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05.01.2020 |  Karlheinz Pichler

Grafik als Werkzeug der Kommunikation und Provokation - Reinhold Luger im Vorarlberg Museum

Als in den 1970er Jahren mehrere kulturelle Protestbewegungen über das erzkonservative Vorarlberg hinwegfegten und das gesellschaftliche Gefüge auf den Kopf stellten, stand der Grafiker Reinhold „Nolde“ Luger in den vordersten Reihen. Das kulturpolitische Engagement des Aufrüttlers fand dabei vor allem in bissigen Plakaten, boshaften Karikaturen sowie in giftig-ironischen Pamphleten und Flugblättern einen nachhaltigen visuellen Niederschlag. Ob es sich nun um das Flint-Festival (1970/71) oder die legendären Bregenzer Randspiele (1972–1976) handelte, das treffende Bild dazu entsprang stets der vor Kreativität strotzenden Vorstellungswelt Lugers. Inwieweit Kultur- und Zeitgeschichte sowie Grafik als Ausdrucksmittel miteinander verwebt sein können, lässt sich anhand der Luger-Retrospektive im vorarlberg museum derzeit bestens nachvollziehen. Die Sonderausstellung, vom vorarlberg museum gemeinsam mit der Vorarlberger Landesbibliothek kuratiert, zieht dabei einen weiten zeitlichen Bogen, angefangen von dem aufmüpfigen, um eine weltoffene Gesellschaft bemühten jungen Luger, über die vielfach ausgezeichneten künstlerischen Plakate für die Bregenzer Festspiele der 1980er und 1990er Jahre bis hin zur Gestaltung von Land- und Stadtbusflotten oder auch den Logos für Unternehmen und Kulturanbieter.

Die Ausstellung zeichnet die wichtigsten Stationen des 1941 in Silbertal geborenen Grafikers Reinhold Luger, der von seinen Freunden und Insidern gerne „Nolde“ genannt wird, anhand exemplarischer Werkbeispiele, Dokumentationen, Erläuterungen und persönlichen Zitate nach.       
Ältere Leute werden sich vor allem an den kulturpolitisch agierenden Kommunikationsdesigner erinnern, an jenen, der zusammen mit Gesinnungsgenossen wie dem Musiker Günther Sohm, dem Entwicklungshelfer Peter Kuthan, dem späteren Rechtsanwalt Günther Hagen oder dem Autor Michael Köhlmeier an den einzementierten, erzkonservativen und ultrakatholisch geprägten gesellschaftlichen Strukturen sägten und im Soge der 1968er-Stürme eine Jugendbewegung im Land begründeten, die schließlich zum legendären, an Woodstock angelehnte Rockfestival „Flint“ rund um die Neuburg in Koblach im Jahre 1970 führten. Luger gehörte zum engeren Kern des Organisationsteams und entwarf auch die Ankündigungsplakate für das Festival, an dem die Gruppe „Wanted“ mit Reinhold Bilgeri, „The Gamblers“ und auch Köhlmeier, der damals vor allem als Liedermacher und Sänger und nicht als Autor bekannt war, auftraten. Flint brachte Bewegung in das gesellschaftlich verkrustete Ländle. Dass die Politiker den Anliegen der Jugend nichts entgegenzusetzen hatten, äußerte sich daran, dass sie das Nachfolgefestival Flint II im Jahre 1971 einfach unterbanden, in dem sie das Gebiet rund um die Neuburg unter Naturschutz stellten. Für umso mehr Lärm sorgte hierauf die Aktion der Flint-Protagonisten, als sie Flint auf einer Schottertrasse der damals in der Entstehung befindlichen Rheintalautobahn mit Sarg und Spottlitanei auf die Politiker spektakulär zu Grabe trugen. „O du unsere Landesregierung – bitt‘ für uns ... du Born der Borniertheit ... du Gönnerin von Trachtenkapellen ...“: Mit dieser „Litanei“ wurde der Künstler Reinhold Luger in Vorarlberg legendär.       
Luger und seine Genossen waren dann auch die zentralen Figuren rund um die Durchführung der Randspiele und der Gründung des Spielbodens Dornbirn. Überhaupt sieht er den Spielboden, der heute noch bestens funktioniert, die Jugendhäuser landauf und landab und die Fülle der Kultur, die heute geboten wird, als Früchte jener Saat an, die vor nunmehr fünf Jahrzehnten ausgestreut wurde.      

