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24.04.2020 |  Karlheinz Pichler

Die Vorarlberger Kunst- und Kulturhäuser arbeiten am "Reset" - Interview mit KUB-Chef Thomas D. Trummer

Dass die österreichischen Kunst- und Kulturhäuser Mitte Mai wieder aufsperren dürfen, hat viele überrascht. Allgemein wurde nicht vor dem Juli mit dem Neustart gerechnet. So wird denn auch derzeit bei vielen Häusern noch renoviert und bei etlichen befindet sich die Belegschaft in Kurzarbeit. Nun rüsten sich alle für eine frühere Wiedereröffnung. Und KUB-Chef Thomas D. Trummer gibt im Interview mit KULTUR einen aktuellen Einblick in die derzeitige Situation beim Kunsthaus Bregenz.

Museen planen Öffnung im Mai und Juni

Als Kultur-Staatssekretärin Ulrike Lunacek vor einer Woche (17.4.) ankündigte, dass Museen bereits ab Mitte Mai wieder aufsperren dürften, fühlten sich viele Häuser auf dem falschen Fuß erwischt, und vor allem die Bundesmuseen wollten daran festhalten, nicht vor dem 1. Juli die Tore wieder zu öffnen. Nach einem Aufschrei der Enttäuschung und Empörung seitens zahlreicher Privatpersonen und Politiker haben sich das Kunsthistorische Museum, das Belvedere und die Albertina aber dazu durchgerungen, doch früher aufzusperren. Das KHM will nun laut Chefin Sabine Haag am 1. Juni und das Belvedere gar Mitte Mai auftun, wie Leiterin Stella Rollig bekannt gegeben hat. Und die Albertina sperrt ihr neues Haus am Karlsplatz am 27. Mai mit der Schau „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ auf. Auch das Haupthaus der Albertina wird ab diesem Datum die Ausstellungen zu Wilhelm Leibl sowie „Die frühe Radierung. Von Dürer bis Bruegel“ wieder zugänglich machen.
Ähnlich ist die Situation in Vorarlberg. Die inatura in Dornbirn etwa, die letztes Jahr 120.000 Besucher verzeichnen konnte, nimmt den 18. Mai als Wiedereröffnungstermin ins Visier. Das Flatz Museum und das Stadtmuseum Dornbirn wollen ebenfalls in der dritten Maiwoche starten, so Kulturamtsleiter Roland Jörg. Und auch das Frauenmuseum in Hittisau will die aktuell laufende Ausstellung zur Geschichte des Frauenwahlrechtes ab Mitte Mai noch für möglichst viele Interessierten offen halten, bevor dann Ende Juni ein großes Projekt zur Geburtskultur anlaufen soll, wie die Museumsverantwortliche Stefania Pitscheider wissen lässt.
Die von der Kuges (Kulturhäuser-Betriebsgesellschaft) verwalteten Einrichtungen des Landes wollten ursprünglich mit den Landesmuseen der anderen Bundesländer konform gehen. Doch da habe es eine Diskrepanz gegeben, da diese mehrheitlich zum 1. Juli tendierten. Laut Andreas Rudigier, dem Chef des Vorarlberg museums in Bregenz, haben er und das KUB angeregt, gemeinsam ab 4. Juni wieder die Tore zu öffnen. Rudigier: „Die Entscheidung fällt im Aufsichtsrat am 30. April. Dann können wir ein konkretes Datum nennen.“ Beim Theater für Vorarlberg, das ja auch zur Kuges gehört, wird sich aufgrund der Vorgaben von Lunacek aber wohl vor Herbst nicht mehr viel abspielen.      

