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30.07.2019 |  Karlheinz Pichler

Die malerische Befragung des Ichs und der Landschaft - Alexandra Wacker im Künstlerhaus Bregenz

Selbstporträts, Blumenbilder und Landschaften sowie große Tuschearbeiten zählen zu den Arbeitsschwerpunkten der 1958 geborenen Malerin Alexandra Wacker. Anhand von 70 Werken verteilt auf drei Stockwerke ermöglicht die diesjährige Sommerausstellung im Bregenzer Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis in Bregenz einen guten Einblick in die Könnerschaft der Enkelin des großen Rudolf Wacker.

Alexandra Wacker, die an der Akademie der bildenden Künste in Wien unter anderem bei Josef Mikl studiert hatte, meinte einmal sinngemäß, dass ihr das Malen zu einem besseren Sehen verhelfe. Aufgewachsen in einem Haus, in dem sie von den Werken ihres Großvaters Rudolf Wacker umgeben war, hat sie selbst mit zwanzig Jahren ebenfalls zu malen begonnen. Dabei war sie von Beginn an dem Gegenständlichen verhaftet. Einem Gegenständlichen, das häufig stark expressiv gefärbt ist, manchmal aber auch tendenziös Anleihen an der Abstraktion nimmt.
Irgendwie hat man bei ihr das Gefühl, dass alles Landschaft ist. Auch die Selbstporträts, die eine immer wiederkehrende Konstante in ihrem Schaffen darstellen. Sind Landschaften von den Jahreszeiten, den Lichtverhältnissen und den Momentaufnahmen geprägt, so sind Porträts analog dazu Stimmungs- und Situationsbarometer. Wobei aber der Akt des Malens für sich immer eine entscheidende Rolle einnimmt.
Alexandra Wacker bevorzugt das Großformat. Das ermöglicht ihr, ihren Anliegen in großen malerischen Gesten nachzugehen und die klassische Malerei in der von einer schnelllebigen Bilderflut geprägten Gegenwart weiterzuführen. Im Rahmen ihrer Ausstellung in der Münchner Galerie Karin Sachs zu Beginn dieses Jahres hielt die in Wien und Bregenz lebende und arbeitende Künstlerin zu ihren Landschaftsbildern fest: „Bei meiner Beschäftigung mit der Umgebung ist die Landschaft ein immer wiederkehrendes Thema. Es sind Landschaften des schnellen Blicks und der Sehnsucht nach Ferne. Im Spannungsfeld zwischen der Urbanität der Großstadt und dem ländlichen Idyll meiner Heimatstadt greife ich auf meinen Fundus aus privaten Fotos, Magazinfotos oder Bildern aus dem Netz zurück und definiere einen Illusionsraum, in dem sich die eigene Wirklichkeit entfalten kann. Während bei den einen der Blick fast ungehindert in die Ferne schweifen kann, oder die Aussicht durch wuchernde Botanik verwehrt wird und den Betrachter im Ungewissen lässt, was ihn dahinter erwarten könnte, wird in anderen Arbeiten die freie Sicht zur Gänze verstellt durch graue Kolosse aus Stahlbeton. Das menschliches Maß bei weitem überschreitend sind diese möglicherweise 'Mahnmale des Bösen' Zeugnisse einer dunklen Epoche unserer moderneren Geschichte.“
In vielen Landschaftsbildern dominiert die Unschärfe. Einige Bilder, vor allem die, die vor rund fünfzehn Jahren entstanden sind, erinnern an Blicke aus dem Zug, wenn das Außen wie im Film vorbeizieht. In ihrem verwischten Duktus wirken die Gemälde wie aktuelle Kommentare zu einer Wahrnehmung und Befindlichkeit der Zeit, die sich in einem rasenden Zustand befindet.     


Wie filmische Cuts     

Alexandra Wacker malt in Serien. Nebst den groß dimensionierten Zyklen gibt es aber auch kleinformatige Formationen. So etwa die „Homeless“-Porträtreihe, bei denen die Künstlerin die Farbe stark zurücknimmt und durch Schwarz-Grau-Abstufungen und Unschärfen die Gesichtsausdrücke der Männer- und Frauen-Köpfe extrem ins Expressive steigert. Kleinformatige Selbstporträts (Close Ups), die sie beim Rauchen zeigen, wiederum wirken wie Ausschnitte aus einem filmischen Ablauf. Die Art, wie die Zigarette lässig im Mundwinkel hängt oder wie der Rauch durch die zu einem Rund geformten Lippen bricht, erwecken Reminiszenzen etwa an die Coolness eines Humphrey Bogart im Filmklassiker „Casablanca“.       