Der Grafiker als gesellschaftskritischer Akteur      

Wenn man sich dem Grafiker Reinhold Luger annähern will, muss man sich also zunächst zwangsläufig mit dem Revoluzzer und Auflehner Luger auseinandersetzen. Denn beides läuft ineinander über. Das Aufrührerische wird Bild und umgekehrt. Und dass dies so ist, hängt auch eng mit seiner persönlichen Biografie zusammen. Denn er wuchs in Dornbirn als Sohn eines autoritären Volksschuldirektors in einer streng konservativen Umgebung auf. Bereits mit 14 versuchte er aus dieser Enge auszubrechen und die Schule zu verlassen. Doch erst nach der Matura gelang ihm letztlich der Absprung. Er studierte zunächst ein paar Semester Kunstgeschichte, brach aber ab und zog weiter nach Wien, um sich dort 1963 an der Höheren Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, kurz der „Graphischen“ einzuschreiben. Wilhelm Jaruska, der auf das Medium Plakat spezialisiert war und unzählige Plakate für das sozialdemokratische Nachkriegs-Wien schuf, war damals wohl derjenige Professor, der den größten Einfluss auf Luger ausübte. „Seine Entwürfe zeigen einen gewissen Stilpluralismus von teils flächigen, teils illustrativen Bildlösungen, häufig verbunden mit humoristischen Untertönen. Reinhold Lugers späterer Stilpluralismus könnte in Jaruskas Entwurfslehre wurzeln. Auch außerhalb der 'Graphischen' werden dem angehenden Grafiker Jaruskas Plakate auf den Straßen Wiens nicht entgangen sein, sei es für die Olympischen Winterspiele 1964 in Innsbruck oder die Wiener Messe im selben Jahr, sei es das kühn beschnittene und reduzierte Plakat für die Eishockey-Weltmeisterschaft 1967 in Wien.“ (Christian Maryska in: „Reinhold Luger. Grafische Provokation“, Katalog zur Ausstellung, S. 177) Auch für Luger scheint das Plakat in der Folge zur „Königsdisziplin“ geworden zu sein, obwohl eigentlich nichts vor seiner Gestaltung „sicher“ war, von der Speisekarte über das Zeitungsinserat bis zur Visitenkarte. Detail am Rande: Unter den jüngeren Komilitonen Lugers befanden sich damals auch etwa der Künstler Gottfried Helnwein oder der legendäre Karikaturist Manfred Deix.       
Nach der Rückkehr aus Wien machte sich Luger selbständig und gründete 1967 in Dornbirn sein „Studio für Gebrauchsgraphik“. Er wollte im katholisch-konservativen Vorarlberg die „seltsame Friedhofsruhe“ fortan aufmischen: Ob Schallplatten-Cover, Flugblätter, Buchumschläge oder Plakate – Luger illustrierte gleichsam alles, was alternativ war. Kein Metier war vor ihm sicher.        
In einem unveröffentlichten Bericht, den er vor über 30 Jahren verfasste, weißt er darauf hin, dass sich nach den Studentenprotesten in Paris, Berlin und anderen großen Städten auch in Vorarlberg die Unzufriedenheit mit den alten Strukturen in Politik und Gesellschaft zu regen begann „und die Notwendigkeit von Veränderung und Erneuerung wurde artikuliert … Gleichzeitig hatte sich in den Sechzigern eine neue Form der Jugendkultur entwickelt und verbreitet. Die Beatles, Rolling Stones, Jimmy Hendrix, die Hippies und das Auftauchen von Drogen hatten die Gewohnheiten und die äußere Erscheinung von immer mehr Jugendlichen in Vorarlberg zum Schrecken der Öffentlichkeit verändert. Dies und die antiautoritäre Haltung, die Verweigerung alter und die Suche nach neuen Lebensformen, die Ablehnung tradierter und die Formulierung neuer Lebensziele in einer veränderten Gesellschaft jagten vor allem Eltern und Erziehern großen Schrecken ein. Politische Parteien, die Kirche und ihre Jugendorganisationen hatten größte Mühe mit der plötzlichen Rebellion und Andersartigkeit dieser Jugend.“ (zit. n. Thomas Feurstein: Flint lebt trotzdem, „Thema Vorarlberg“, Sept. 2017).     

