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11.07.2020 |  Peter Niedermair

„Grenzbetrachtungen“ von Miro Kuzmanovic

Der in Lustenau lebende Fotograf Miro Kuzmanovic stellt in der Wunderkammer des „Botta“-Shops gleich neben dem Kultursaal der Marktgemeinde seine jüngste Arbeit „Grenzbetrachtungen“ aus. Aus dem Fundus von über 80 Fotografien, die ab dem Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 entstanden sind, hat er zehn Fotografien ausgewählt. Der Künstler-Fotograf präsentiert seine Reportage als ein berührendes Tableau Vivant zum Thema Grenze, Existenz und Alltag während der rigorosen Abgeschlossenheit in der Covid-19-Zeit von März bis Juni dieses Jahres. Viermal im Jahr werden in der Botta Wunderkammer Projekte aus Kunst und Kultur gezeigt. Die Ausstellung von Miro Kuzmanovic ist noch bis 30. September zu sehen.

Zum Thema der Fotoserie 

schreibt der Künstler: „In täglichen Radtouren durch Lustenau fand ich während des Shutdowns eine Möglichkeit, mich frei zu bewegen. Bei einem dieser Streifzüge bot sich mir ein seltsames Bild: Auf Höhe des Grenzübergangs Wiesenrain hatte die Exekutive auf Höhe des alten Grenzsteins ein luftiges Absperrband über die Senke des Rheintals gespannt. Unter der im Wind flatternden Trennlinie fanden sich Menschen ein, um dort ein wenig (Echt-)Zeit miteinander zu verbringen. Das 1. Foto dieser Serie entstand am 1. April 2020, und zu diesem frühen Zeitpunkt bestand der einzige sichtbare Hinweis auf die unüberwindbare Mauer, die sich da auftun sollte, noch allein im beweglichen Schattenwurf des rot-weiß-roten Absperrbandes, das fröhlich im Wind flatterte. Schon am darauffolgenden Tag hatte sich die Situation grundlegend geändert. Statt der angedeuteten Grenze gab es nun zwei im Abstand von einigen Metern verlaufende Grenzzäune. Bundesheersoldaten und Polizisten kümmerten sich um die Einhaltung der gebotenen Distanz. Trotz all der abschreckenden Maßnahmen trafen sich in den folgenden Wochen an diesem neuen Grenzzaun täglich unzählige Menschen beider Länder, Picknicks wurden veranstaltet, Badminton gespielt, Pizza gegessen und bereitwillig Auskunft gegeben, wen man hier treffen wollte und warum. Nach einigen Wochen kannte man sich und freute sich über das Wiedersehen mit dem Fotografen, der diese ungewöhnliche Zeit mitsamt den ungewollten Trennungen kraft ihrer Porträts festhalten wollte.“
Miro Kuzmanovic (*1976) ist als freiberuflicher Fotograf tätig und lebt mit seiner Familie in Lustenau. Mit dem langjährigen Projekt „Signs by the Roadside“, das sich mit seiner Herkunft, Flucht und Rückkehr nach (Ex-)Jugoslawien auseinandersetzt, wurde Kuzmanovic im Frühjahr 2020 für den internationalen MACK First Book Award nominiert. 

Der Alte Rhein, Spaziergänger, Flüchtlinge und Schriftsteller 

Der Rhein, besonders der Alte Rhein, ist bei Spaziergängern heute eine sehr beliebte Gegend. Sie vermittelt das Gefühl von Weite und Weitsicht, von Sehnsucht nach Ferne. Für viele, die ich kenne, ist er auch so etwas wie ein von Anarchie angehauchter Ort in der Gegend, und für viele Menschen, die hier zwischen Hohenems und Lustenau wohnen, bedeutet der Alte Rhein eine zentrale biografische Erfahrung, vom Schriftsteller Michael Köhlmeier bis zu Walter Batruel von den Gamblers und zahlreiche andere Freunde, die mit dem Boot vom Hohenemser Bad herunter bis zum Rohr rudern. Die Marktgemeinde Lustenau hat die Grünanlagen um das Gelände beim Szene Open Air Festival und im Badebereich bis hinunter zum historisch legendären „Rohr“, durch das die Fluchthelfer ab 1938 und in der Nazizeit Menschen auf der Flucht, vor allem Juden und Jüdinnen, nach Diepoldsau hinüber gerettet haben, 2014 in ansprechende Parkanlagen (Gestalter: Rudolf Alge) verwandelt. 

