Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

19.12.2012 |  Ingrid Bertel

Flatrate oder Leberkäs?

In ihrem Essay “Musik = Müll” untersuchen Hans Platzgumer und Didi Neidhart jene Marktstrategien, die Musikern zum Verhängnis wurden und Hörern Musik als Müll präsentieren. Ingrid Bertel hat die beiden nach ihren Beobachtungen befragt.

Wer den Titel dieses Essays liest, denkt unwillkürlich an Nirvana – das soll angeblich die letzte richtige Pop-Formation gewesen sein. Nun liegt es ja im Wesen eines Buchtitels, Aufmerksamkeit zu erzeugen – und „Musik = Müll“ generiert so viel Widerspruch wie meinetwegen „Rape Me“. Könnt Ihr allen Ernstes Musik generell zu Müll erklären?

Dass Nirvana die letzte Popformation gewesen sein soll, ist eine äußerst verwegene Behauptung. Was ist mit Radiohead, Oasis, Coldplay und all den anderen, die in den Jahrzehnten nach Nirvana stattgefunden haben?

Unser Buch jedenfalls erklärt keineswegs alle Musik der letzten Dekaden zu Müll. Es geht vielmehr darum, wie respektlos heutzutage mit Musik umgegangen wird. Sie wird aufgrund verschiedenster technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen hinausgedrängt aus unserem Wertempfinden. Sie hat keine Probleme zu machen, soll möglichst schnell verfügbar sein - für Konsumenten wie Produzenten. Es ist zu einfach geworden, sie umsonst, blitzschnell zu konsumieren. So wird sie zu Müll, zumindest wie Müll behandelt. Sogar qualitativ hochwertige, liebevoll produzierte, konzipierte Musik wird für Müllhalden gemacht und entsorgt, noch bevor sie ihre Wirkung hätte erzielen können. Darunter leiden natürlich aktuelle Produktionen. Wer wirft schon gerne Perlen vor die Säue? Also produziert er lieblos. Und wer will schon für lieblose Musik Geld ausgeben? Es ist ein Teufelskreis, den dieses Buch untersucht.

Es geht der Frage nach, wie Musik zu Müll, in welchen Kanälen, Manifestationen und Medienkampagnen Gold zu Scheiße wird. Was passiert etwa mit Lady Gaga, wenn sie bei Heidi Klum auftritt? Was, wenn Klassiker der Rockgeschichte in Werbespots für Versicherungen oder Banken erklingen? Klar gibt es Genres, die näher an Mülltonnen gebaut sind als andere. Uns geht es aber darum, herauszufinden, wie die Müll-Werdung funktioniert. Deshalb gibt es für uns auch keine Musik, die per se Müll ist.

„Musik ist immer an gesellschaftliche Umstände gekoppelt“


„Das Bezahlen für Musik verläuft im 21. Jahrhundert auf freiwilliger Basis“, stellt Ihr fest. Für Musiker ist das deprimierend. Was hat diese Situation ausgelöst? Ist es wirklich nur die von Euch konstatierte Gier der Verlage?

Es wäre zu simpel, es auf den Goldrausch der Plattenindustrie festzunageln, der sich nun rächt. Obwohl das in hohem Maß stimmt. Die CD wurde dem Markt aufgezwungen, um Musik praktischer (eben digital) zu machen und die Profite gigantisch auszuweiten. Die gesamte Musikgeschichte wurde so wieder und wieder verkauft. Zeitgleich begannen die Labels, sich an der Börse auszutoben und wurden zu rein wirtschaftlich ausgerichteten Unternehmen. Das kann man vielleicht mit anderen Produkten machen, aber nicht mit Kunst. So wurde eine Abwärtsspirale eingeleitet, die sich nicht mehr aufhalten ließ.