Gegen die bornierte Operettenkultur im Land      

Der mittlerweile im 79. Lebensjahr angekommene Grafikkünstler zeichnete dann für das gesamte visuelle Erscheinungsbild der „Randspiele“ verantwortlich, mit dem die „Gruppe Vorarlberger Kulturproduzenten“ der bornierten Operettenkultur im Land von 1972 bis 1976 ein weltoffenes, alternatives Festival entgegenwarfen, an dem Koryphäen wie etwa Chick Korea, Jan Garbarek oder Friedrich Gulda auftraten. Parallel dazu entwarf er auch für die „Wäldertage“, die von 1973 bis 1979 durchgeführt wurden, die ersten Plakate.
Eine neue Handschrift trugen dann die 1976 bis 1982 alljährlich für das Feldkircher Kabarett „Wühlmäuse“ gestalteten Plakate. „Den messerscharfen Witz und die präzise Kritik an den Vorarlberger Verhältnissen brachte er in schlagkräftigen Sujets zum Ausdruck, mal im Stil des fast gleichaltrigen amerikanischen Underground-Comiczeichners Robert Crumb wie bei 'Skandalen und Skan-daletten', mal im fein ziselierten Zeichenstil des Tirolers Paul Flora wie bei 'Wahlmäuse', und auch zu den Zeichnungen der schweizerischen Satirezeitschrift 'Nebelspalter' scheint es Verwandtschaften zu geben.“ (Christian Maryska, ebd., S. 186).     

