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12.12.2012 |  Karlheinz Pichler

Foto-Hommage an die Bewohner der Stadt Feldkirch aus der Kameraperspektive von Marc Lins

In einem Feldkirch-Buch, das Alfred Komarek vor drei Jahren gemeinsam mit Nikolaus Walter realisiert hatte, schrieb der aus Bad Aussee stammende Autor und Journalist über die Montfortstadt: „Notorisch lustvolle Grenzgänger leben in dieser Stadt, solche, die gerne aus sich heraustreten und noch viel lieber in sich zurückkehren, die Vielfalt, Gegensätze und Brüche mögen, weil sie sich ihres vertrauten Bezugssystems sicher sein dürfen.“

Über die Stadt Feldkirch sind schon etliche Bücher in Bild und Text erschienen. Aber mit „Mensch Feldkirch“ kommt nun erstmals ein Fotoband heraus, der ausschließlich die Bewohner dieser Kleinstadt im Vierländereck ins Bild rückt. Herausgeber Marc Lins ist in Satteins geboren und aufgewachsen und pendelt heute als ein auf Architektur, Porträt und Kunst fokussierter Fotograf zwischen New York und Europa.

Lins hat sich viele Monate mit denjenigen Bewohnern der Stadt auseinandergesetzt, die noch im vollen beruflichen Saft stehen und das öffentliche Leben dieses Ortes mit mittelalterlichem Stadtkern über weite Strecken mitgetragen haben. Wobei Ausnahmen durchaus die Regel bestätigen. So ist etwa die legendäre „Tschik Olga“, die in ihrer Trafik über viele Jahrzehnte Zigaretten über den Ladentisch geschoben hat, in der Zeit zwischen ihrer Ablichtung und Erscheinen des Buches in Pension gegangen. Kein Wunder, steht sie doch bereits in den 80ern.

Die „Objekte“ der Lins´schen Kamerabegierde sind zwar keine international bekannten Promis, aber doch zumindest im lokalen Umfeld bestens bekannt. Er hat sich für sein Porträt-Projekt „Mensch Feldkirch“ ein Feld bestimmter Bedingungen und Merkmale abgesteckt, die für alle Abgebildeten ähnliche Voraussetzungen schaffen und ganz zentrale Aspekte herauszoomen: Frauen und Männer, deren Lebensinteressen sich in einer Kleinstadt abspielen, die im mittleren bis höheren Alter stehen, die noch einem Beruf nachgehen und die im gesellschaftlichen Gefüge der Stadt von einer gewissen Bedeutung sind.

Im Rahmen dieser Merkmalsprämissen legt Lins eine Art Personen-Cluster an, in welchem die einzelnen Porträtierten trotz ihrer individuellen Differenziertheit bis zu einem gewissen Grad vergleichbar werden.

Die Recherche als zentraler Ausgangspunkt

Eines der zentralen Arbeitskriterien von Marc Lins ist die umfassende Recherche, die am Ausgangspunkt aller seiner Projekte steht. Auf die Architektur übertragen heißt dies, sich intensiv mit den Architekten und den Bauherren und deren Zielen zu beschäftigen, und aber auch mit der Geometrie und der Wesenheit des Ortes, an dem sich ein Bauwerk befindet. Um ein Gebäude seiner Bedeutung entsprechend ins Bild zu setzen, muss es in seiner Gesamtheit erfasst werden. Dieses Grundprinzip, dem Lins fast dogmatisch folgt, wendet er auch in seiner Porträtfotografie an, die ihm ungleich schwieriger erscheint, als die Architekturfotografie.

Bei seinem Feldkirch-Projekt, das ihm als Nebeneffekt die Möglichkeit bot, wieder einmal aus New York wegzukommen, ging folglich der Großteil der Zeit auf das Konto der Kontaktanbahnung, des „Socialisings“ (Lins), des ausführlichen Charakterstudiums und der Auseinandersetzung mit den beruflichen Aktivitäten der ins Auge gefassten Persönlichkeiten.

Der Fotokünstler hat dieses Unterfangen anfangs denn auch unterschätzt. Während die einen Leute völlig offen und warmherzig waren, gaben sich die anderen im Extremfall völlig zugeknöpft, kalt und abweisend. Und in der von diesen Polen eingegrenzten Verhaltensskala spielten sich unzählige weitere Schattierungen ab, wie er gegenüber KULTUR betont.

