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06.05.2019 |  Peter Niedermair

Austellungseröffnung: ARTquer in der Artenne Nenzing mit WolfGeorg, Uwe Filzmoser und Leon Wust

Am gestrigen Sonntag eröffnete Helmut Schlatter, Obmann in der Artenne, gemeinsam mit der Künstlerin und ARTquer-Atelier-Leiterin Erika Lutz eine sehenswerte Ausstellung mit drei ihrer Künstler. Die weit über 100 Gäste, die trotz Schneefall und Kälte gekommen waren, wurden mit Frühlingsliedern wie „Der Sommer ist nicht mehr weit …“ und anderen neu komponierten Liedern von Konrad Böhning begrüßt. Präsentiert wurden Kunstobjekte von WolfGeorg, Uwe Filzmoser und Leon Wust. Alle drei besuchen das in der Felsenau gelegene Atelier zwei bis dreimal pro Woche und machen, begleitet von Erika Lutz, ihre Kunst. Kunst von Menschen mit besonderen Begabungen.

Konrad Böning, der heute diese Ausstellungseröffnung musikalisch  begleitet, kommt selbst aus dieser inklusiven Bewegung, war damals beim IfS–Spagat Projekt in Feldkirch angestellt und hat den Aufbau des Ateliers ARTquer von Erika Lutz maßgeblich unterstützt. Damit ist es aus dem Spagat-Projekt in ein Kunstprojekt übergegangen, nicht friktionsfrei und nicht ganz freiwillig. Die Diskussion, wie Inklusion in die Praxis buchstabiert werden kann, ist nach wie vor im Laufen und zeitigt leidenschaftliche Auseinandersetzungen. Auch in inklusiven Settings soll es möglich sein, dass Menschen mit Beeinträchtigungen sich in kleinen Gruppen zusammenschließen können. Segregation ist, wenn man keine Wahl hat. Wichtig ist das Element der Wahlmöglichkeit.

Die ARTquer-Künstler

Die Holzobjekte der ARTquer-Künstler stehen für Geschichten und Erzählungen, die zunächst faszinieren und staunend machen. Sie wirken mitunter grotesk, bizarr und verweisen auf die Vielfalt, Einzigartigkeit und Verhaltensweisen von Tieren. Solche, von denen es so zahllos viele gibt, Insekten zum Beispiel, und dass wir mitunter achtlos auf sie treten, aus Angst oder Gleichgültigkeit. Die ARTquer-Künstler erweitern den Kunstbegriff und stellen indirekt Fragen, wie, wer oder was denn ein Künstler sei. Und wie denn nun Kunst zu definieren wäre. Alle hier in der Ausstellung vertretenen Künstler kümmern sich nicht um derartige Fragen. WolfGeorg, Uwe und Leon stehen für Inklusion und Akzeptanz der Vielfalt von Menschen. Mit diesen jungen Künstlern, ihrer faszinierend kreativen Energie, ihrem Humor und ihrer Kunst, die sie so charmant präsentieren, begreifen und verstehen wir die großen Bögen der menschlichen Existenz. Vom Herz, zur Hand, zum Hirn, in einem fort auf einem Karussell, wie Kunst im menschlichen Kosmos. Und sie übernehmen Zusatzfunktionen, sie „bewachen das Haus und beschützen die Bewohner“, wie WolfGeorg immer wieder berichtet.

Erika Lutz und die Werkstatt ARTquer

ARTquer ist eine Ateliergemeinschaft von besonderen Menschen und bietet ein kreatives Angebot für junge Menschen, die kreativ tätig sein wollen und in inspirierender Atmosphäre unter Anleitung von Erika Lutz künstlerisch gestalten können. Ihr Interesse neben der eigenen künstlerischen Arbeit, unter anderem ist sie eine gefragte Lampen- und Lichtkünstlerin, gilt besonders der Kunst als Ressource in der Arbeit mit besonderen Menschen. Ihr Selbstverständnis und ihre Zugänge für diese künstlerische Arbeit sind gut hinterlegt, wissenschaftliche Grundlagen dazu bietet besonders Georg Theunissen, ein führender Rehabilitationspädagoge, der an der Martin-Luther Universität in Halle an der Saale/Wittenberg forscht und lehrt. Die Aktivierung persönlicher Ressourcen, dazu zählen Stärken, Kompetenzen, Begabungen, Vorlieben, Humor, hat neurobiologisch nachweisbar positive Wirkungen im Rahmen psychosozialer und pädagogischer Unterstützungsleistungen, so Theunissen. In Bezug auf Menschen mit Lernschwierigkeiten oder komplexen Behinderungen können wir – wie Erika Lutz in ihrer Diplomarbeit an der Pädagogischen Hochschule Feldkirch schreibt – die Kunst als Unterstützungs-Ressource nutzbar machen, d.h. die Wirkung, die von der Sache Kunst ausgeht, therapeutisch und pädagogisch aufbereiten.