Die Landschaft als Bühnenbild     

Ganz im Zeichen ihrer großformatigen Tuschearbeiten steht das Dachgeschoss des Palais Thurn & Taxis. Die Farbe Schwarz, aber auch das Mystische, das Schemenhafte und das Magische dominieren diesen Raum. Mächtige Tore und Zäune halten den Betrachter zunächst scheinbar „draußen“, locken ihn aber gleichzeitig, über die Barrieren hinwegzusteigen und in ein Naturuniversum einzutauchen, das unergründlich wie der Jurassik-Park oder romantisch wie ein Märchenwald erscheinen mag.      
Gleich Bühnenbildern öffnet sich hier die Weite einer Landschaft, deren flirrend-atmosphärische Schilderung auch als Referenz an die Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts gelesen werden könnte. Dass die Papierarbeiten ungerahmt, gleichsam ungeschützt und „roh“ präsentiert werden, erhöht den Reiz der Unmittelbarkeit, der von diesen Bildern ausgeht.      
Für diese Tuscharbeiten findet die Künstlerin die Vorlagen, genauso wie bei den Ölbildern, entweder im Netz oder in Zeitungen und Zeitschriften. Mitunter dienen aber auch eigene Fotografien als Basis für das eine oder andere Werk. Wie Wacker selber sagt, interessiert sie bei diesen Papierarbeiten „die Verletzlichkeit des Papiers, die Reduktion auf Schwarz und die vielen Grauabstufungen und Strukturen“. In der Realisierung greift sie auf alle möglichen Gerätschaften und Hilfsmittel zurück und geht im Vergleich zu ihren anderen Arbeiten überaus spielerisch vor. Gegenüber dem exakt kalkulierten kompositorischen Vorgehen bei ihren Ölgemälden wirken die Tuschearbeiten ungemein spontan und offen, ja nahezu gestisch. Wenngleich der malerische Aspekt stets im Vordergrund bleibt. Es ist eine ungewohnte Variante im Schaffen Wackers, die aber gerade durch ihre lockere Verspieltheit die Meisterschaft der Künstlerin aufblitzen lässt.
Alexandra Wackers Kunst zeigt vor allem, dass die figurative Malerei nach wie vor eine Möglichkeit darstellt, um sich auf die Bilderflut in der Gegenwartskultur einzulassen und sie zu bewältigen. „Ihre klare Referenz zum Gegenstand folgt der alltäglichen Anwesenheit des Visuellen im TV, auf Plakaten, in Zeitschriften, im Internet und als digitale Fotografien auf jedem Smartphone: überall.“ (Günter Moschig im Katalog zur Ausstellung) Alexandra Wacker bezieht ihre Bildmotive zumeist aus der unmittelbaren Gegenwart, aus einer Tagesaktualität heraus, wie etwa auch ihre Porträtserie zum afrikanischen Flüchtling „Ofuma“ belegt, der unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam in Wien gewaltsam ums Leben kam. Eine hohe maltechnische Könnerschaft, die Stärke im Umgang mit Farbe und Komposition und der Hang zur kritischen Selbstbefragung sind einige der Ingredienzen, die das Werk von Alexandra Wacker aus der Masse der Beliebigkeit heutiger Kunstproduktion hervorstechen lässt.   

Alexandra Wacker
bis 25. August
Di-Sa 14-18, So 12-18
Palais Thurn & Taxis
Bregenz, Gallusstraße 10

Alexandra -Wacker: Aus der Serie "Selbstporträts (Close-ups)", 2007, Öl auf MDF-Platten (Fotos: Karlheinz Pichler)

Alexandra -Wacker: Aus der Serie "Selbstporträts (Close-ups)", 2007, Öl auf MDF-Platten (Fotos: Karlheinz Pichler)

Alexandra Wacker: Am Ufer, 2018, Öl auf Leinwand

Alexandra Wacker: Am Ufer, 2018, Öl auf Leinwand

Wacker Alexandra Wacker: Tor I, 2013, Tusche auf Papier

Wacker Alexandra Wacker: Tor I, 2013, Tusche auf Papier

Alexandra Wacker: Selbstporträt, 2010, Öl auf Leinwand

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Alexandra Wacker: Augarten, 2018, Öl auf Leinwand

Alexandra Wacker: Augarten, 2018, Öl auf Leinwand

 Alexandra Wacker: Landschaft, 2018, Öl auf Leinwand

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Alexandra Wacker: Samstag, 29.9.2012, 2012, Öl auf Leinwand

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Alexandra Wacker: Selbstporträts mit Brille, Öl auf Leinwand, 2011 - 2014

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Alexandra Wacker: Elternhaus Wackers, 2019, Öl auf Leinwand

Alexandra Wacker: Elternhaus Wackers, 2019, Öl auf Leinwand

Alexandra Wacker: Zerbrechliche Schönheit I, 2019, Öl auf Leinwand

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  • Alexandra -Wacker: Aus der Serie "Selbstporträts (Close-ups)", 2007, Öl auf MDF-Platten (Fotos: Karlheinz Pichler) Alexandra -Wacker: Aus der Serie "Selbstporträts (Close-ups)", 2007, Öl auf MDF-Platten (Fotos: Karlheinz Pichler)
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