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31.12.2019 |  Karlheinz Pichler

Mit nackten Körpern gegen den Wahnsinn der Zeit - Spencer Tunick im Dornbirner FLATZ Museum

Der US-amerikanische Fotokünstler Spencer Tunick nennt seine Arbeiten „lebende Skulpturen“ oder „Körperlandschaften“ oder „Architekturen des Fleisches“. Die bisher größte nackte Menschenmenge fotografierte er 2009 in Mexiko-City. Auf dem Hauptplatz der Megametropole posierten 18.000 Nackte für den Künstler. Wichtige Stationen auf dem Weg zum internationalen Künstlerstar waren 1999 auch das Magazin 4 in Bregenz sowie die Kunsthalle Wien. Das FLATZ Museum in Dornbirn bietet noch bis zum 1. Februar anhand der ersten Tunick-Retrospektive in Österreich die einmalige Möglichkeit, die wichtigsten Aktionen und Arrangements des Amerikaners im öffentlichen Raum komprimiert nachzuvollziehen.

Der 1967 in Middletown im US-Bundesstaat New York geborene Künstler Spencer Tunick hat sich seit 1992 dazu verschrieben, nackte Menschenmengen im öffentlichen Raum abzulichten. Zunächst fotografierte er in den Straßen von New York, ab Mitte der 1990er Jahre weltweit, so zum Beispiel in Sydney, Mexiko, London, Barcelona, Wien oder Düsseldorf. Wobei er seine Aufnahmen weniger als Aktbilder denn als visualisierte Landschaftsskulpturen versteht. Tunick stellt die Modelle, die an seinen temporären Installationen teilnehmen, in einen Zusammenhang mit „Participatory Art“, wie sie in den 1960er Jahren entstand. Im Bayerischen Rundfunk meinte der Amerikaner einmal: „Nicht viele Künstler lassen Menschen Teil eines Kunstwerks werden. Meist muss man Eintritt zahlen, um Kunstwerke zu sehen. Und dann ist man nur Betrachter. Aber momentan gibt es Ansätze, dass Mitwirkung zur Kunst selbst wird.“ (25.6.2012).      
Am Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit wirkten die Werke von Spencer Tunick wie Reisebilder oder eben Landschaftsaufnahmen. Im Laufe der Jahre wurde der Künstler aber zunehmend politisch und gesellschaftskritisch.      

Nackt gegen den Klimawandel
       

So ließen 2007 auf dem schweizerischen Aletschgletscher rund 600 Menschen für den Klimaschutz ihre Hüllen fallen. Mit Unterstützung dieser freiwilligen Aktmodelle wollte Tunick gemeinsam mit Greenpeace auf das Problem der Erderwärmung aufmerksam machen. Gemäß den Greenpeace-Angaben haben die
Alpengletscher in den vergangenen 150 Jahren etwa ein Drittel ihrer Fläche und rund die Hälfte ihrer Masse verloren. Schreite der Klimawandel weiter in diesem Tempo voran, blieben von den meisten Gletschern im Jahr 2080 nur noch Geröllhalden übrig. Tunick fotografierte seine lebenden Motive mit dem Aletschgletscher im Hintergrund und auch direkt auf dem Gletscher. Damit die Nackerten in knapp 2.000 Meter Seehöhe nicht am Eis festfroren, erhielten sie Frottee-Schlappen an die Füße verpasst.
2016 protestierte der US-Künstler mit Fotos von hundert nackten Frauen gegen die damals geplante Nominierung des Immobilienmoguls Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Einen Tag vor dem Beginn des Nominierungsparteitags lichtete Tunick die Frauen unterschiedlicher Hautfarbe in Sichtweite der Halle in Cleveland ab, in der der Nominierungsparteitag durchgeführt wurde. Die Frauen hielten während der Aufnahmen große runde Spiegel in Richtung der Veranstaltungshalle hoch. Die Reflektoren sollten laut Tunick „das Wissen und die Weisheit fortschrittlicher Frauen und das Konzept von 'Mutter Natur' auf die Halle, das Stadtbild und den Horizont von Cleveland reflektieren. Es war unter anderem auch ein Protest gegen das von Trump propagierte Frauenbild. Tunick machte die Aufnahmen auf einem Privatgelände. Denn zwar dürfe man in den USA schwer bewaffnet in der Öffentlichkeit herumlaufen, sich aber nackt zu zeigen sei illegal.
Dass er auf den entblößten Körper setzt, um seine Anliegen kund zu tun, komme nicht von ungefähr - Tunick: „Für mich ist der nackte Körper nicht nur kraftvoll, er ist auch verletzlich. Er ist Fleisch und Blut, er ist ein gefühlvolles Gegenüber in einer Welt aus Beton. Gleichzeitig bauen unsere Körper Maschinen, die stärker sind als eine Million Menschen zusammen.“      

Bregenz als wichtige Station
       

Die Retrospektive im FLATZ Museum zeichnet den gesamten künstlerischen Weg Tunicks nach, von den frühen Aufnahmen in New York über die stillen Reisebilder bis hin zum politischen Tunick.
Da es in vielen US-Bundesstaaten verboten ist, sich nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen, eckte Spencer Tunick häufig mit der Obrigkeit an. Nach mehreren Verhaftungen und Gefängnisaufenthalten in New York erhielt er 1999 durch die Einladungen des Magazin 4 in Bregenz und der Kunsthallte Wien erstmals die Gelegenheit, seine Installationen institutionell abgesichert und damit „legal“ zu organisieren. Österreich sei das erste Land gewesen, das ihn nicht wie einen Kriminellen behandelt habe, betont Tunick gegenüber KULTUR. Dass ihn der Bregenzer Bürgermeister öffentlich gewürdigt habe, sei für ihn eine neue Dynamik gewesen. Deshalb sei er Bregenz und Wien überaus dankbar für diese ersten institutionellen Schritt. Die beiden Städte hätten sich für ihn als Türöffner für andere Städte, Museen und Biennalen erwiesen, so Tunick.      

Spencer Tunick: Nudes
bis 1.2.
Fr 15-17, Sa 11-17
FLATZ Museum
www.flatzmuseum.at

Spencer Tunick: Aletschgletscher, 2007, Ausschnitt

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Spencer Tunick: Ernst Happel Stadion, Wien, 2008

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Spencer Tunick: Sydney Opera House & Sydney Gay and Lesbian Mardi Gras, Australien 2010

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Spencer  Tunick:  Aus der Serie "Naked States Individuals", 1997-98

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Spencer Tunick: Bregenz, 1998

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Spencer Tunick: Aus der Serie "Reaction Zone", 1991 - 2000

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Spencer Tunick: Aktion gegen Donald Trump, 2016

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Spencer Tunick im FLATZ Museum (Foto: Karlheinz Pichler)

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Bilder
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