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23.10.2018 |  Peter Niedermair

N47°30.042’ - E009°44.922’ Bilbao-Bregenz-Residencies 2018: Fernando Villena und Pau Figueres in der Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz

Eröffnung: Dienstag, 23. Okt. 2018, 18 Uhr, Begrüßung: Kulturlandesrat Christian Bernhard, Einführung: Kirsten Helfrich

Der Künstler Pau Figueres lebt in San Sebastian, bekannt für die Filmfestspiele, ein kultureller Knotenpunkt zwischen Frankreich und dem Baskenland am nördlichen Ausläufer der Pyrenäen und am Golf von Biskaya gelegen, wo sich ein wesentlicher Teil der Regenwolken für die Destination Vorarlberg aufbaut. Das Hotel Londres an der Concha, der muschelförmigen Bucht von San Sebastian, ist der perfekte Ort für weitere Explorationen der baskischen Kulturlandschaft. Fürs Essen allemal, Pinchos/Pintxos, ebenfalls für die Kunst im Land, wobei das Guggenheim in Bilbao noch eine herausragende Stellung einnimmt. Allerdings ist die Lebenspraxis von Künstlerinnen und Künstlern im Baskenland, wie übrigens auch in ganz Spanien, abgesehen von den großen Metropolen Madrid und Barcelona, eher sehr schwierig, die Fördersituation öffentlicher Stellen in Österreich und Spanien unterscheiden sich deutlich voneinander. Deshalb haben Kulturabkommen zum Austausch von KünstlerInnen, wie jenes zwischen dem Baskenland und Vorarlberg, einen kulturpolitisch und künstlerisch wichtigen Stellenwert. Les Basques ist eine historisch und demokratiepolitisch bedeutende Region Europas; in Guernica war sehr früh im 12. Jahrhundert bereits eines der ersten Parlamente in Europa entstanden. Das Bombardement von Guernica, eine Kollaboration zwischen Francos Spanien und Hitler Deutschland zum Testen der V2, eines neuen Waffentyps, zielte darauf ab, eine Wiege der Demokratie zu zerstören. Picasso hat dazu ein großformatiges Mural gemalt, eines der bekanntesten Werke des 20. Jahrhunderts, das erst nach Francos Tod Mitte der Siebzigerjahre nach Spanien zurückkehrte.

Die Kooperation Bilbao Arte – Kulturabteilung Land Vorarlberg

Pau Figueres, Jg. 1976, meint im Gespräch mit KULTUR, die zwei Monate hier in Vorarlberg seien eine wichtige Erfahrung für ihn, das sage sich so leicht, aber es sei tatsächlich so. Zwischen ihm und Fernando Villena, Jg. 1974, die sich vorher nicht kannten, habe sich eine spannende künstlerische Auseinandersetzung entwickelt. Es sei gar nicht leicht, an ein Stipendium zu kommen, weil sich jährlich so viele dafür bewerben. Der Unterschied zu anderen solchen Auslandsprojekten sei, dass sie beide aus dem gleichen Land kommen, hier miteinander wohnen und ein Atelier in der Kirchstraße in Bregenz teilen. Sie beide hätten ein Kunstprojekt entwickelt, das sich ganz auf Vorarlberg bezieht und hier umgesetzt wurde. Ihnen beiden gemeinsam ist, dass sie den sozialen städtischen Raum und den Naturraum konzeptiv miteinander in Beziehung setzen. Sie sind dabei elementaren Fragen nachgegangen, wie die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Region mit der Natur umgehen, mit der natürlichen Umwelt und mit der sozialen Umgebung, dem social environment. Beide Künstler, Pau Figueres und Fernando Villena, schätzen es sehr, dass die Leute, die mit dem Austauschprogramm betraut sind, Elisabeth Dobler und Winfried Nußbaummüller von der Kulturabteilung des Landes Vorarlberg und Kirsten Helfrich vom Kunsthaus Bregenz sich ganz besonders um sie gekümmert haben, weit über das zu Erwartende hinaus. Dies ist, wie wir heute aus zahlreichen Evaluationen wissen, ein Schlüssel zum Geheimnis des Erfolgs solcher Residencies. Im Baskenland, sagt Fernando, bewerben sich jährlich viele Künstler um eine solche Auslandsstelle in Bregenz, weil das Projekt einen exzellenten Ruf hat. In der Fundación BilbaoArte gibt es eine Jury, die darüber entscheidet, wer ein Stipendium bekommt. Mit den Bewerbern werde ausführlich gesprochen, um zu sehen, ob sie sich wirklich eignen, ob sie zusammenpassen, und ob die künstlerischen Konzepte und Ideen kompatibel seien. 
Was haben sie während ihres Aufenthalts gemacht? Mit der Bewerbung mussten die beiden ein Projekt einreichen, ein Konzept, ihre Ideen und Ziele, einen Plan. Beide hatten vorher mit Künstler-KollegInnen gesprochen, die bereits in Bregenz waren. Fernando, dessen künstlerische Arbeit sich stark mit den Überlagerungen von gesellschaftlicher Sozietät und Natur auseinandersetzt, hat für den insgesamt zweimonatigen Aufenthalt hier in Bregenz intensive Vorstudien angestellt und umfangreiches Datenmaterial zusammengetragen. In Bregenz haben beide an individuellen Projekten gearbeitet. Paus ursprünglicher Plan war es, an Skulpturen zu experimentieren, mit Materialien, die er hier in Bregenz und Umgebung vorfand. Sobald man hier ankommt, sagt Pau, beginnt man zu beobachten, dialogisieren, man richtet sich ein, überlegt, was man machen könnte.

