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30.04.2021 |  Peter Niedermair

Tage der Utopie: AMBACH Götzis und Bildungshaus Arbogast, Mi, 28. / Do, 29. April 2021 Ariadne von Schirach: „Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden.“

2019 waren die Tage der Utopie ein Festival mit Fokus auf das, was gelingt, ein intellektuelles Feuerwerk am Puls der Zeit. Positiv in die Zukunft blickend präsentierten sich die Tage vor zwei Jahren „als wegweisende Veranstaltung für all jene, denen die um sich greifende Zukunftsverdrossenheit nicht das Geringste anhaben kann“. Auf dem Weg ins Freie gab es ein breites Spektrum an zukunftsweisenden Themen, Konzepten und Ideen, Impulse, Strategien, Best Practice: von erfolgreicher agiler Unternehmenskultur über ein gerechtes Internet und Entwicklungsstrategien für den ländlichen Raum bis hin zur Zukunft des politischen Dialogs und Wegen aus der globalen Krise. Doch diesem Träumen auf dem Weg ins Freie war – im Schnitzler’schen Sinn – bereits im Titel des Romans, der 1908 bei S. Fischer in Berlin erschien, etwas Zweideutiges eingeschrieben. Schnitzler zeichnet auf der Handlungsebene des Romans (1898/1899) das Bild einer Belle Époque, in der von jüdischen Intellektuellen konträre Gespräche über die Zukunft geführt werden, deren politischen Wege der Vergesellschaftung vorgezeichnet sind. The Times They Are A-Changing. 2021 ist anders.

Von wegen „die Gegenwart von der Zukunft her denken“

In Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ kann man nachlesen, dass Erinnerung nur wenig mit der Vergangenheit zu tun hat, sondern mit unserer Vorstellung von ihr. Erinnern bedeutet immer auch vergessen, heißt auswählen, was zur persönlichen Konstruktion der Biographie, zum sozialen und kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft gehört und was nicht. Erinnern, so Aleida Assmann, ist ein willkürlicher Akt, doch er ist nicht beliebig. Im Gegenteil. Die Erinnerung knüpft die Knoten eines Netzes von Beziehungen und Bedeutungen zu einem Text, zu einer Erzählung. Die Erinnerung als solche macht uns eigentlich erst beziehungsfähig, auch wenn das Netz unübersichtlich ist. Es ist ein Teil der Selbstaufklärung des Individuums und der Selbstkonstruktion einer Gesellschaft. Das Vergangene ist wirkmächtig ebenso wie Zukünftiges.

Inmitten der Pragmatik der Verhältnisse  die Philosophin Ariadne von Schirach

Ariadne von Schirach, die bei den diesjährigen Tagen der Utopie Mitte der Woche am späten Nachmittag des 28. April in der Kulturbühne AMBACH in Götzis einen Vortrag zur Frage „Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden“ hält, in dem sie nicht nur die philosophische Poesie des Denkens zelebrierte, sondern auch über die Zeichen der Zeit sprach, die genug Anlass zu Sorge geben. In ihren Sachbuch-Bestsellern arbeitet die freie Journalistin und Kritikerin zu gesellschaftskritischen Diskursen und Fragen, die sie in den Buchtiteln bereits als mehrdeutige, kritische poetische Figuren spiegelt: „Der Tanz um die Lust“, „Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst“, 2005 erschienen, ein Buch, in dem sie die Pornografisierung unserer Gesellschaft thematisiert. Pornografie schaffe ein Begehren, das nicht erfüllt werde, was zu Frustration führe, von der die Depression nur einen Seufzer weit entfernt sei. Die Lust an der Fortpflanzung gehe verloren und die ständige Überschwemmung mit Reizen stelle vor allem das weibliche Begehren vor unlösbare Paradoxe. Die Erregung sei geblieben. Im Frühjahr 2019 erschien ihr philosophisches Sachbuch „Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden“,  ihr zentrales Thema nicht nur beim Vortrag sondern auch im Gespräch am darauffolgendem Donnerstagvormittag Workshop in der kleineren Gruppe in Arbogast, das Clemens Schedler wie allmorgendlich souverän moderiert und dafür nur eine Ursenschelle aus dem benachbarten Graubündischen braucht und seine klare, angenehm differenzierende, gleichsam poetische Sprache. „Lob der Schöpfung. In Verteidigung des irdischen Glücks“ ist der Ende 2019 erschienene Essay von Ariadne von Schirach. Die Philosophin und Autorin meint, dass wir auch 2021 auf der Suche nach dem Glück mit der Rettung der Welt bei uns selbst beginnen müssten und mit sensiblen Wahrnehmungstentakeln die Gegenwart so untersuchen, dass wir mit den Füßen am Boden bleiben, doch mit dem Kopf in den Wolken der Phantasie mäandern.