Mit Peter Fischli genau den richtigen Künstler für den Neustart

Wie die Betriebsführung eines Kuges-Hauses in Zeiten des Lockdowns aussieht, veranschaulicht das nachfolgende Interview mit dem KUB-Direktor Thomas D. Trummer.
Karlheinz Pichler: Drehen wir das Rad zuerst nochmals ein paar Wochen zurück: Mit welchen konkreten Massnahmen haben Sie als erstes auf die Corona-bedingte Schließung Ihres Hauses reagiert?
Thomas D. Trummer: Zunächst haben wir die Schließung vorgenommen. Der 13. März, ein Freitag, war der letzte Öffnungstag. Das Kunsthaus geschlossen zu sehen, ist eine schmerzliche Erfahrung. Die Ausstellung von Bunny Rogers lief sehr erfolgreich, nicht nur in der Presse, sondern auch im Zuspruch des Publikums. Zudem gab es einen Anstieg der Besucherzahlen. Aber schmerzlich ist es vor allem, weil Menschen Kunst und Kultur brauchen. Dies war anfangs noch nicht deutlich, wir haben uns - wie Slavoj Zizek zurecht festgestellt hat - der Wissenschaft zugewandt, ihren Berechnungen, Prophylaxen, Expertisen. Sicherlich war dies der richtige Weg, doch es wird die Kunst sein, die diese Zeit für uns deutet, sie wird Bilder, Sprache, Metaphern für diese Zeit finden, und sie auch für uns bewahren.
Als Antwort auf die Krise haben wir gerade erst kürzlich unsere neuen KUB-Billboards an der Bregenzer Seestraße gehängt. Sie stehen unter dem Motto „Die Kunst ist unvergesslich“. Es sind Aufnahmen aus 23 Jahren KUB-Ausstellungsgeschichte, Schnappschüsse verschiedener KünstlerInnen im KUB, die Lebensfreude und positive Energie ausstrahlen. Darunter der berühmte Lawrence Weiner, seine Frau Alice küssend (2016), oder die Künstlergruppe Gelitin, die 2006 für öffentliches Aufsehen sorgte. Die Bilder sollen Lebensfreude und Optimus zeigen.
Pichler: Haben Sie Veranstaltungen oder Ausstellungen, die eingeplant gewesen wären, komplett absagen müssen? Oder können Sie alles Geplante zu einem späteren Zeitpunkt nachholen?
Trummer: Das Kunsthaus Bregenz plant üblicherweise vier Ausstellungen im Jahr. Daneben gibt es Projekte, Veranstaltungen, Vermittlungsformate. Wir hätten Peter Fischli Ende April eröffnet. Das ist derzeit nicht möglich. Wir werden Fischli eröffnen, sobald Lockerungen möglich sind. Die Vorbereitungen waren bereits vor dem Lockdown weit gediehen, deshalb bin ich sehr zuversichtlich. Und es wird eine großartige, eine faszinierende Ausstellung, linkisch, verschmitzt. Wie das Programm danach weiter gehen wird, wird sich zeigen. Wir sind ein internationales Haus, und daher von Reisebestimmungenen abhängig. Viele unserer KünstlerInnen leben in Metropolen, von denen manche derzeit von der Pandemie besonders betroffen sind, wie zum Beispiel New York. Das Kunsthaus pflegt eine enge Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen, denn es entstehen stets passgenaue Ausstellungen für das Gebäude. Fast alle werden in situ produziert und brauchen die Anwesenheit der KünstlerInnen vor Ort.

Online-Angebote: "Das Wichtigste ist die Qualität."

Pichler: Gibt es in der immer noch vorherrschenden Zeit der sozialen Distanz seitens Ihres Hauses spezielle Online-Angebote für die eingefleischten Anhänger ihrer Einrichtung?
Trummer: Ein hastiger Wettbewerb um Sichtbarkeit ist ausgebrochen. Wir waren online schon vor dem Ausbruch der Krise sehr aktiv. Das stärkt uns in dieser Phase, in der viele in den digitalen Raum drängen. Das Wichtigste ist die Qualität. Wir stehen für besondere Qualität. Wir haben einige digitale Projekte gestartet, es gibt eine Serie an Architekturführungen durch das Haus mit dem Cheftechniker Markus Unterkircher, sie wurde von mehreren Zeitungen als gelungene Initiative genannt und beworben. Wir werden einen Film, an dem der Bregenzer Filmemacher Christoph Skofic schon seit längerem arbeitet, fertigstellen. Skofic filmt die leeren Räume, die wechselnden Lichtstimmungen, fängt die Atmosphären ein, das einmalige Ambiente. Für seine sensiblen Studien braucht er das Kunsthaus geleert, wir mussten ihn immer wieder vertrösten. Jetzt ist Zeit, um ein ambitioniertes Projekt wie dieses zu Ende zu bringen. Daneben haben wir ein reiches Archiv. Das KUB hat ja eine unglaubliche Geschichte, es gibt zahlreiche Zeugnisse, KünstlerInnen-Gespräche, Vermittlungsfilme, Clips etc. Das alles wird nun von der Kommunikationsabteilung aufbereitet. Daneben arbeiten wir an Angeboten für Kinder, viele sind schon online, mehr wird noch kommen. Ich arbeite an einem Podcast, ich beschreibe Bilder unter dem gegenwärtigen Deutungshorizont. Wir nehmen Dinge ja anders wahr, auch Kunstwerke, nicht zuletzt uns selbst.

