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05.12.2014 |  Markus Barnay

Spannender Bildband über die Geschichte einer Tourismusregion - „Spuren – Skikultur am Arlberg“

Seit Fritjof Nansen in seinem denkwürdigen Buche ,Auf Schneeschuhen durch Grönland’ in meisterhafter Weise die eminenten Vorzüge und Vortheile der norwegischen Schneeschuhe geschildert hat, haben sich allseits Anhänger und Liebhaber für diesen Sport gefunden, deren Zahl in raschem Wachsthum begriffen ist. (Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, 1892)

Was veranlasst moderne Menschen dazu, sich zwei Bretter an die Füße zu schnallen und in Kälte und Schnee lange Wege auf sich zu nehmen? Diese Frage beschäftigte um 1900 nicht nur manchen städtischen Bürger, der das Treiben der neumodischen Skiläufer mit Skepsis betrachtete, sondern auch die meisten Bewohner der Alpen. Als sich der Warther Pfarrer Johann Müller im Spätwinter 1894/95 aus Skandinavien ein Paar Ski schicken ließ, war das dem Vorarlberger Volksblatt jedenfalls eine Meldung aus Langen am Arlberg wert: Vor ein paar Tagen wurden mit der Post ein Paar Schneeschuhe vorbeigeführt. Kein Mensch weiß, wie man sich mit diesen über zwei Meter langen Dingern fortbewegen soll.

Der Arlberg als „Wiege des alpinen Skilaufs”


120 Jahre später sind die Dinger vom Arlberg nicht mehr wegzudenken, ja der Arlberg selbst ist ohne Ski nicht vorstellbar, meinen Sabine Dettling und Bernhard Tschofen: Ski und Arlberg – im Gedächtnis der Öffentlichkeit gelten diese beiden Wörter weltweit geradezu als Synonyme. Sie sind kaum ohne einander zu nennen: Denn der Skilauf, wie er sich im Laufe des langen zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte und wie wir ihn heute kennen, ist nicht zu denken ohne die Prägung, die er am Arlberg erfuhr.

Sabine Dettling und Bernhard Tschofen sind die Autoren von „Spuren. Skikultur am Arlberg”, und was sie mit dieser Publikation versuchen, ist selbst eine Art Pioniertat: Sie verarbeiteten – gemeinsam mit Buchgestalterin und Verlegerin Rita Bertolini – einen 1100 Seiten starken Projektbericht zu einem 360 Seiten starken Text-Bildband. Das zugrundeliegende Projekt fand zwischen 2008 und 2011 statt, hatte die „Erforschung der Geschichte von Skisport und Skitourismus am Arlberg“ zum Ziel und wurde vom Verein ski.kultur.arlberg getragen und vom Land Vorarlberg und vom LEADER-Programm der EU (zur Förderung modellhaft innovativer Aktionen im ländlichen Raum) unterstützt.

Der Tannberg macht dem Arlberg Platz

Es braucht Jahre, bis man die Schwünge vollständig und auf Nimmerwiederverlieren bei jedem Schnee und auf jedem Gelände in den Beinen hat. Anton Fendrich, um 1920

Der Begriff Skikultur deutet schon an, dass es den Autoren um mehr als nur um die Entwicklung von Tourismus und Skisport geht – den beiden eng miteinander verknüpften Hauptfeldern, die sich aus dem Import der ersten Skier am Arlberg entwickelt haben. Es geht auch um technische und strukturelle Entwicklungen, um Körpertechniken, Denk- und Redeweisen und um Wissen und Praxis. Da tauchen Sicherheitsfragen auf – vom Schutz vor Kälte und Wind bis zum Umgang mit der Lawinengefahr -, spielen technische Innovationen – von der Skibindung bis zu den Aufstiegshilfen – eine immer größere Rolle, aber auch Ästhetik und Lebensstil des winterlichen Vergnügens. Am Arlberg entwickelt sich eine spezifische Form der Gastfreundschaft, da entstehen neue Formen von Beherbergungsbetrieben – das Sporthotel ergänzt das traditionelle Grand Hotel der Sommertourismusgebiete -, da wirkt sich aber auch die Strahlkraft des Namens auf die Wahrnehmung des Raumes aus: Der Tannberg verschwindet beinahe in den Geschichtsbüchern, dafür liegt sogar Warth bereits „am Arlberg”.