Musik ist immer an gesellschaftliche Umstände gekoppelt, deshalb ist dieses Buch zu weiten Teilen auch ein gesellschaftspolitisches Buch, ein Zweifeln, ein In-Frage-Stellen der Zustände, immer gepaart mit möglichst viel Neugier. Wenn einem fast alles "gratis" und "kostenlos" um die Ohren gehaut wird, entwickelt sich eine Mentalität, die davon ausgeht, alles sei gratis. Musik, Kunst im Allgemeinen hat in den letzten Jahren auch enorm an Gewicht verloren. Popmusik ist nicht mehr der Seismograph jugendkultureller Begehrlichkeiten. Musik ist nur noch ein Tool unter vielen. Künstlerische und geistige Tätigkeiten werden als "Luxus" diffamiert - und gleichzeitig Musik-Events und TV-Shows produziert, wo Musik nur eine Nebenrolle spielt. Bei Casting-Shows geht es ja nicht um Popmusik. Auch setzen die großen Verlage und Labels seit Jahren nur auf wenige Global Players, vernachlässigen die Nachwuchsarbeit und hauen vor allem Reissue-Boxen aus den Back-Katalogen raus, so lange es noch geht.

Klar denken die Kids: Wieso soll ich DAFÜR auch noch Geld ausgeben? Wieso sollen sie Musik nicht konsumieren wie Billigalkohol am Wochenende? So ein Denken ist nachvollziehbar, trotzdem wird gegen diese Haltung mit reaktionärsten Mitteln gekämpft. Mit Strafen, Mahnungen, mit offener Zensur wird versucht, die sogenannte Piraterie zu unterdrücken.

"Keep it simple, stupid"


Erfolgreiche Popsongs werden nur mehr eine Minute lang angehört. Wenn sie dann nicht, so Eure These, „in einen doppelt geilen Refrain abzischen“, wird abgedreht. Was meint Ihr zur Gegenthese? Dass das nämlich nur für einen sehr kleinen, total durchkommerzialisierten Bereich der Musik gilt, eben jene Lifestyle-Abteilung, die absolut nicht so jugendlich ist wie sie behauptet?

Popmusik weiß ja, wie sie funktionieren muss, um Hitpotential zu haben. Hier gilt das alte Prinzip "Keep it simple, stupid". Damit wurden mitunter die tollsten Popsongs produziert. Wir sprechen von funktional gedachter Musik. Es geht um Medienkonsum, der alles, was nach einer Minute gefällt, auf der Festplatte speichert und dann nie wieder darauf zurückgreift. Festplatten sind wahre Musikfriedhöfe. Grabstätten, aber nicht nur voll mit "Kommerz" sondern auch mit Jazz, Klassik etc. Es geht eher um ein "Haben" (wollen), denn um ein "Hören" (wollen). Das ist ein Ergebnis der totalen Durchkapitalisierung von Popmusik bei gleichzeitiger Entwertung von Musik/Kunst per se.

Ihr analysiert Online-Portale wie Spotify oder MyJuke wirklich brillant als Abzocker und Heuchler. Wie empfindet Ihr einen Vorschlag des grünen Kultursprechers Wolfgang Zinggl, der eine Kultur-Flatrate empfiehlt, also eine Pauschalabgabe von 5 Euro auf Internetzugänge?

Flatrates erscheinen mir immer als letzte Notmittel, die man den Leuten aufzwingen will, wenn scheinbar nichts anderes mehr geht. Sie schmecken nach Bestrafung und entwickeln sich notgedrungen zu Bürokratiemonstern. Flatrate, Festplattenabgabe - schön und gut, aber wer bekommt letztlich was davon? Wen bezahlt der Besitzer eines Internetzugangs? Wie wird seine Zwangsabgabe aufgeteilt? Das wäre die entscheidende Frage, auf die ich noch nie schlüssige Antworten gehört habe. Es ist ja genügend Geld im Umlauf, es kommt nur immer weniger bei denen an, die es am meisten brauchen und verdient hätten. Der Großteil unserer ungeklärten Autoren- und Komponistentantiemen wird nach einem Schlüssel ausgeschüttet, der sich nach dem kommerziellen Erfolg der Mitglieder richtet. Die Flatrate, die mich der Staat zu zahlen zwingt, landet bei Leuten wie Andreas Gabalier, Reinhard Fendrich oder Hubert von Goisern. Das will ich nicht. Ich will diejenigen bezahlen, die ohne wirtschaftliches Interesse nach neuen Wegen, neuen Sounds, neuen Beats, neuen Inhalten in der Musik suchen, Forschung betreiben, gegen den Zeitgeist arbeiten.

Wer heute Musik komponiert, spielt, produziert, hat – so Eure These – „keine Aussicht auf ein Einkommen“. Lösungsvorschläge, die Ihr ablehnt, kommen von den Piraten. Warum haltet Ihr davon nichts?