Kunst als ein Ressourcen aktivierender Prozess

Durch die Beschäftigung mit Kunst können sich Menschen als selbstwirksame Individuen wahrnehmen und so die eigenen Fähigkeiten stärken. Das künstlerische Schaffen wirkt identitätsstiftend, lern- und entwicklungsfördernd, es stärkt das Selbstbewusstsein und unterstützt zudem die Kreativität. Die Auseinandersetzung mit Kunst ermöglicht elementare Material- und Objekterfahrungen, was basale, senso- und psychomotorische Erlebnisse anlangt.
Die Möglichkeiten, um mit Kindern, Jugendlichen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen Kunst als Ressource zu nutzen, reichen von der Aktionskunst, Landart, Theater, Musik, Performances, Literatur bis hin zur Bildenden Kunst, wo sie, im Falle von nichtakademischen Künstlern mit Behinderung als sogenannte „Außenseiter Kunst“ , „Outsider Art“ oder „Art Brut“, bezeichnet wird. Der Begriff „Art Brut“ wurde von dem französischen Maler Jean Dubuffet geprägt, der Zeit seines Lebens auf der Suche nach diesem Unverfälschten war, das – frei von modischen Vorbildern und Traditionen – den momentanen geistigen Zustand des Künstlers ausdrücken sollte. Er gründete 1947 in Paris die Compagnie de l´Art Brut mit dem Ziel, so genannte Außenseiterkunst zu sammeln, zu dokumentieren und bekannt zu machen. Das von gesellschaftlichen Normen Unberührte erkannte Dubuffet als den Ursprung aller künstlerischen Schöpfung. Der von Dubuffet geprägte Begriff „Art Brut“ lässt sich als rohe, unverfälschte Kunst übersetzen. Im angloamerikanischen Sprachraum gilt der Begriff „Outsider Art“, zu Deutsch „Außenseiter Kunst“. Einen wichtigen Beitrag zu diesen Entwicklungen in der Kunst lieferte Leo Navratil, der in der niederösterreichischen Klinik Gugging Ende der 1980er Jahre die „Künstler-Patienten“-Abteilung aufbaute (Begriff von Janos Morton und Bolek Gryzinski, Creedmore Psychiatric Clinic, Queens, New York). Navratil war Entdecker und Förderer der ersten Generation von Künstlern aus Gugging, unter diesen Johann Hauser, Ernst Herbeck, Philipp Schöpke, Oswald Tschirtner und August Walla.

WolfGeorg

In seinen Kunstwerken, den Skulpturen wie den Bildern, begegnen wir Techniken, die er seit einigen Jahren handwerklich-künstlerisch in der Begleitung von Erika Lutz weiter entwickelt. Es ist eine intensive Vertiefung und Verfeinerung jener Praktiken, die er sich im kreativen Umgang mit Holz aus Erfahrung angeeignet hat. Auch die Geschichten und Erzählungen um diese Tiere wiederholen sich zu einem grundsätzlichen Teil, ist der Akt der Wiederholung doch eine jener strategisch-vielfältigen Methoden und Strukturen, mit diesem Anderssein gut leben zu können. Auf die Bedeutung der Wiederholung für den Menschen an sich sollte man in diesem Zusammenhang wieder einmal hinweisen. Der in New York lebende Phil Glass, der großartige Komponist, Musikkünstler und Regisseur hat in der Musik Beispiele dafür geschaffen, die für das Kompositionsprinzip der Minimal Music bekannt sind. Die er etwa in der Oper „Einstein on the Beach“, die 1993 in New York an der Brooklyn Academy of Music uraufgeführt wurde, einsetzte. Er selbst hat diese Art zu komponieren, wie er mir in einem Interview erzählte, durch die beiden adoptierten, autistischen Kinder erfahren. An deren Verhalten entdeckte er, dass das Wiederholen für diese Kinder, wie für alle Kinder ganz generell gesprochen, ein wichtiger Akt der Identifizierung mit und Aneignung dieser Welt ist. Auf diese Funktion hat bereits der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hingewiesen. Ohne den Akt der Wiederholung, sagt er, wäre unser Leben nur ein einziges lautes Schreien. Bei WolfGeorg steht weiters die Auseinandersetzung, die bereits John Berger in seinem bekannten Aufsatz „Warum wir Tiere anschauen“ thematisiert, dass sich der Mensch als das genuin Andere begreifen und sich als Zoon politicon verstehen kann, und zwar an diesem Anderen, am Tier; in diesem Fall wird eine Projektion sichtbar, indem WolfGeorg ihm, dem Tier, eine Schutzfunktion zuspricht, als jener sehr gefährlich aussehende Beschützer des Menschen.