Je mehr der Arlberg auch international als „Wiege des alpinen Skilaufs“ wahrgenommen wird, desto mehr beeinflusst er auch so etwas wie ein globales kulturelles Gedächtnis des Skilaufs: Arlberg wird zum Synonym für Skilauf, der erste Skiclub in den Rocky Mountains nennt sich „Arlberg Club”, das Vereinsabzeichen des „Skiclub Arlberg” wird zum internationalen Erkennungszeichen einer sportlich orientierten bürgerlichen Oberschicht.

Ausgrenzung und Verfolgung im Wintersportrevier


„Spuren. Skikultur am Arlberg” umfasst den Zeitraum von den Anfängen des Skilaufs Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er-Jahre, als der Arlberg „vom Skiparadies zum Wintersportplatz” wurde, wie das letzte Kapitel betitelt ist. Natürlich verschweigt das Buch auch die Schattenseiten der Entwicklung nicht – etwa die zunehmende Vereinnahmung der Natur durch Lifte, Seilbahnen und Pisten -, aber auch die Instrumentalisierung des Skilaufs während des Ersten Weltkriegs oder die Auswirkungen der Rassenideologie der Nazis werden thematisiert: So wird einer der Pioniere des Skitourismus am Arlberg, Rudolf Gompertz, ausführlich gewürdigt, der schon 1933 im Schiverband, den er jahrelang mitgeprägt hat, seine Stellung verliert, und der 1943 – nach den Nürnberger Rassengesetzen trotz seines protestantischen Glaubensbekenntnisses als Jude eingestuft - deportiert und ermordet wird. Ins Visier der Nazis geriet auch der Skischulleiter und Obmann des Skiclub Arlberg, Hannes Schneider, der als Juden-Fürsprecher (wegen seiner Freundschaft mit Gompertz) und antideutscher Raffzahn gebrandmarkt wird. Schneider wird nach der Machtübernahme der Nazis 1938 verhaftet, kann aber später in die USA emigrieren.

Beim Ertönen des Syrenenzeichens (ersten) stellen sich alle Schilehrer beim Betriebsobmann in militärischer Haltung auf. Der Betriebsführer tritt alsdann vor die aufgestellten Lehrer und grüsst mit dem deutschen Gruss, verlangt, dass alle Lehrer mit diesem Grusse auch danken. Schilehrer die sich ... dem Grusse fern und abseits halten werden als politische Saboteure betrachtet und dem Betriebsführer gemeldet. Dieser wird einen entsprechende Anzeige an den zuständigen Dienststellen einreichen und diese Volksschädlinge zur Verantwortung ziehen.

Lech im Winter 1939.
Der Betriebsobmann:   Johann Walch.
Der Betriebsführer:      Erich Schneider.

Seltene Fotos und hervorragende Einblicke


Nicht nur Gompertz und Schneider, auch zahlreiche andere Persönlichkeiten, die ihren Beitrag zur Entwicklung der Skikultur gleistet haben – Alpinisten und Sportlerinnen, Hoteliers und Schriftsteller, Skilehrer und Filmemacherinnen -, werden in kurzen Biografien vorgestellt. Dazu kommen zahlreiche Zitate und vor allem unzählige interessante Fotos, die zu einem erheblichen Teil noch nie veröffentlicht wurden. Ein Teil davon wurde im Rahmen des Forschungsprojektes zusammengetragen, aber es wäre nicht Rita Bertolini, wenn sie nicht weitere Quellen erschlossen hätte, die hervorragende Einblicke in das Thema ermöglichen. Bertolinis Engagement dürfte es auch mit zu verdanken sein, dass das opulente Werk am 8. Dezember nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch in einer englischen Ausgabe erscheint. Möglich wurde das durch ein Subskriptionsverfahren, das dem Buch schon vor Erscheinen über 3000 LeserInnen bescherte. Sie werden es nicht bereuen.