Es stimmt nicht, dass wir grundsätzlich nichts davon halten. Der Ansatz ist sogar gut. Wir versuchen nur, solch schnell hinausposaunten Ideen eine Straßenecke weiterzudenken. Unser Vertrauen in Politiker aller Parteien ist verständlicherweise limitiert. Es ist schwer, Sympathien für eine Partei zu entwickeln, die sich als "postideologisch" bzw. "postfeministisch" versteht. Die Piraten stellen zwar richtige und wichtige Fragen, haben aber auch nur simple Antworten parat. Zudem sind ihre radikalen Freiheitsansprüche schwer von jenen Freiheitsvorstellungen zu unterscheiden, die bei Marktradikalen plakatiert werden. So gesehen sind sie eher ein Symptom des Problems, keine Lösung oder gar Alternative. Die Urheberrechtsdebatte ist zudem eine sehr komplexe Materie. Da mit simplen Lösungen aufzutrumpfen, erscheint uns umso suspekter.

Die Idee jedenfalls, dass Musiker grundsätzlich als Sozialhilfeempfänger eingestuft werden und vom Staat ein monatliches Minimumeinkommen erhalten sollen, finden wir interessant. In welche Richtung würde sich die Musikqualität damit entwickeln? Wie steht es um das Würde-Empfinden der Musikproduzenten? Will dann niemand mehr Musiker - also Sozialhilfeempfänger - sein oder jeder? Sind Künstler damit endgültig als Schmarotzer gebrandmarkt oder will jeder dann schmarotzen dürfen?

„Höchstleistung nur im Zusammenspiel mit inspirierendem Umfeld“

Das Urheberrecht basiert auf der Annahme, dass Musiker, Komponisten, Produzenten eigene Ideen haben, die geschützt werden und diesen Urhebern gutgeschrieben werden sollen. Dahinter steckt die Figur des Originalgenies. Schüttet Ihr nicht das Kind mit dem Bad aus, wenn Ihr sagt, dass jede Eingebung, jeder Geistesblitz von Außen kommt und keineswegs persönliche Kreativleistungen darstellt?

So sehr ich großartig talentierte und "geniale" KünstlerInnen schätze, so sehr muss mir klar sein, dass sie ihre Höchstleistungen nur im Zusammenspiel mit einem kreativ inspirierenden Umfeld erreicht haben. Andere Namenlose vor ihnen haben ihnen den Weg bereitet, die Grundlagen geliefert, haben sie begleitet, motiviert, angespornt. Im Grunde sind es immer Kollektivleistungen, Zeiterscheinungen, gute Jahrgänge. Sie erwähnten vorhin Nirvana. Mit denen tourte ich herum, sie waren ein Teil einer ziemlich großen Grunge-Bewegung, ein Teil wie hunderte andere, mal bessere, mal schlechtere Bands auch. Trotzdem bleiben rückblickend davon nur sie übrig (bizarrerweise auch gerade deshalb, weil Kurt Cobain sich umbrachte). Was genial ist und was nicht, wird oft erst im Nachhinein bestimmt, ergibt sich erst in Folge. Die Beatles waren toll und wichtig, aber sie konnten nur in einem unglaublich drängenden und kreativen Umfeld, wie es eben London damals Ende der 60er war, zu ihren wirklich genialen Werken finden. Sie waren Antreiber und Nutznießer gleichermaßen. Während sie im Abbey Road aufnahmen, nahmen im Nebenraum Pink Floyd und daneben die Zombies auf!

Was heißt das für das heute? Es ist offensichtlich extrem schwer geworden, "genial" und eigenständig zu sein, weil eben zu wenig Motivation, zu wenig Platz und Zeit vorhanden ist. Und was heißt das für die Urheberdebatte? Grundsätzlich gilt das Urheberrecht ja unabhängig davon, ob etwas nun als gut, künstlerisch wertvoll oder Müll bezeichnet wird. Ursprünglich sollte dieses Recht ja KünstlerInnen vor den Verlagen und Verwertern schützen, damit die - nachdem die eigentlichen UrheberInnen mit etwas Geld abgespeist worden sind - nicht einfach Notenblatt um Notenblatt drucken und so ihr Geld verdienen.