Uwe Filzmoser

Uwe, der wie WolfGeorg bereits seit vielen Jahren zu Erika Lutz in die Werkstatt in der Felsenau kommt, macht Holzskulpturen auch ein großer Geschichtenerzähler, er liest nicht nur Charles Dickens Romane und studiert Stadtpläne von London, die wir manchmal auf den Spuren von Oliver Twist anschauen. Er liest seit Kurzem auch Hans Christian Andersens Kunstmärchen, weil er sich in Vorbereitung auf eine Dänemark-Reise einlesen müsse. Er ist einer, der mit Bleistift Briefe schreibt, in denen er mir von seinen Reisevorhaben berichtet. Man könnte sich ihn gut vorstellen als jenen Antihelden Max, der in „Wo die wilden Kerle wohnen“, von Maurice Sendak, mit seinem Boot auf dem großen Teich dahinsegelt, bis er die wilden Kerle trifft, die ihn zum König machen. Uwe, der vor zwei Tagen den fünfzigsten Geburtstag feierte, hat wie viele von uns zwei Biografien und zwei Landkarten, auf denen er diese lebt. Die reale, mit Geografie und Öffis und allem dem, und eine zweite, die der Literatur.

Leon Wust

Beachtlich sind auch die Bilder des jungen Leon Wust, der im Laufe der vergangenen zwei Jahre große Fortschritte gemacht hat. Künstlerisch arbeitet er mit feinen Faserstiften, doch Leon „zeichnet“ nicht, er „macht“ – Leon macht Wiesenlandschaften mit Insekten, ganz so wie das Leben spielt. Er nimmt großformatige Zeichenblätter auf die er mitunter nur eine kleine Zeichnung aufsetzt. Dadurch werden die Objekte besonders hervorgehoben. Mit dieser Ausstellung gelingt der Artenne in Nenzing im 25. Jahr ihres Bestehens eine faszinierende Ausstellung mit einem Einblick in ein gegenwärtiges Kunstschaffen in Vorarlberg. In den Mittelpunkt gestellt sind Kunstwerke, die von intensiver Auseinandersetzung zeugen, ein Phänomen, das alle vertretenen Künstler dieser Ausstellung eint. Alle erzählen Geschichten. Es lohnt, in die Artenne zu kommen und auf diesen Kunstparcours in die Wildnis zu gehen, zu verweilen und sich einzulassen in Kunstwerke, die eine kleine Welt erkennbar groß machen, Kunst als jener schräge Gegenentwurf zur Welt, um diese sichtbarer zu machen - begreifbarer, verstehbarer.

Das Gesellschaftliche dieser ARTquer Kunst

2008 hat Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Diese besagt im Wesentlichen, dass sich Gesellschaften inklusive entwickeln und Menschen mit Beeinträchtigungen die volle und gleichberechtigte Teilhabe in sämtlichen Bereichen ermöglichen sollen. In allen Bereichen heißt: in Bildung, Sport, Freizeit, Kunst, Kultur, Gesundheit usw. Österreich war eines der ersten Länder, die die Konvention ratifiziert hat; mit wenig Diskussion im Parlament, keinen Kontoversen, in der Annahme, dass Österreich die Grundsätze bereits alle umgesetzt habe. Dem ist jedoch nicht so. Das zeigt das alltägliche Leben von Menschen mit Beeinträchtigungen und deren Familien immer wieder, bezogen auf ARTquer, das Atelier von Erika Lutz, immer wieder auch der Kampf um Ressourcen. Die geringe finanzielle Unterstützung von Seiten des Landes, aus Töpfen des Kunstbudgets und sehr wenig Subvention aus dem Bereich des Sozialen ist im Grunde genommen kultur- und gesellschaftspolitisch nicht nachvollziehbar. Die schulische Integration im Pflichtschulwesen begann in Vorarlberg in den späten 1980er Jahren; das Wahlrecht der Eltern im schulischen Bereich in Österreich wurde von engagierten Eltern, die keine Segregation für ihre Kinder in Sonderschulen wollten, die es leider bis heute nach wie vor gibt, bereits früher erkämpft und ist seit 1993 gesetzlich verankert.

Am Freitag und Samstag fand in Hard am Bodensee die Zukunftskonferenz statt „Inklusives Land Vorarlberg“ statt, mit dem Ziel, langfristig eine Strategie zu formulieren, Vorarlberg in Richtung Inklusion weiterzubringen. Es gilt das Prinzip Hoffnung.

ARTquer, WolfGeorg, Uwe Filzmoser, Leon Wust
bis 26.5.
Mi + So 16 - 19 Uhr
Artenne Nenzing

Von links nach rechts: Erika Lutz, Leon Wust, Uwe Filzmoser und WolfGeorg (Fotos: Helmut Schlatter)

Von links nach rechts: Erika Lutz, Leon Wust, Uwe Filzmoser und WolfGeorg (Fotos: Helmut Schlatter)

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  • Von links nach rechts: Erika Lutz, Leon Wust, Uwe Filzmoser und WolfGeorg (Fotos: Helmut Schlatter) Von links nach rechts: Erika Lutz, Leon Wust, Uwe Filzmoser und WolfGeorg (Fotos: Helmut Schlatter)
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