Eine Zielvorgabe von Marc Lins war es, anhand der Porträts einer relativ großen Anzahl von BürgerInnen, die noch voll im Leben stehen und sich aktiv am öffentlichen Leben beteiligen, ein Stimmungsbild einer typischen Kleinstadt einzufangen und einen Querschnitt durch die heterogene Berufswelt und die gesellschaftlichen Bezüge und Ausdifferenzierungen zu ziehen, über die sich so ein Ort sozial und ökonomisch definiert. Das Ergebnis ist eine Typenvielfalt, die in Summa den Puls der Stadt in einen visuellen Kontext einbettet. Zur Typologie des „Mensch Feldkirch“ Lins´scher Ausprägung zählt der Politiker, Arzt, Rechtsanwalt und Künstler genauso wie der Landwirt, Lehrer, Teppichhändler, Wirtshausbetreiber, Bademeister, Schmuckspezialist, Feuerwehrkommandant, Polizist, Parkplatzkontrolleur, Töpfer, Friseur, Gastronom, Apotheker oder Marathonläufer.

Zwischen inszenierter und spontaner Fotografie

Ein weiteres Anliegen Lins´ war es, die zu Porträtierenden möglichst in ihrem jeweiligen beruflichen Umfeld, also in Aktion abzulichten. Die großen Herausforderungen hier waren vor allem die unterschiedlichen Licht- und Raumverhältnisse. In jeder räumlichen Umgebung, sei dies in der Apotheke, im Künstleratelier oder im Politbüro, waren die Bedingungen anders gelagert. Auf diese galt es sich einzustellen. Die größte Schwierigkeit waren aber die Leute selbst. Manch einer ließ sich einfach nicht aus der sich eingenisteten VN-Pose herauslocken. Aber vielleicht bewirkte gerade auch dieses unterschiedliche Gebahren der Leute vor der Kamera die Mannigfaltigkeit der Aufnahmen mit. Zwar gab der Fotograf den Leuten immer klare Regieanweisungen, dennoch changieren die Fotografien beim Durchblättern des Buches zwischen spontanem Schnappschusscharakter, klassischer Porträtfotografie und inszenierten Aufnahmen.

Ein durchgängiges Kennzeichen der Bilder von Marc Lins ist aber zweifelsohne ihr Zeugnis von einem frappierenden Einfühlungsvermögen, von scharfer Beobachtungsgabe, einem ausgeprägten Sinn für das Eingebundensein eines jeden Menschen in eine für ihn spezifische Umgebung und der Begabung, typische Versatzstücke dieser Umgebung zu einer bildnerischen Vision zu verwenden, die über das Individuelle des Fotografierten hinausweist. Eine Behauptung, die durchaus auch auf seine Architekturfotografie anzuwenden ist. Und womit wir wieder bei der Disziplinierung der Recherche angelangt wären...

Trotz aller Professionalität scheint Marc Lins aber dem Perfekten, dem Zu-Ende-Gedachten, wie sich dies im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre in die Praxis der Fotografie eingeschlichen hat, doch auch zu misstrauen. So wirken die Aufnahmen der Stadtmenschen mitunter nicht in sich abgeschlossen, sondern wie Stills aus einem Film. Die Menschen scheinen in ihrer Tätigkeit überrascht worden zu sein. Ihre Lebensgeschichte scheint für kurze Zeit angehalten, wie die Zeiger einer Uhr, um dann unmittelbar wieder in den Zeitenfluss einzumünden.

 

Marc Lins, Mensch Feldkirch, 91 Porträts, 208 Seiten, Hardcover, Eberl Print, Immenstadt/Allgäu, Textbeiträge von Hermann Brändle, Karlheinz Pichler, Peter Niedermair, Christiane Maehr u.a., € 46,- , ISBN:  978-3-200-02-882-1

Eine Zielvorgabe von Marc Lins war es, ein Stimmungsbild einer typischen Kleinstadt einzufangen und einen Querschnitt durch die heterogene Berufswelt und die gesellschaftlichen Bezüge und Ausdifferenzierungen zu ziehen, über die sich so ein Ort sozial und ökonomisch definiert.

Eine Zielvorgabe von Marc Lins war es, ein Stimmungsbild einer typischen Kleinstadt einzufangen und einen Querschnitt durch die heterogene Berufswelt und die gesellschaftlichen Bezüge und Ausdifferenzierungen zu ziehen, über die sich so ein Ort sozial und ökonomisch definiert.

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