Historisch aufgeladener Ort 

Mit den Fotos von der Situation an der Grenze hat Miro Kuzmanovic diesen hochpolitischen Ort auf der Folie der historischen Ereignisse ins aktuelle Gedächtnis geholt. Eine wichtige Forschungsarbeit für das historische Bewusstsein in Vorarlberg ist die „Die Wacht am Rhein. Alltag in Vorarlberg während der NS-Zeit“, Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, Band 2. 1988, von Meinrad Pichler/ Harald Walser. Die beiden Historiker beschreiben darin besonders etliche regionale Besonderheiten: „(…) die Resistenz des katholischen Milieus gegen die nationalsozialistischen Modernisierungsvorstellungen; die dominierenden Textilfabrikanten, die größtenteils auf die NS-Karte gesetzt hatten und nun Rüstungsproduzenten wurden; die Verlagerung kriegswichtiger Industrie in die vermeintlich bombensichere ‚Alpenfestung‘; und schließlich die Grenzlage zur einzigen kriegsverschonten Demokratie im Herzen Europas, zur Schweiz.“
Ein Blick hinüber auf den Schweizer Berg, dort wo dem Wiegenlied nach der Mond „uf da Zeha huschlat“, weiß man um den „Robert Walser-Pfad“ in Herisau, den ersten Schweizer Literaturweg, den der Schriftsteller Peter Morger (1956-2002) im Jahr 1986 schuf. Der „landschaftlich reizvolle, kulturhistorisch interessante und literarisch gehaltvolle Rundweg lädt ein zur Erkundung von Lebensstationen“ des Schriftstellers Robert Walser (1878-1956) und verbindet Walser’sche Erinnerungsorte, begleitet von Tafeln und Zitaten, die Einblick geben in Walsers Leben und Werk. Robert Walser kam im Juni 1933 als Psychiatriepatient in die Ausserrhodische Heil- und Pflegeanstalt in Herisau. Wichtigste Bezugsperson und Förderer war Carl Seelig aus Zürich, der mit Robert Walser ab 1936 zahlreiche Wanderungen unternahm. Walser verstarb am Weihnachtstag 1956, weitum vergessen, bei einem einsamen Spaziergang im Schnee auf der Wachtenegg in Herisau. Im „Haus für ruhige Männer“ der ehemaligen kantonalen Heil- und Pflegeanstalt verbrachte Robert Walser die letzten 23 Jahre seines Lebens.
Auf den Fotos von Miro Kuzmanovic tauchen in den ersten Tagen seiner fotografischen Expeditionen die flatternden Bänder auf, Absperrmarkierungen an der Grenze, die auf das noch Kommende hinweisen. Das interessiert die Spaziergänger, man bleibt stehen und fragt sich, was das alles soll, ein paar Tage später markieren zwei parallel gezogene Bänder mit einem mehrmetrigen Zwischenraum eine Zone, die von Grenzbeamten bewacht wird, weil sie frei bleiben muss. Der Sicherheit wegen. Bald treffen sich Personen, Freunde, Liebende, Zufallsbekanntschaften und andere, die aus den beiden aneinandergrenzenden Ländern kommen, an den Rändern dieser Zone. Sie sitzen zum Teil auf den Grenzsteinen („1967“), haben Decken und Schlafsäcke am Boden ausgebreitet, trinken aus Bierdosen, essen miteinander. Der Grenzraum ist zum Sozialraum geworden. Die Fotos, die Miro Kuzmanovic in diesen Wochen und Monaten gemacht hat, erzählen diese Geschichten. Seine Fotografie wird zur Zeitzeugenschaft. Jetzt, im Echo von Distant Life and Living, merkt man eigentlich, wie existenziell-politisch wirksam die Demokratisierung an den Staatsgrenzen im Laufe der Zeitgeschichte geworden ist. Meine erste Fahrt ins benachbarte „europäische Ausland“, am 16. Juni, ein Tag nach Öffnen der Grenze, zum Bloomsday in die James Joyce Stiftung nach Zürich, war wie eine Befreiung. Doch das wäre schon wieder ein anderes Projekt … 

Miro Kuzmanovic: „Grenzbetrachtungen“
bis 30.9.2020
Botta-Shop, hinter dem Reichshofsaal in Lustenau 
http://www.mirokuzmanovic.com

Das erste in dieser Serie entstandene Bild

Das erste in dieser Serie entstandene Bild

 (alle Fotos: © Miro Kuzmanovic)

(alle Fotos: © Miro Kuzmanovic)

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