Wir sehen jedoch "kreative Eigenleistungen" als Ergebnisse von mannigfaltigen Kombinationen an und nicht als etwas, das quasi aus dem Nichts entsteht. Das ist das Tolle an der Intuition: lose Fäden und Ideen werden auf Grundlage früherer Erfahrungen neu zusammengeführt. Die revitalisierte Figur des Originalgenies wird als bürgerliche Ideologie enttarnt - gerade in der Popmusik.

Es ist ziemlich irritierend, wie Ihr im derzeitigen „anything goes“ die Musik einteilt in „wunderbar“ und „shit“. Das Kriterium für „wunderbar“ scheint politische Subversivität zu sein – und das wäre doch wirklich kein direkt musikalisches Kriterium!

Manche Dinge muss man hinterfragen und immer wieder neu beleuchten, ehe man wagt (oder auch nicht!), sie zu bewerten. Andernorts hört sich so ein In-Frage-Stellen allerdings auf. Da darf man – dieses Recht nehmen wir uns – Dinge schlichtweg behaupten, ohne sie näher begründen zu müssen. Ich sage einfach, dass John Lennon besser ist als DJ Antoine, Nicki Minaj besser als Martin Grubinger, Loreen besser als die Trackshittaz oder Jimmy Edgar als David Guetta. Das darf ich. Darüber will ich nicht diskutieren. Darüber ließe sich auch kein sinnvolles Buch schreiben, denn wir wollen nicht über Geschmack streiten und auch mehr oder weniger niemanden dissen. Das wäre ja albern.

Sehr wohl lässt sich endlos darüber nachdenken und schreiben, was Künstler mal gut mal grauenvoll machen, was die Popmusik im Allgemeinen manchmal beflügelt und manchmal in den Abgrund treibt. Das Warum interessiert uns, das Woher und das Wohin. Wir glauben nicht an ein "direkt musikalisches Kriterium", aus dem heraus gesagt werden kann, etwas ist wunderbar oder shit. Popmusik hat noch nie so funktioniert, da sich Pop nicht aus der Musik heraus erklären lässt, sondern eher umgekehrt: Popmusik lässt sich aus den ihr angeschlossenen Styles, Moden, Diskursen, Kämpfen, Szenen, Übereinkünften, Codes, Milieus und Ab- wie Eingrenzungen erklären und somit auch bewerten.

Das ist das Schöne an der Beschäftigung mit Popmusik: Hier darf im Prinzip jeder mitmachen! Es braucht kein abgeschlossenes Studium. Wir misstrauen diesem direkt musikalischen Kriterium auch, weil damit versucht wird ein "unschuldiges", "reines" Hören zu installieren. Das gibt es nicht, denn jedes Hören ist ideologisch überdeterminiert. Jazz, HipHop, Techno und House wurden als Neger- und Schwuchtelmusik beschimpft. Schon allein dadurch wurden sie zwangsläufig politisch. Politische Subversion ergibt sich bei Musik nicht aus "guter Absicht" oder "richtiger Einstellung" sondern aus dem Angebot, der Utopie, Vision einer "Andersheit". Das kann Klänge, Sounds, Rhythmen und Produktionsweisen ebenso betreffen wie das Hinterfragen und Brechen von Identitätsvorstellungen oder Role-Models. So werden auch instrumentale, elektronische Musiken politisch, weil ethnische und sexuelle Zuschreibungen zurückgewiesen und thematisiert werden. Wer Lady Gaga oder Nicki Minaj nur "direkt musikalisch" betrachtet, dem entgeht im Grunde alles, worum es geht. Ob diese Künstlerinnen sich selbst ihrer subversiven Taktiken bewusst sind, tut letztlich nichts zur Sache.

Wohin fließt das Geld?

Wer sich auf politische Subversion als Qualitätsausweis für Musik zurückzieht, der steht vor einem Paradox, das Ihr offen benennt: „Dem Musiker, der in solchen Zeiten von seiner Kunst leben will, bleibt die Hoffnung auf Sponsoren.“ Damit wäre Pop im ach so verachteten Gelände der Oper angekommen. Worauf also gründet sich Eure Verachtung der Subvention?

