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Severin Holzknecht · 17. Jun 2024 · Literatur

Von Paradiesen, Vorhöllen und Geisterwelten

Ein Buch, herausgegeben von Dieter Petras, gewährt spannende Einblicke in die europäische Kolonialgeschichte

Eduard Fritz wird 1865 als Sohn eines Schlossers in Dalaas geboren, muss trotz offensichtlicher Begabung aufgrund ökonomischer Zwänge eine weiterführende Schulbildung abbrechen. Er verdingt sich anschließend über mehrere Jahre als einfacher Arbeiter in Fabriken, beim Bahnbau und als Landarbeiter in Schwaben. Der bereits seit Kindheitstagen mit einer lebendigen Fantasie und Neugierde ausgestattete Fritz träumt jedoch von mehr – einem Leben voller Abenteuer und Wohlstand in weit entfernten exotischen Ländern.

Durch das Studium der damals weitverbreiteten Missionarszeitschriften angeregt, beginnt er sich für die Anti-Sklaverei-Bewegung zu interessieren und seine Auswanderung zu planen. Auf Drängen der Mutter bleibt er jedoch zunächst in Europa und leistet seinen Militärdienst in der österreichisch-ungarischen Armee ab; und zwar im gerade erst einige Jahre zuvor von der Habsburgermonarchie besetzten Bosnien. Fritz zieht es jedoch weiter weg. Über Umwege erreicht er letzten Endes den Tanganjikasee in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, wo er sich im Landesinneren nach Jahren harter Arbeit 1899 ein 200 Hektar großes Stück Land kaufen kann. Er will sich als Farmer niederlassen und eine Familie gründen. Die passende Frau findet er mittels Annonce auf der Schwäbischen Alb. Das Eheglück währt jedoch nur kurz – seine Frau stirbt bei einer Fehlgeburt. Der Witwer stürzt sich in die Arbeit auf seiner Farm und diese gedeiht: bald besitzt er 70 Rinder und einen ansehnlichen Maschinenpark. Er kehrt nochmals zurück nach Europa, um sich eine neue Frau zu suchen. Die zweite Ehe mit Auguste Amberger aus dem bayerischen Deggendorf steht unter einem besseren Stern. Ihr entspringen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges sechs Kinder.
Eben jener Erste Weltkrieg zerstört schließlich die Fritz‘sche Kolonialidylle. Der „Buschhof“ wird 1916 von britischen Truppen besetzt, Eduard Fritz und seine Familie getrennt voneinander interniert. Sein Häftlingsdasein fristet Fritz zunächst im Internierungslager Kilindini bei Mombasa, bevor er nach Sidi Bishr in die Nähe von Alexandria verlegt wird, wo er auch das Kriegsende erlebt. Weitestgehend mittellos findet die Familie in Deutschland wieder zusammen und lässt sich in Tisis nieder. Fritz arbeitet zunächst wieder in der Fabrik, bevor er sich als Produzent von Holzbodenschuhen selbständig macht. Der Familie gelingt es allerdings nicht, in Vorarlberg heimisch zu werden, weshalb sie sich 1923 nach Argentinien in ein neues Abenteuer stürzt und in der Provinz Chaco von neuem eine Landwirtschaft aufbaut – mit Erfolg. Eduard Fritz stirbt 1951, abermals zu bescheidenem Wohlstand gelangt. Den Verlust der ostafrikanischen Wahlheimat soll er jedoch nie verwunden haben. In Argentinien fehlen ihm die Berge und die üppige Natur.

Autobiografische Erinnerungen

Als Eduard Fritz 1916 im Internierungslager Kilindini festgesetzt wird, hadert er mit seinem Schicksal. Um seinen negativen Grübeleien zu entkommen, beginnt er die Arbeit an einem Manuskript, in dem er neben autobiografischen Erinnerungen auch fiktive Reisen in die Geisterwelt festhält. Dieter Petras ist im Vorarlberger Landesarchiv durch Zufall auf dieses außergewöhnliche Manuskript gestoßen und hat es nun unter dem Titel „Der Phantast in der Vorhölle“ veröffentlicht – Fritz hatte die Internierungslager als seine ganz persönliche Vorhölle bezeichnet. 
Eduard Fritz ist ein Kind seiner Zeit, was sich unter anderem in der Tradierung zeitgenössischer rassistischer Stereotypen ausdrückt. So behauptet Fritz beispielsweise, Afrikaner wären unfähig, höhere Kulturleistungen zu erbringen, weshalb etwa die Steinbauten an der ostafrikanischen Küste das Werk „Angehöriger hellerer Rassen“ gewesen sein mussten. Zu seiner Ehrenrettung: Handeln und Denken des Eduard Fritz scheinen weder durch einen radikalen Rassismus a la Carl Peters oder Cecil Rhodes noch durch einen irgendwie ausformulierten Wunsch der Verdrängung der afrikanischen Urbevölkerung durch den „weißen Mann“ bestimmt gewesen zu sein. Vielmehr zeichnet das Manuskript das Bild eines Idealisten, der seinen eigenen Freiheitsdrang mit christlich geprägter Aufbauarbeit in einem aus europäischer Sicht unterentwickelten Land zu verbinden suchte. So beschreibt Fritz den Kolonialismus einerseits zwar äußerst idealisierend als Versuch, ein mustergültiges Gemeinwesen zu erschaffen, welches auch den Ureinwohnern als Befreiung erscheinen musste. Andererseits kritisiert er auch den in Deutsch-Ostafrika und wohl auch den meisten anderen europäischen Überseebesitzungen vorherrschenden Egoismus der Kolonisten und Kolonialbeamten sowie deren Desinteresse am Wohlergehen der Kolonie und der Einheimischen. 

Spannender Blickwinkel

Das Buch besticht durch eine überaus gelungene Gestaltung. Während Dieter Petras durch eine umfassende Einleitung den Einstieg in die Thematik erleichtert und seine zahlreichen Anmerkungen der Leserschaft verschiedenste Personen und Begriffe erklären, die heutzutage vielleicht nicht mehr jedem geläufig sind, erheitern die liebevollen Illustrationen von Ingrid Kornexl und laden zum Schmökern ein. Eduard Fritz‘ halb fiktive Autobiografie ist vor allem für jene, die sich der europäischen Kolonialgeschichte nicht von Seiten der „großen Politik“, sondern vom Blickwinkel des „kleinen Mannes“ annähern wollen, besonders empfehlenswert – selbst wenn die zeitgenössische Diktion Menschen des 21. Jahrhunderts bisweilen befremdlich erscheinen mag. „Der Phantast in der Vorhölle“ zeigt zudem, dass auch Österreich seinen Anteil am europäischen Imperialismus hatte – sei es auch „nur“ über den Umweg von wirtschaftlichen Verbindungen nach Übersee oder durch einzelne Kolonisten. Eine umfassende Debatte hierüber ist längst überfällig.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2024 erschienen.

Eduard Fritz - Der Phantast in der Vorhölle, Hrsg. v. Dieter Petras, Walgau Schriften Ludesch I, 2023, 240 Seiten mit Abbildungen in Farbe und schwarz-weiß, ISBN 978-3-900143-22-0, € 25