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31.12.2020 |  Karlheinz Pichler

Alois Galehr holt das „Eismeer“ an den Rhein

Im Kunst- und Kulturbetrieb herrscht derzeit aufgrund des Shutdowns erneut tote Hose. Im ganzen Land mussten die Kulturbetriebe die Rollbalken wieder herunterlassen. Dennoch gibt es im Bereich der bildenden Kunst einige wenige Lichtblicke in Form von Schauräumen, die von außen her einsehbar sind. Einer davon befindet sich in Koblach. Es handelt sich dabei um das alte Zollhäuschen, dass seit kurzem die Künstlervereinigung KunstVorarlberg als zweiten Ausstellungsraum neben der Feldkircher Villa Claudia adaptiert hat. Derzeit sind dort unter dem Titel „Odyssee der Lichtsteine“ installative Werke des in Vandans lebenden und arbeitenden Künstlers Alois Galehr zu sehen.

Im Zentrum der Ausstellung Galehrs stehen wie Eisschollen übereinandergestapelte Leuchtbuchstabenplatten, die der Künstler vor fast 20 Jahren in Vaduz „gefunden“ hat. Die Gemeinde Vaduz hatte sie damals zur Entsorgung am Straßenraum hergerichtet. Galehr hat sie mit Genehmigung der Stadt im Kofferraum seines Autos verstaut und mit über die Grenze nach Vorarlberg genommen. Hin und wieder tauchen sie in unterschiedlichen Kombinationen bei Ausstellungen auf, wie etwa im letzten Jahr in der Artenne Nenzing, um dann wieder in seinem Depot zu verschwinden.

Da das alte Koblacher Zollhäuschen direkt am Rhein liegt, ist es von der Logik her nachvollziehbar, dass der Künstler diese „Lichtsteine“ (Galehr) wie ineinander verschachtelte Eisschollen präsentiert, wie man dies von der Arktis her kennt. Die quadratischen Lichtkästen werden mit einer Zeitschaltuhr zum Leuchten gebracht. Da die Lichtsteine durch die Art, wie sie sich überlagern, im Betrachter auch Assoziationen zum berühmten Gemälde „Eismeer“ von Casper David Friedrich (CDF) evozieren, das 1823/24 entstand, hat Alois Galehr auch gleich einen eigenhändig bearbeiteten Nachdruck dieses Gemäldes in die Ausstellung mit eingebaut. Und die Rolle des gekenterten Schiffes nimmt bei Galehr das Fahrrad ein, das er als zehnjähriger Junge von seinem Vater geschenkt erhielt. Es ist so zwischen den leuchtenden Schollen platziert, als ob es in Kürze darin versinken würde. Galehr dazu: „Die Assoziation zu Caspar David Friedrichs Gemälde 'Das Eismeer' liegt nahe, so wie der nahe Rhein.“     

Interessant an dieser Installation ist desweiteren die rein zufällige Koinzidenz mit einer ebenfalls aktuellen Installation von Jakob Lena Knebl & Ashley Hans Scheirl im Kunsthaus Bregenz (KUB). Auch Knebl/Scheirl referenzieren im Erdgeschoß des Zumthor-Baus mit einer monumentalen Arbeit auf das Gemälde von CDF. Die beiden Kunstschaffenden, die Österreich 2022 auf der Biennale Venedig vertreten werden, präsentieren „Das Eismeer“ allerdings als begehbare Bühne. Dargestellt wird eine eisige Szene in kalten Blautönen mit Eisschollen, kristallinen Klüften und einem gekenterten Schiff - in der Interpretation von Knebl/Scheirl ein kippendes Sofa - darüber Eisglaslampen, wie sie in den 1960er Jahren modern waren. Das Gemälde Caspar David Friedrichs war lange Zeit fälschlich als „Die gescheiterte Hoffnung“ betitelt worden. Für Knebl/Scheirl erinnert diese Phase der Geschichte an die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen während des Lockdowns.      

Ein Zwerg für alle Fälle      

Als zweiter Schwerpunkt fällt Galehrs Gartenzwerg ins Auge, den er aus einem von ihm selbst gefällten Birnenbaum vor Jahren geschnitzt hat. Der Künstler bezeichnet ihn als „Zwerg für alle Fälle“, denn er habe ihm schon des öfteren als Statist gedient - stillschweigend, schmunzelnd und alles mittragend, was ihm auferlegt (umgehängt) wurde. Im jetzigen Fall schaut er über den Rhein (oder auf den ihm gegenüber liegenden Eismeer-Druck) , ein Fernglas um den Hals (wohin geht die Reise) und auf einen ehemaligen Einkaufstrolly gefesselt. Am Rücken trägt er ein Gestell mit zwei Aludibondtafeln, auf denen Verwendungsgenehmigungen für die Leuchtkästen angebracht sind. Für Galehr, der vor allem als Karton-Künstler bekannt geworden ist, steht diese Figur auch als „Zwerg in mir“ und soll auf die Untiefen der menschlichen Seele und der Wandelbarkeit unter gewissen Umständen (Nazi-Zeit, USA-Wahlkampf etc.) anspielen. Er denke da auch an die Aussage von Karl Kraus: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten!“      

Alois Galehr: Odyssee der Lichtsteine
bis 28.2.2021
tägl. 0-24 Uhr
Schauraum Zollart, Koblach

Alois Galehr: "Lichtsteine" und "Versinkendes Fahrrad-Wrack" (Fotos: Karlheinz Pichler)

Alois Galehr: "Lichtsteine" und "Versinkendes Fahrrad-Wrack" (Fotos: Karlheinz Pichler)

Alois Galehr: "Der Zwerg in mir"

Alois Galehr: "Der Zwerg in mir"

Alois Galehr: "Das Eismeer" (bearbeiteter Druck von Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer")

Alois Galehr: "Das Eismeer" (bearbeiteter Druck von Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer")

Alois Galehr: "Der Zwerg in mir" (Detail)

Alois Galehr: "Der Zwerg in mir" (Detail)

Zollart: Das ehemalige Koblacher Zollhäuschen (Fotos: Karlheinz Pichler)

Zollart: Das ehemalige Koblacher Zollhäuschen (Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • Alois Galehr: "Lichtsteine" und "Versinkendes Fahrrad-Wrack" (Fotos: Karlheinz Pichler) Alois Galehr: "Lichtsteine" und "Versinkendes Fahrrad-Wrack" (Fotos: Karlheinz Pichler)
  • Alois Galehr: "Der Zwerg in mir" Alois Galehr: "Der Zwerg in mir"
  • Alois Galehr: "Das Eismeer" (bearbeiteter Druck von Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer") Alois Galehr: "Das Eismeer" (bearbeiteter Druck von Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer")
  • Alois Galehr: "Der Zwerg in mir" (Detail) Alois Galehr: "Der Zwerg in mir" (Detail)
  • Zollart: Das ehemalige Koblacher Zollhäuschen (Fotos: Karlheinz Pichler) Zollart: Das ehemalige Koblacher Zollhäuschen (Fotos: Karlheinz Pichler)