Doch bevor der Vortrag beginnen kann, hören wir in einer Live-Übertragung zugeschaltet aus dem Radiofunkhaus in Wien die Theologin und Ö1-Journalistin Renata Schmidtkunz, die die Referentin des heutigen Abends vorstellt und kurz einführt. Schmidtkunz präsentiert seit Jahren mit starkem Zuspruch einer anspruchsvollen Zuhörer*innenschaft interessante Persönlichkeiten, Denker*innen, Wissenschafter*innen und Philosoph*innen. Für dieses Jahr sind wiederum Vortragende von den Tagen der Utopie 2021 in ihrer Radiosendung zu Gast: Wilhelm, Glaubrecht und Ilija Trojanow.

Musik als Diskursfolie

Die Sterne am Himmel tauchen auch in anderer Form auf, das „All-Star Ensemble“ mit Musiker*innen und Komponist*innen, wie Peter Herbert, Peter Madsen, Carol Robinson, Garth Knox, Francis Marie Uitti und Pascal Contet, die wie David Helbock und weitere mehr in früheren Jahren bereits aufgetreten sind. Die Musik ist Programm auf einer anderen Ebene, aber nicht im Sinne von „Zukunftsmusik“. Für gewöhnlich kommen die Referent*innen mit ihrem Manuskript in den Saal herein; doch hier läuft zunächst etwas anderes ab, ein weiches, improvisatorisches Element, das die Besucher*innen in einen besonderen, in einen anderen Seinszustand verwandelt. Vor dem Beginn des Vortrags treten Künstler*innen-Musiker*innen mit einer Auftragskomposition auf, dieses Jahr sind es Christoph Reuter und Juri de Marco, die mit Antonín Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ … „spielen“. Nach dem Vortrag reagieren sie frei improvisierend aus dem Hier und Jetzt. Nach dem Vorspiel, in dem uns die Musik in eine Art Verzauberung nimmt, in dem sie auch neue Phantasie-, Gefühls- und Denkräume öffnet, kann man kein Manuskript mehr „vorlesen“. Diese Abfolge erzeugt eine spezielle Poesie, die Atmosphäre öffnet sich fürs Zuhören und ist auch Teil eines anderen Selbstverständnisses. Die inhaltsanalytisch-diskursive  Auseinandersetzung bekommt einen Touch von Poesie, die Musik hat eine inhaltliche Bedeutung, sie ist selbst ein Diskurs, der in einer Verschmelzung das Narrativ, den gesprochenen Text, mitsteuert; zeitgenössische Musik mit improvisatorischen Elementen als eine produktive Störung, die Zuhörer*innen sehen das Unvollkommene, das Generierende. Innovative Prozesse entstanden in Arbogast immer aus der Suche nach neuen Formen von gemeinschaftlichem Lernen und Entwickeln.

„Aus der Neuen Welt“

Jetzt, nach dem der Mond noch vor wenigen zwei Wochen so hell gekältet hatte und die Kräuter unter der Schneedecke eingehüllt waren, und niemand sagen konnte, wenn es so kalt ist oder nochmals kalt wird, wann die nächsten kommen, wir aber würden aus dem Akt der Wiederholungen von Kierkegaard wissen, Blüten werden kommen, Blüten über Blüten, weiße, gerötelte, ein Blütenmeer, unter dem Himmelszelt, und die Klangwolken würden Teile von diesem Innen und Außen werden, wie in diesen durchlässigen Passagen, wo wir nicht mehr zu sagen vermöchten, was ist Raum des Meinen und was des Deinen, was ist Innen und Außen, weil sie so komplementär zusammen gehören und das Eine ohne das Andere nicht denkbar wäre, nicht existieren könnte, während in den Kratern der wilde Löwenzahn über seinen Fallschirmen dösen würde. Nach dem leisen poetischen Beginn, der noch nicht mal ein Spaziergang ist, tönen die Musiker im Tanz mit ihren Instrumenten in den Tag hinein, fangen die Weite von draußen ein, zaubern Klang-Poesie im Herzschlag des späten Nachmittags, in diesem Frühling, wo der Pianist über den Tasten schwebt und wie eine Katze, die über die Tasten steigt, manchmal einsinkt, über andere drüberhüpft, melodisch gelenkig wie in den Savannen des nordamerikanischen Kontinents, die Antonín Dvořák bereiste und sich im musikalischen Dialog angenähert hat, wie die Nachbarskatze, die auf einer Detour im späten Licht der sonnenbeschienenen Bergspitzen über dem vorarlbergischen Rheintal, durch den Garten tapst, Ode from the West, neue Nachmittage, neue Impulse, neue Ideen, im Plantschbecken des Kinderschwimmbads und wir auf einer Treppe sitzend summen … w … sit and watch the children play … ein alter Film, den man nicht einmal neu colorieren muss, before the evening of the day.

