstellungseröffnung (Foto: Kegele)

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  • CAVALLINO IV (Foto: Alois Galehr) CAVALLINO IV (Foto: Alois Galehr)
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