Ein Plakat muss knallen     

In den 1970er Jahren nahm das politische Plakat eine zentrale Rolle im Schaffen Lugers ein. Das beweisen auch seine Arbeiten etwa für die „Tage des Antifaschismus“ oder sein Plakat für die Veranstaltung „Fussball ja, Folter nein“ im Feldkircher Saumarkt anlässlich der Fussballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien.    
Luger war auch ein wesentlicher Proponent des Dornbirner Spielbodens, der 1981 gegründet wurde. Mit seinen „sprechenden“ Plakaten verlieh er dem alternativen Kulturveranstalter mehrere Jahre lang das „grafische Gesicht“. Auch in den Jahren danach und bis heute wird evident, dass am gestalterischen Engagement für die Alternativkultur das eigentliche Herzblut Lugers trieft.     
Dennoch war er auch in der Hochkultur erfolgreich: Als Alfred Wopmann 1983 Intendant der Bregenzer Festspiele wurde und erstmals an Luger einen Plakatauftrag dieser Einrichtung vergab, entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit, die bis 1999 andauerte. In einem Video erzählt Luger, wie er 1983 Wopmann seine „kleinen räudigen Plakate“ zeigte. Und prompt angeheuert wurde. 20 Jahre lang gestaltete Luger anschließend die Werbung für die Festspiele.    
Hinzu kamen Poster für Oper und Staatstheater in Stuttgart. Stile und Techniken variierte er dabei, doch die Devise Lugers blieb immer gleich: „Ein Plakat muss knallen!“, so seine Grundauffassung.
Ab Mitte 1985 prasselten dann auch die ersten Auszeichnungen auf den Grafiker darnieder. Er wurde zu etlichen Biennalen eingeladen, etwa nach Helsinki, Lahti oder Warschau. Zusammen mit dem Architekten Wolfgang Ritsch gewann er den Wettbewerb zur Gestaltung des Corporate Designs für den Stadtbus Dornbirn, was ihm 1996 den erstmals ausgelobten Joseph Binder Award einbrachte. Ein Konzept, das später auch von andere Städten Vorarlbergs übernommen wurde. „Auf einmal – und das war schlimm – habe ich mich nicht mehr nach schönen Frauen umgedreht, sondern nach Bussen. Jeder wurde taxiert: Was ist daran gut?“, so der Künstler. Fahrkarte, Linienplan, Uniform der Fahrer – Luger entwarf jedes Detail, nicht zuletzt auch den dynamischen Namen „Stadtbus“ selbst. Die Innenausstattung der Busse sollte „angenehmen öffentlichen Raum“ bieten: Haltestangen aus Edelstahl, Teppichboden. In der Folge erhielt der Grafiker auch Aufträge aus Deutschland. Beispielsweise verschönerte er auch die Busse in Lindau, Friedrichshafen und Donaueschingen. Dabei ärgert er sich, dass vor lauter Werbeaufklebern seine Gestaltung „nicht mehr zu erkennen“ sei.
Heute ist Reinhold Luger mit seinem Grafikatelier in der historischen Hauptpost am Bregenzer Hafen beheimatet. Zum Portfolio zählt längst auch die Entwicklung von „Corporate Identities“, etwa für Firmen wie Blum oder für Städte und Orte wie Dornbirn, Bregenz oder Hörbranz. Seiner Ansicht nach hat sich Vorarlberg im Laufe der Jahre stark verändert. Die Jugend müsse nicht mehr in die benachbarte Schweiz fahren, um Musik zu hören. Luger selber ist aber alles andere als zahm geworden. Gilt es nämlich, den Mut zum Ungehorsam gegenüber staatlich verordneter Ungerechtigkeiten und sozialer Willkür anzustacheln oder sich gegen ökologische und ökonomische Desaster aufzulehnen, so ist er jederzeit mit seiner spitzen Zeichenfeder parat.      

Reinhold Luger. Grafische Provokation
Sonderausstellung des vorarlberg museums in Zusammenarbeit mit der Vorarlberger Landesbibliothek
bis 13.4.2020
Vernissage: 22.11., 17 Uhr      
www.vorarlbergmuseum.at

Reinhold Luger: Plakat Randspiele, 1976

Reinhold Luger: Plakat Randspiele, 1976

Reinhold Luger: Plakat Aktionskomitee Österreichischer Staatsbürger für den Rücktritt von Dr. Kurt Waldheim, 1986

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Reinhold Luger: Konzertplakat für The Gamblers, 1973

Reinhold Luger: Konzertplakat für The Gamblers, 1973

Reinhold Luger: Plakat Offene Bürgerliste Dornbirn, 1985

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Reinhold Luger: Plakat zur Oper Carmen, Bregenzer Festspiele, 1992

Reinhold Luger: Plakat zur Oper Carmen, Bregenzer Festspiele, 1992

Reinhold Luger: Heimatlos, Staatstheater Stuttgart, 1987 (Fotos: Karlheinz Pichler)

Reinhold Luger: Heimatlos, Staatstheater Stuttgart, 1987 (Fotos: Karlheinz Pichler)

Reinhold Lugler: Poesie International

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Reinhold Luger: Plakat Wolfgang Häusler, Verein Offenes Haus, Dornbirn, 1975

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Reinhold Luger: Graphische Provokation (Blick in die Ausstellung)

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Der Grafik-Künstler Reinhold Luger (Porträt: zVg)

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