Darauf folgt die Poesie des Philosophischen, die wir selten oder eigentlich wie nie zuvor in einer derart faszinierenden Sprache hören dürfen. Ariadne von Schirach beginnt über die zu lobende Endlichkeit zu sprechen, über den Menschen, über das, was uns alle angeht. Wohin soll man denn noch blicken? Unsere Gegenwart ist krisenhaft, beängstigend. Alles ist in Bewegung geraten. Alte Gewissheiten gelten nicht mehr. Wir leben in einem Übergangszustand. Und, aber: wir leben mit der Chance, uns und alles umzustellen. Anders denken, anders handeln, anders leben.

Einschub 1

Die Auseinandersetzung mit der Utopie war in Arbogast immer ein Werkzeug des Entwerfens, auch selbstironisch, spielerisch, wo der Weg beim Gehen entsteht, wo also der Prozess an sich im Zentrum steht, beobachtend, besprechend, gemeinschaftsorientiert, kein perfekter Bauplan also (H.-J. Gögl), keine geschlossene Gesellschaft, sondern eine radikale Offenheit, die sich auch auf der semantischen Ebene in den Titeln der Vorträge spiegelt/e. „Greifen wir nach den ‚Sternen‘“, den europäischen, mit Verena Ringler, oder „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“, von Hartmut Rosa, eine Analyse unser gesellschaftlichen Befindlichkeit. 

Einschub 2

Allerdings operieren Lösungsszenarien, die sich auf die vergangenen Erfahrungen berufen, in einem circulus vitiosus. Solange mann/frau sich nämlich in den Problem- und Konfliktfeldern orientiert, sprechen wir in den Maschinen- und Reparatursprachen, wir bewegen uns im Denken wie im Sprechen in der Semantik der Reparatur. Appreciative Inquiry, die doch etwas andere Methode, geht davon aus, dass Menschen und Systeme sich in die Richtung bewegen, in die sie schauen; und die Fragen, die wir stellen, darüber entscheiden, was wir finden. Fragen steuern. Die Tage der Utopie sind und waren in ihrem Selbstverständnis kein politisches Diskursallheilmittel, man muss selbstverständlich die Problematiken ansprechen, betonten Josef Kittinger und Hans-Joachim  Gögl immer wieder, Utopie im Sinne der Veranstalter sei ein Instrumentarium, um aus dem klassischen, bewährten Strategiemodus auszusteigen und das Feld  zu wechseln, ganz an die Wurzel gehend, disruptiv, und überlegen, was denn die bestmögliche Lösung sein könnte, ohne sich auf bestehende Strategien abzustützen und zu reparieren. 

Zeit ist kostbar, und kurz, sagt Seneca.

Am Anfang. Wo ich stehe, von wo aus ich sehe, und blicke, es geht um Vorschläge zur brauchbaren Vorläufigkeit, das korreliere mit der Natur des zu behandelnden Gegenstandes. Sinn wird. Sinn, der sich in Form ausdrückt. Das Leben ist eine Ganzheit. Einklang und Reibung. Resonanz und Rhythmus. Tag und Nacht, neues Werden. Ordnung und Chaos und neue Ordnungen.