Wir sind keine Gegner staatlicher Kultursubventionen. Das ist eine Pflicht, die der Staat zu erfüllen hat. Österreich ist diesbezüglich immer noch eine Insel der Seligen. Ich kenne (Subventions)Künstler hierzulande, die verbringen deutlich mehr Zeit mit dem Ansuchen um Subventionen als mit ihrer eigentlichen Kunst. Bei staatlichen Subventionen bleibt - wie vorhin bei den Flatrates - das Bürokratiemonster und die Frage kleben, wohin das Geld fließt. Der Austria Musicfonds z.B. unterstützt nicht primär aufstrebende, nachrückende, innovative Bands, sondern alternde Austropopformationen, die aufgrund der zurückgegangenen Verkaufszahlen ohne Subvention nicht mehr in dem Luxus produzieren könnten, wie sie das früher taten. Es entstehen Schieflagen und Ungereimtheiten.

Das private Sponsoring (das direkte Eingreifen der Wirtschaft in die Kunst) wird zum Handlanger von Rückzug und Rückbau öffentlicher Gelder für Kultur und auch Soziales. Die Wirtschaft, die den Staat eh schon übernommen hat, nimmt ihn hier aus der Pflicht. Die Abhängigkeit vom Staat wird durch die Abhängigkeit vom Goodwill privatwirtschaftlicher Gönner ersetzt. Kunst ist dann in etwa so frei wie eine "freie Presse", die auf Inserate angewiesen ist. Der Künstler wird gebrandmarkt. Er stellt sich in den Dienst globaler Unternehmen, die hinter den Kulissen in weiß Gott was für Schweinereien verstrickt sind. Beim Sponsoring im kleinen, überschaubaren Bereich ist das etwas anders. Da kann man leichter abschätzen, was man tut und ob man sogar eine Symbiose eingehen will. Ich z.B. hätte kein Problem, wenn D.e.r. Drink oder fritz-cola mit mir in Verbindung gebracht werden, oder, auch wenn es nicht gerade sexy ist, hätte ich nichts einzuwenden gegen Sponsoring von Neuburger, zu dem man bekanntermaßen niemals Leberkäse sagen darf.

Dank der mit medialer Aufmerksamkeit überschütteten Teilnahme der Trackshittaz beim Song-Contest ist es wohl berechtigt, Österreich mit euch als „Popo der Weltmusik“ anzusehen. Woher habt Ihr die Hoffnung auf „eine andere Welt, auf andere Musik“?

Während das mit der "anderen Welt" immer schwerer vorstellbar wird, hat sich "andere Musik" immer wieder eingefunden. Auch heute gibt es tolle, aufregende Musik. Unser Buch liefert viele Beispiele. Überhaupt ist das Buch nicht ganz so bierernst, wie es dieses Interview vermuten lässt. Es ist ein großer Spaß, wie die Zustände hier beschrieben und benannt sind. Es ist kein apokalyptisches Buch, sondern lässt Freiraum auf Hoffnung - sei es auch erst nach dem völligen Zusammenbruch des jetzigen Systems.

In der Popmusik können wir heute erkennen, was sich in der Welt nicht mehr lange leugnen lässt, dass sich die Hierarchien verschieben und nicht mehr der Westen die Welt dominiert. Die angloamerikanische Vorherrschaft im Pop geht zur Neige. Stattdessen freuen wir uns über transkontinentale Musiken, die durch den Cyberspace einen übernationalen Outerspace generieren. Das hat nichts mit Worldmusic zu tun, weil es bei den elektronischen Rhythmen & Sounds aus Afrika, Indien, Jamaika oder Südamerika nicht mehr um ethnische Zuschreibungen oder vermeintlich "authentische" Musik geht, sondern um Selbstermächtigungen jener, die zuvor nur als Zuträger und Exoten für die Popmusik gesehen wurden und im transglobalen Diskurs keine eigene Stimme hatten. In der Popmusik zeigt sich heute schon so etwas wie Gleichberechtigung. In diese Richtung wird und soll es weitergehen, und das ist doch wunderbar! Imagine! 

 

Hans Platzgumer/Didi Neidhart, Musik = Müll. Essay, 120 Seiten, Limbus Verlag, Innsbruck 2012, 10 Euro, ISBN 978-3-902534-55-2

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • platzgumerneidhart_musik_down-jpg