 

Buchpräsentation
Mo, 8.12., 16 Uhr
Schmelzhof, Lech

Bernhard Tschofen, Sabine Dettling, „Spuren - Skikultur am Arlberg“, im Auftrag von ski.kultur.arlberg, G. Schoder und B. Tschofen (Hg.), ca. 360 Seiten, ca. 700 Abbildungen, € 34,00, deutsch/englisch, ISBN 978-3-9502706-6-2 (deutschsprachige Ausgabe), ISBN 978-3-9502706-8-6 (englische Ausgabe), Bertolini Verlag Bregenz

Skifahren durften sie, aber Hosen waren tabu: Im Januar 1913 nahmen bereits 24 Frauen bei einem Skikurs in Stuben am Arlberg teil  © Sammlung Franz-Josef Alber, St. Anton am Arlberg (Nachlass Benno Rybiczka)

Skifahren durften sie, aber Hosen waren tabu: Im Januar 1913 nahmen bereits 24 Frauen bei einem Skikurs in Stuben am Arlberg teil © Sammlung Franz-Josef Alber, St. Anton am Arlberg (Nachlass Benno Rybiczka)

Sonnenschutz Marke Eigenbau: Skifahrer schützen sich an der Flexenstraße bei Zürs vor der Höhensonne  © Universitätsbibliothek Augsburg, Fotosammlung Erika Groth-Schmachtenberger

Sonnenschutz Marke Eigenbau: Skifahrer schützen sich an der Flexenstraße bei Zürs vor der Höhensonne © Universitätsbibliothek Augsburg, Fotosammlung Erika Groth-Schmachtenberger

Ludwig Schneider, Leiter der Skischule Lech, und Ehefrau Ida, geb. Elsensohn  © Sammlung Fritz Schneider, Lech am Arlberg (Nachlass Ludwig Schneider)

Ludwig Schneider, Leiter der Skischule Lech, und Ehefrau Ida, geb. Elsensohn © Sammlung Fritz Schneider, Lech am Arlberg (Nachlass Ludwig Schneider)

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  • Skifahren durften sie, aber Hosen waren tabu: Im Januar 1913 nahmen bereits 24 Frauen bei einem Skikurs in Stuben am Arlberg teil  © Sammlung Franz-Josef Alber, St. Anton am Arlberg (Nachlass Benno Rybiczka) Skifahren durften sie, aber Hosen waren tabu: Im Januar 1913 nahmen bereits 24 Frauen bei einem Skikurs in Stuben am Arlberg teil © Sammlung Franz-Josef Alber, St. Anton am Arlberg (Nachlass Benno Rybiczka)
  • Sonnenschutz Marke Eigenbau: Skifahrer schützen sich an der Flexenstraße bei Zürs vor der Höhensonne  © Universitätsbibliothek Augsburg, Fotosammlung Erika Groth-Schmachtenberger Sonnenschutz Marke Eigenbau: Skifahrer schützen sich an der Flexenstraße bei Zürs vor der Höhensonne © Universitätsbibliothek Augsburg, Fotosammlung Erika Groth-Schmachtenberger
  • Ludwig Schneider, Leiter der Skischule Lech, und Ehefrau Ida, geb. Elsensohn  © Sammlung Fritz Schneider, Lech am Arlberg (Nachlass Ludwig Schneider) Ludwig Schneider, Leiter der Skischule Lech, und Ehefrau Ida, geb. Elsensohn © Sammlung Fritz Schneider, Lech am Arlberg (Nachlass Ludwig Schneider)