Was ist der Mensch? fragt Frau Schirach. Und sagt: „Ich weiß noch nicht. Wer bin ich, der Mensch ist unbestimmt, schafft sich ständig neue Beheimatung. Und, es ist immer schon etwas da. Wir leben auf Ruinen. Alles andere ist mit uns. Die Natur, die Tiere, die Erde, der Kapitalismus, die Eisenbahn. Der Tisch. Vieles bleibt unverfügbar, im Leben und Lieben und Verstehen. Geworfenheit umfasst Unfreiheit. Und so sind wir immer auch das, was sein könnte. Bis zum Tod. Wir sind in ein Leben hineingeboren, in dem sich die Seinsmöglichkeiten zeigen.

Die Evolution ist zukunftsblind

Wir sind Reisende, Strauchelnde. Doch bei der Entfaltung von Seinsmöglichkeiten geht es um mehr. Wir machen Sinn aus dem eigenen Leben. Dieser stellt sich ein, wenn die Benachbarungen stimmen. Die Beheimatungen. Sinn entsteht, wenn wir uns zurechtfinden. Jeder einzelne Mensch gibt durch den Vollzug Antwort auf den Sinn des Lebens. In diesem Leben zuhause sein. Wir blicken von einem eigenen Ort auf das Leben, das uns geschieht. Wie kann man diese paradoxe Lage – wenn überhaupt – begreifen? Es gibt keinen Grund, sicher zu gehen. Es gibt keinen Grund sicher zu gehen. Sagt die Schriftstellerin aus Czernowitz. Zitat. Sicheren Grund gibt es nicht. Gab es nie. Danach Søren Kierkegaard und Martin Heidegger. (Über Todtnauberg und Paul Celan sprechen wir ein anderes Mal.) Der Mensch ist ein zusammengesetztes Leben, eine Synthese. Körper und Innenwelt. Endlichkeit und Unendlichkeit. Erleiden und gestalten. Der Verweis auf den Ort, Søren Aabye Kierkegaard, unser Geist. Die unendlichen Weiten unserer inneren Welten. Wählen können und wählen müssen. Wo gerade alles in Unordnung ist. Wofür man sich einsetzt; was ich berühre, berührt auch mich. Corona ist eine kollektive Endlichkeitserfahrung. Erzeugt existenzielle Angst. Doch, wer will schon back to the Uterus? Es liegt an uns, andere Geschichten zu erzählen. Woran sollen wir uns orientieren? Wie sich dem Leben stellen, ohne zu ertrinken? Notwendig ist, was unsere Not wendet. Ein bewusstes Leben leben und die eigene Endlichkeit zulassen.

Wie an den Wurzeln der vor dem Haus stehenden Sommerlinde, die gerade begonnen hat, sich in ihr grünes Blätterwerk zu öffnen. Die Musik ist unendlich schön. Zum Vertaumeln schön. Komm, hol die Leitern heraus, der Frühjahrsputz ist längst vorbei. Pessach. Come over to the window, my little Darling. And, so long, Marianne. - Where do the ducks go in winter, when the pond is frozen all over? Holden Caulfield, der Catcher in the Rye spaziert durch den Central Park, entlang der Serpentine, hinüber ins Guggenheim, mit Phoebe, seiner Schwester, sie gehen die kreisenden Plattformen nach oben, vorbei an den Gemälden von Hilma af Klint, Beyond the Visible. Wassily Kandinsky und Marc Chagall. Und weiter zu Andy Warhol. From A to B and Back. Im Jetzt ist auch die Unendlichkeit … wir leben alle im Jetzt. Dieses Jetzt ist der Augenblick. Alle Veränderung beginnt jetzt. Da liegen Dimensionen. Das ganze Universum ist enthalten. Die Einladung vom Leben ins Netz des Gemeinsamen einspeisen. In einer geistlosen Zeit. Stop and Go on Fifth Avenue. Take five. People on the Move. Götzis. An den Tagen der Utopie. „Es ist möglich, zu werden, wer man ist, ganz, heil und konkret. Und merken, dass es sich lohnt.“

Ariadne von Schirach (alle Fotos © Lucas Breuer)

Ariadne von Schirach (alle Fotos © Lucas Breuer)

Christoph Reuter und Juri de Marco, die mit Antonín Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ … „spielen“ (alle Fotos © Lucas Breuer)

Christoph Reuter und Juri de Marco, die mit Antonín Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ … „spielen“ (alle Fotos © Lucas Breuer)

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  • Ariadne von Schirach (alle Fotos © Lucas Breuer) Ariadne von Schirach (alle Fotos © Lucas Breuer)
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