Alle KUB-MitarbeiterInnen sind noch in Kurzarbeit

Pichler: Befindet sich Ihre Institution aktuell noch im Kurzarbeits- und Home-Office-Modus? Oder im Urlaub? Wie beschäftigen Sie Ihre Mitarbeitenden derzeit konkret?
Trummer: Alle KUB-MitarbeiterInnen befinden sich noch in Kurzarbeit, mit Ausnahme des Kuges-Geschäftsführers Werner Döring und mir. Allerdings verzichten Werner Döring und auch ich auf 20 Prozent unseres Gehalt, die Kuges wird diese Summe am Ende verdoppeln und einem sozialen Zweck widmen. Dies gilt auch für Andreas Rudigier, den Direktor des VM, und die Intendantin des Theaters, Stephanie Gräve.
Arbeit gibt es genug, die MitarbeiterInnen arbeiten an digitalen Formaten, entwickeln Programme, Werbelinien, und Vermittlungsprojekte. Publikationen werden erarbeitet, wie immer, und am Gebäude werden technische Wartungen vorgenommen, die sonst den Betrieb gestört hätten. Wir halten engen Kontakt mit den KünstlerInnen unseres Programms, aber auch mit anderen, erarbeiten Szenarios für die kommenden Monate. Wichtig ist die Frage, wie wir jene unterstützen können, die rasch und umgehend Hilfe brauchen. Gerade viele KünstlerInnen sind von der Krise besonders hart betroffen.
Pichler: Haben oder werden Sie Mitarbeitende entlassen müssen?
Trummer: Nein.
Pichler: Mit welchen finanziellen Folgen rechnen Sie durch die Schließung Ihres Hauses? Rechnen Sie mit großen Verlusten, oder werden die Einnahmenausfälle durch die Möglichkeiten zur Kurzarbeit aufgefangen?
Trummer: Offenkundig entfallen große Teile unseres eigenfinanzierten Anteils: Erlöse aus Eintritten, aber auch andere Einkommensquellen fallen aus, wie etwa Entgelte für Führungen, Einnahmen aus Vermietungen etc. Dazu werden wir, auch dann, wenn wir wieder geöffnet haben, von den Grenzblockaden betroffen sein. Wir haben viele BesucherInnen aus den Nachbarländern, aber auch international. All das wird zu kompensieren sein. Dennoch bin ich überzeugt, dass das Kunsthaus Bregenz von den Menschen geschätzt wird. Unser einmaliger Raum, das Licht, der Hall, die Stimmungen, die besonderen, unverwechselbaren Ausstellungen, all das wird uns in Zukunft noch wertvoller sein.
Pichler: Was erwarten Sie sich von der Politik konkret, um die aktuelle Situation abzufedern?
Trummer: Verständnis für die Situation. Daneben eine Begleitung durch diese schwierigen Monate, Solidarität für jene, die besondere Unterstützung brauchen. Allerdings spüre ich dieses Verständnis und bin zuversichtlich. Schließlich geben wir den Menschen viel zurück, auch jetzt schon versorgt die Kunst jeden Haushalt. Was täten wir ohne Musik, Bücher, Bilder?
Pichler: Haben Sie so etwas wie eine Roadmap, um den Betrieb bei gegebener Zeit, vermutlich am 4. Juni, wieder hochzufahren?
Trummer: Wie gesagt, wir haben mit Peter Fischli genau den richtigen Künstler für die erste Ausstellung nach der Corona-Pause. Das ist zwar Zufall, aber vielleicht auch nicht. Denn die Kunst bietet immer das, war wir gerade suchen. Fischli ist erfahren, lebensbejahend, offen. Zusammen mit seinem Partner David Weiss verfasste er ein kleines Büchlein, eine Art humorvolles Künstlerbrevier: Wie findet mich das Glück? Das ist doch die Frage, die wir uns gerade alle stellen.

KUB-Chef mit neuer Podcast-Reihe        
Aufgrund der Corona-bedingten Schließung des Kunsthauses Bregenz Mitte März publiziert Direktor Thomas D. Trummer derzeit eine Serie von akustischen Bildbeschreibungen unter dem Titel „Sonic Views“. Der KUB-Chef greift in seinen Betrachtungen Gedanken zur aktuellen Situation auf und entdeckt Bezüge dazu in den thematisierten Werken. Ursprünglich an die Freunde des Kunsthaus Bregenz gerichtet, ist die Podcast-Reihe ab sofort verfügbar und wird laufend erweitert. Die gesammelten „Sonic Views“ finden sich unter
https://www.kunsthaus-bregenz.at/kubdigital/ und auf www.youtube.com/user/KunsthausBregenz

KUB-Direktor Thomas D. Trummer (© Miro Kuzmanovic)

KUB-Direktor Thomas D. Trummer (© Miro Kuzmanovic)

Thomas D. Trummer (r.) im Gespräch mit der Künstlerin Raphaela Vogel (Foto: Karlheinz Pichler)

Thomas D. Trummer (r.) im Gespräch mit der Künstlerin Raphaela Vogel (Foto: Karlheinz Pichler)

Arbeit von Peter Fischli, der als nächstes im KUB gezeigt wird (© Miro Kuzmanovic)

Arbeit von Peter Fischli, der als nächstes im KUB gezeigt wird (© Miro Kuzmanovic)

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  • KUB-Direktor Thomas D. Trummer (© Miro Kuzmanovic) KUB-Direktor Thomas D. Trummer (© Miro Kuzmanovic)
  • Thomas D. Trummer (r.) im Gespräch mit der Künstlerin Raphaela Vogel (Foto: Karlheinz Pichler) Thomas D. Trummer (r.) im Gespräch mit der Künstlerin Raphaela Vogel (Foto: Karlheinz Pichler)
  • Arbeit von Peter Fischli, der als nächstes im KUB gezeigt wird (© Miro Kuzmanovic) Arbeit von Peter Fischli, der als nächstes im KUB gezeigt wird (© Miro Kuzmanovic)