"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Manuela Cibulka · 07. Jun 2024 · Theater

Sandmann, lieber Sandmann …

Zur Premiere von „Der Sandmann“, der zweiten Regiearbeit von Maria Lisa Huber in der Box am Landestheater

Nicht immer schon war diese traumbringende Gestalt eine gute, und auch in Bregenz kommt ein ganz nach der Tradition E. T. A. Hoffmanns mehr Traumata- denn Träume-verheißender Sandmann zu Besuch. Eine Stunde, gefüllt mit starken Stimmen, tänzerischer Höchstleistung, multimedialen Bilderwelten und gut tarierter Soundkulisse, der ein wenig weniger an Fülle gut gestanden hätte.

Einstieg: Nathanael und Clara, am Bühnenrand stehend und sich selbst spiegelnd, sind hier, um das Publikum mitzunehmen und ins Geschehen zu führen – und es wird so einiges in den rund 60 Minuten Aufführungszeit geschehen. Erzählt wird die Geschichte Nathanaels, der als junger Student immer wieder von einem prägenden, schicksalhaften Kindheitstrauma eingeholt wird und dessen Schreckgespenst letztendlich nicht nur seine Träume, sondern seinen Alltag und am Ende sein Leben bzw. seinen Tod bestimmt. Die 1816 erstmals veröffentlichte, der Schwarzen Romantik zuzuordnende Geschichte, spielt mit dem Mythos des augenausreißenden Bösen, welcher auch an diesem Abend im Mittelpunkt und sinnbildlich für den Verlust des Realitätsbezuges steht. Der Mensch am Ende als In-sich-selbst-Gefangener, der dem Wahnsinn verfallen ist und die Frage stellt: Was ist real?
Erzählt und getragen wird die Rahmenhandlung durch die sich für Tiefgründiges hervorragend eignende Off-Stimme von Nico Raschner – eine von Maria Lisa Huber in der Regie gut gewählte Möglichkeit, den Faden durch das Geschehen zu spannen. Auf der Bühne stehen drei Frauen: Rebecca Hammermüller als Nathanael, Ann Mayer vorrangig als Clara aber auch als der Wetterglashändler Coppola und Siegmund, der Freund, sowie Silvia Salzmann als Sandmann. Die Präsenz der drei besticht von der ersten Minute an. Ausgestattet mit tollen Kostümen – ein durch die Epochen rauschender Mieder-, Korsett-, Strumpfband-, Handschuh, Masken-Mix – scheuen sie keine Nähe und fangen die Zusehenden ein in die intensive Gefühlswelt der Figuren.

Für das Auge, unter die Haut

Zu spüren ist dabei die starke Auseinandersetzung aller mit dem Thema und besonders die Momente des Fokussierens auf die Protagonistinnen bestechen. Werden diese Momente dann auch noch mit den Visuals von Crystin Moritz versetzt und vom Sound Fuad-David Buaitas begleitet, entsteht eine dem Werk unglaublich passend anstehende Ästhetik: Rebecca Hammermüller, sich in verstörende Traumerzählungen steigernd und die Kontrolle verlierend, Ann Mayer als über ihre Verbindung zu Nathanael monologisierende, sich einer Aufziehpuppe gleich bewegende Clara, und Silvia Salzmann, hinter einer Maske verborgen oder mit Nachtfalterflügeln um sich schlagend immer voller Kraft und Energie den Sandmann mit seinem Unheil in Szene setzend und die Darstellerinnen tänzerisch umfangend. Dazu Harfe, Glocken, das Ticken des Selbstauslösers, Rauschen und Krachen versetzt mit KI-generierten Gesichtern, Ohren und Augen.
Dass intensive Auseinandersetzung es zum Teil aber offensichtlich schwer machen, auf Ideen zu verzichten, ist in der Inszenierung zu spüren. Matratzen und als Sinnesorgane geformte Polster werden getragen, um- und aufgehängt, Kulissenteile, deren Verwendung sowohl für Projektions- als auch Liegefläche oder Aussichtsturm fungieren, werden verschoben, gezogen, getrennt und erneut verbunden. Das alles in die unglaublich komplexe Inszenierung einzubauen, kann einerseits als choreographische und auch schauspielerische Leistung betrachtet werden, andererseits nimmt es dem Stück aber immer wieder die aufgebaute Spannung und lenkt zum Teil mehr ab, als es das Eintauchen unterstützt. Ein Rahmen wie die Box, ausgelegt für 56 Zuschauer:innen, verzeiht hier besonders wenig, schafft im Gegenzug dazu aber auch ein besonderes Erlebnis von Intimität und lässt Bilder, die, wie von der Intendantin bei der Premierenfeier passend gesagt, „unter die Haut“ gehen, entstehen.
Neben der Regie von Maria Lisa Huber, die allen bestens als Ensemblemitglied des Hauses bekannt ist, stammt auch das Musikdesign mit Fuad-David Buaita – einem jungen Mann, der seit zwei Jahren aus der Ukraine kommend am Landestheater Teil des Teams ist – aus dem Haus, und in diesem Sinne ist die Box etwas wirklich Besonderes: ein Platz für Mut und Kreativität, für junge Idee und junges Publikum; und für all jene, die sich gerne einmal auch im Theater eine weniger älter fühlen möchten.
Für die kommenden Vorstellung gibt es lediglich einige wenige Restkarten – die Wiederaufnahme im Herbst also unbedingt jetzt schon vormerken!

Vorarlberger Landestheater: „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann
weitere Aufführungen: 7./28./30.6., jeweils 19.30 in der BOX
Theater am Kornmarkt, Bregenz

https://landestheater.org/spielplan/detail/der-sandmann/