Der „Kontrollzaun“

Eines der ersten Objekte war eine Skulptur, die er sich umhängte, ein quadratisches, hölzernes Konstrukt mit herausragenden, nennen wir es mal Zapfen, wie bei einem Rechen (vgl. Foto rechts). Wenn er mit diesem Objekt durch die Straßen in Bregenz geht, schafft er sich seinen eigenen privaten Raum, niemand kann ihm nahe kommen. Gleichzeitig verwenden Waldökologen solche „Einzäunungen“, um einzelne Waldstücke von der Umgebung abzugrenzen, damit über einen Zeitraum hinweg genauere Beobachtungen stattfinden können. Was innerhalb dieser Abgrenzungen wächst, gedeiht anders als außerhalb. Dadurch werden differenzierte Ergebnisse vergleichbar. Man kann zum Beispiel messen, wie stark der Wildbiss die Vegetation des Waldes beeinflusst. Für den Künstler ist es eine Art Allegorie, die hier zwischen der sozialen Interaktion der Menschen und dem Wachsen des Waldes stattfindet. Die Reaktionen der Menschen in Bregenz auf diese „soziale Umzäunung“ waren eigentlich sehr voraussehbar und nicht ungewöhnlich. Pau meint, er sei angenehm überrascht gewesen, wie respektvoll die Leute ihm begegnet seien. In der Altstadt von Bregenz entstanden Fotos, als sie einer Schulklasse von etwa Zehnjährigen begegneten und die Schüler spontan verstanden hätten, dass es hier um Kunst geht. Der Lehrer sei gekommen und habe sich weiter erkundigt, woher sie seien und was sie hier machten und wann sie eine Ausstellung haben würden. Ein solch spontanes Interesse von Schülerinnen und Schülern sei ihnen bis dato schon einmal begegnet, und zwar in Irland.
Die Materialien habe er alle hier im Atelier in der Kirchstraße gefunden, am Dachboden des Textilateliers von Stephanie Wladika. Diese oben erwähnten „Zapfen“ wurden auch in der Textilproduktion verwendet, womit eine weitere Dimension in Richtung Industriegeschichte des Landes aufgespannt ist. Wenn man dieses Objekt wie ein Stück Bekleidung trägt, mag das von außen irgendwie seltsam aussehen, doch man fühle sich ganz wohl darin, gerade wenn man denen eigenen Raum kontrollieren könne. Es ging dabei nicht um eine Art Schutz, sondern um die Frage, wie man sich seinen Platz behauptet. Man zeige den Leuten, dass man sich seinen Platz nimmt, ohne ihnen dabei gefährlich nahe zu kommen.

„Three on One“

Ein anderes, gleichzeitig entstandenes Stück ist ein Fahrradständer, den Pau als Skulptur verwendet. Er nimmt diesen Ständer, „Three on One“, mit aufs Fahrrad und wo immer er sein Fahrrad parken will, stellt er diesen auf. Damit reflektiert er auf die zahlreichen öffentlichen Zeichen und Beschilderungen, was man tun darf oder nicht, wovor man sich hüten oder worauf man aufpassen soll. Daraus ließe sich ableiten, wie sehr Menschen auf den öffentlichen und den privaten Raum achten. In mancherlei Hinsicht seien diese öffentlichen Zeichen funktional ähnlich wie dort, wo er lebt, in San Sebastian, gleichzeitig jedoch gebe es weitaus weniger solcher Zeichen. Hier hätten solche Zeichen und Schilder die Aufgabe, andere auf etwas hinzuweisen. Seine Erfahrung in San Sebastian oder anderswo im Baskenland und in Spanien sei, dass solche Schilder eher ignoriert würden. Das habe mit kulturellen Zeichenfunktionen im öffentlichen Raum zu tun, obwohl eine gewisse Parallele bestehe. Auch wenn Bilbao mit dem Guggenheim Museum einen kosmopolitischen Kunstort habe, sei die Stadt eher klein, durchaus vergleichbar mit Bregenz, ein Ort, wo die Leute sich kennen.

