Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

16.12.2013 |  Karlheinz Pichler

Den Inhalt so lange durchstreichen, bis er wieder sichtbar wird - Neue Zeichnungen von Marbod Fritsch in der Feldkircher Galerie 60

Seit dem imposanten Bühnenbild aus hunderten von PET-Flaschen, das Marbod Fritsch im Auftrag des Vorarlberger Landestheaters und mit Blick auf die Fassade des neuen vorarlbergmuseums für das Handke Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ entwickelte, konzentriert sich der Konzeptkünstler seit dem Sommer wieder voll und ganz auf das Terrain, von dem aus er seine Laufbahn als Kunstschaffender startete, nämlich die Zeichnung. Unter dem Titel „Fritsch gestrichen“ sind in der Feldkircher Galerie 60 ganz neue Werke dieser reaktivierten Beschäftigung mit der Zeichnung zu sehen. Die Ausstellung ist eine Art Bestandsaufnahme der Gegenwart.

Aus der Wortspielerei des Ausstellungstitels „Fritsch gestrichen“ ist bereits abzuleiten, dass es sich erstens um ganz „frische“ Arbeiten handelt und zweitens der Strich respektive die Linie im Vordergrund steht. Wobei die „Linierungen“ eine enorme meditative Wirkung entfalten. Denn Fritsch hat die Linien ganz dicht und systematisch horizontal oder vertikal oder beides in einem gezogen. Sie erscheinen monoton und wie automatisiert aneinandergereiht. Wenngleich sich auch mit vielen Abweichungen verbunden sind. Denn mal scheinen die Linien kräftiger, dann wieder weicher, dann durchdrückend, dann sich auflösend. Der zeitliche Aufwand, um eine Leinwand so durchzustrukturieren, muss beträchtlich sein. So könnten die Striche denn auch Zeitlinien sein.

Durchgepaust


Als Bildträger verwendet Fritsch nicht Papier sondern weiß grundierte Leinwand. Und die Linien sind nicht direkt mit Stift oder Kugelschreiber auf die Leinwand gesetzt, sondern durchgedruckt. Als „Druckmedium“ setzt Fritsch blaues, rotes und schwarzes Pauspapier ein. Ein Material, dem er seit frühester Kindheit immer wieder begegnet ist, da es zuhauf im Büro seines Vaters gelagert war. Diese Querverbindung verpasst den grafisch-abstrakten Elaboraten eine Art biografischen Input.

Zwischen Stift, oder besser einen leergeschriebenen Kugelschreiber, und die Leinwand hat der Künstler also jeweils immer ein handelsübliches Pauspapier eingeschoben, das eigentlich zur Kopie von geschriebenen Inhalten verwendet wird. Fritsch aber transformiert keine Inhalte auf den Bildträger, sondern abstrakte Linien. Im übertragenen Sinne ist es ein fortwährendes Durchstreichen. Ein Durchstreichen, das durch den Akt der zigtausendfachen Wiederholung zum Ritual wird. Marbod benennt die Werke aus dieser neuen Serie mit „Refusals“, also Verweigerungen. Denn das Durchstreichen bedeutet auch Ablehnung, Absage, Zurückweisung. Das Pauspapier, das für die Übermittlung von Inhalten zentral war, wird auf eine rein formale Schnittstelle zurückgeworfen. Wobei aber hier der Künstler zu einem Doppelspiel ansetzt. Denn dort, wo sich die Pauspapiere überlappen, zeichnen sich neue formale Strukturen ab. Rechteckige, fensterartige Verstärkungen und Durchblicke ergeben sich, womit man wieder beim alten Formenvokabular von Fritsch angelangt wäre. Jedenfalls untermauert Fritsch mit der neuen Serie der „Streichungen“, dass das zeichnerische Denken und Arbeiten bei ihm auch heute noch immer allgegenwärtig ist.

Der subjektive Blick auf die Welt


Marbod Fritsch ist am 4. Dezember 50 Jahre alt geworden. So ist die Ausstellung in der Galerie 60 auch eine Hommage an den Künstler. Aber sie beschränkt sich auf ganz neues Material. Retrospektiven Charakter hingegen hat eine weitere Werkschau zu Ehren des Bregenzer Künstlers, die in der Galerie des Brauereigasthofes Reiner in Lochau eingerichtet ist. Dem Rhythmus der Architektur des Lokales folgend, werden in vier Räumen unterschiedliche Sequenzen seines zeichnerischen Schaffens präsentiert. Ausgehend von jenen Arbeiten, mit denen er im Jahre 1991 seine allererste Ausstellung in der Wiener Galerie Ariadne bestritt, bis zu jenen Kulizeichnungen auf Holz, die für ihn die Rückkehr zur Zeichnung bedeuteten. Gemeinsam ist allen Werken, dass immer der subjektive Blick des Künstlers im Vordergrund steht, seine ganz persönliche Sicht auf die Welt. Einen besonderen Höhepunkt der Ausstellung bildet der letzte Raum. Unter dem Titel „Do You Realize“ hat er hier 50 von ihm angefertigte Porträts von FreundInnen, die ihm in diesem halben Jahrhundert seiner bisherigen Lebenszeit begegnet sind, zu einer Installation verdichtet.

Marbot Fritsch: “Fritsch gestrichen”
Galerie 60, Feldkirch
Bis 29.12.2013
Mi u. Fr 14-18 u.n.tel.Vbg. (05522 736 18)
www.hirn.cc

Marbod Fritsch: “50” - (k)eine Retrospektive
Galerie Brauereigasthof Reiner, Lochau
Bis 31.1.2014
jeweils zu den Öffnungszeiten des Gasthofes

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Marbod Fritsch: "Refusal", 2013

Künstler Marbod Fritsch (Fotos: Karlheinz Pichler)

Künstler Marbod Fritsch (Fotos: Karlheinz Pichler)

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Marbod Fritsch: "Refusal", 2013 Marbod Fritsch: "Refusal", 2013
  • Marbod Fritsch: "Refusal", 2013 Marbod Fritsch: "Refusal", 2013
  • Marbod Fritsch: "Refusal", 2013 Marbod Fritsch: "Refusal", 2013
  • Marbod Fritsch: "Refusal", 2013 Marbod Fritsch: "Refusal", 2013
  • Marbod Fritsch: "Refusal", 2013 Marbod Fritsch: "Refusal", 2013
  • Künstler Marbod Fritsch (Fotos: Karlheinz Pichler) Künstler Marbod Fritsch (Fotos: Karlheinz Pichler)