Fernando Villena

Seine künstlerische Neugier bezog sich auf die Frage, wie die Menschen hier sozial miteinander verbunden sind, was sie miteinander tun, wie sie mit dem Land umgehen. Eine wesentliche Methode seiner Arbeit sei das Spaziergehen, die Gesellschaft lesen, ganz in der Tradition von Lucius Burckhardt. Er hat Leute gebeten, aus ihrer Erinnerung heraus für ihn Landkarten von Orten zu zeichnen, wo sie gerne hingehen, Orte, die ihnen wichtig sind. Sie würden ihre persönlichen Erinnerungen so an ihn weitergeben, damit er eigene Erinnerungen konstruieren kann. Mit dieser Methode gelinge es ihm, sehr viel rascher zu einer ganz bestimmten Beziehung zur Umgebung zu kommen. Manche Leute seien anfänglich zögerlich gewesen, doch er habe höflich darauf bestanden, dass sie ihm eine solche Karte zeichnen, manchmal unmittelbar gleich oder Fernando ließ ihnen einen Notizblock zurück, in den sie zeichneten. Mit diesen Plänen sei er losgezogen. In gewisser Weise habe diese Methode wie ein Filter funktioniert, um schneller an einen bestimmten Ort zu gelangen. Dazu zählten unter anderem der Pfänder, die Schattenburg in Feldkirch, Dörfer im Bregenzerwald, Alpabtrieb in Schwarzenberg, auf verschiedenen Bergen in Vorarlberg. Und einige hat er noch vor sich.

Die Sonderausstellung bei Lisi Hämmerle

In der Ausstellung bei Lisi Hämmerle zeigt der Künstler Bilder, die an diesen Orten entstanden sind. Auf diesen geht es um Licht- und Farbkonstellationen. Im großen Ganzen geht es um eine subjektive Zugangsform zu einer Geographie, eine Inventarisierung von Orten, Plätzen, Bauten und sozialen Ereignissen, wenn man will, um ein Mapping von Erinnerungen und nachgegangenen konstruierten Erinnerungen. Hier wird deutlich, wie wir uns durch eine Landschaft, einen Ort, durch ein Gebäude bewegen, wie wir uns darauf beziehen, was wir dort entdecken und wie wir dieses Neue aufnehmen. Wir transformieren Natur und damit auch unsere Erfahrungen und Beziehungen. Hinterher hat er mit den Leuten, die ihm diese Karten gezeichnet hatten, gesprochen, manchmal sind sie noch ein weiteres Mal dorthin gegangen. 
Fernando Villena hat dabei auch fotografiert. Es sind leise, zurückhaltende Blicke, die er dem Betrachter öffnet und oft auf bestimmte unbekannte Eigenheiten und Dynamiken an einem Ort hinweist. Daraus gestaltet er auch Collagen, auf denen fotografische Momente mit Malerei kombiniert sind, wo Festgehaltenes mit Konstruiertem verbunden wird. Damit verschmelzen zwei oder mehrere verschiedene Formen von Erinnerungen zu einer Synthese, die dem Betrachter Orte aus einer multiplen Perspektive zugänglich macht. So ist denn die Erinnerung nicht allein an einen Moment gebunden, sondern umfasst alles, was davor war und was danach folgt. Darin liegt der Schlüssel, meint Fernando, wie man sich persönlich zu diesem Augenblick, diesem Momentum stellt. Dabei kann ein und dasselbe Bild völlig unterschiedliche Assoziationen und Emotionen wecken oder Bedeutungen annehmen. Das mag sich sogar bei ein und derselben Person an einem folgenden Tag bereits ändern.
Seine Kompositionen haben keine Titel.
Die im Titel der Ausstellung angegebenen Koordinaten bezeichnen jenen gemeinsamen Punkt, den für sie das Bilbao-Bregenz-Projekt bezeichnet, ein fiktiver Treffpunkt ihrer beider Projekte.

N47°30.042’ - E009°44.922’
Sonderausstellung in der Galerie Lisi Hämmerle  
24. bis 29.10.
tgl. 16 – 19, Sa 11 – 14 Uhr, So geschlossen
http://www.galerie-lisihaemmerle.at

Pau Figueres, Kontrollzaun

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Fernando Villena, o. T.

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