"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Silvia Thurner · 07. Jun 2024 · Musik

Musik sprach zum Wort

Inspirierende Begegnungen bei „klang_sprachen“ in der Remise

Das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti mit seinem Chefdirigenten Gerhard Sammer hat in Vorarlberg unter anderem bei Dornbirn Klassik bereits das Publikum begeistert. Innovative Ideen zeichnen das weithin bekannte Kammerorchester aus, das auf Einladung des Vereins AllerArt und des Literaturhauses Vorarlberg in der Bludenzer Remise gastierte. Unter dem Leitgedanken „klang_sprachen“ wurden die Komponist:innen Ruth Goller, Melissa Coleman, Susanna Ridler, Helmut Sprenger, Viola Falb und Johanna Doderer beauftragt, Lyrik von Gerhard Ruiss zu vertonen. In konzentrierter Atmosphäre waren nun Uraufführungen zu erleben, in denen Worte und Musik vielschichtige Beziehungen zueinander eingingen, sich geistreich ergänzten, rieben, rhythmisierten und den Ausdrucksgehalt erweiterten.

Bereits zum achten Mal arbeitet das Kammerorchester InnStrumenti mit dem Tiroler Lyrikfestival W:ORTE zusammen. In dieser Saison standen Texte des Literaten Gerhard Ruiss im Mittelpunkt. Der auch kulturpolitisch aktive Künstler trug seine in Musik gefasste Lyrik persönlich vor und begeisterte mit seiner vielseitigen Vortragskunst. Sie reichte von expressiver Rezitation bis hin zum Gesang mit orchestraler Begleitung. Stets textdeutlich und rhythmisch exakt auf das Orchester abgestimmt, belebte Gerhard Ruiss die Werkdeutungen hervorragend.
Mit unterschiedlichen musikalischen Zugängen und Ausdrucksformen näherten sich Ruth Goller, Melissa Coleman, Susanna Ridler, Helmut Sprenger, Viola Falb und Johanna Doderer der Lyrik an. Die individuellen kompositorischen Deutungen zeigten fantasiereiche Beziehungsgeflechte auf. Sprache ist Musik, dies war in allen Werken nachvollziehbar, denn die Komponierenden hatten nicht allein aus den Inhalten der Gedichte Inspiration geschöpft, sondern auch Bezug auf Wort- und Satzrhythmen sowie die Sprachmelodien genommen.
Leider wurden den Zuhörenden die vertonten Texte vorenthalten. Dieses Manko minderte das Werkverständnis erheblich. In jenen Passagen, in denen die Musik und die Worte klanglich gleichberechtigt nebeneinander geführt wurden, wirkte die Musik allzu übermächtig.

Große Themen mit musiksprachlichen Perspektiven versehen

Die Gedichte lieferten den Komponierenden starke Bilder für ihre kompositorischen Interpretationen und Reflexionen. Hervorragend setzte die Komponistin und Saxofonistin Viola Falb die Emotion des Textes in ihrer Komposition „Neuversion“ um. Die wellenförmig vorwärtsdrängenden Motive und die parallel geführten Stimmen des Orchesters versinnbildlichen die Worte „Ich bin ein Getriebener“ stark. Mit ihrem Saxofonsolo trieb die Komponistin den musikalischen Fluss zusätzlich voran. Als Gerhard Ruiss den Redefluss bewusst verlangsamte, stellte sich eine reizvolle Diskrepanz zwischen Wort und Musik ein. Im Werk „In allen keinen passenden Verhältnissen“, ebenfalls von Viola Falb, kamen die Wortspiele zwar zur Geltung, musikalisch waren jedoch die Unterschiede zwischen frei gestalteten und festgelegten Passagen wenig nachvollziehbar.
Dem Unterwegssein verlieh Ruth Goller im Werk „sich in der gespiegelten erinnerung im blick“ eine musikalische Gestalt. Während im Text wehende Haare im Wind Leichtigkeit verströmten, setzte die Komponistin ein eher schwermütiges musikalisches Gegengewicht dazu.
Johanna Doderer fasste den Text „für immer“ in einen orchestral üppigen Klangmantel, in dem die Größe der Aussage „Die Zukunft gehört dir [...] lass' ja nicht mehr ab von ihr“ in weitläufigen Linien Ausdruck verliehen wurde. Die Klangoberfläche wurde von rhythmischen Tonwiederholungen und aufgewühlten motivischen Floskeln gestützt. Sie verdeutlichten eine innere Erregung, die zum Ende hin abebbte.
Den „Blick nach vorn“ deutete Melissa Coleman mit einem symphonischen Tanz, der stilistisch an den Beginn des 20. Jahrhunderts erinnerte. Besonders in diesem Lied kam die Vielseitigkeit des Autors Gerhard Ruiss zur Geltung. Er sang die Melodie sensibel auf die Musiker:innen abgestimmt. Eine humorvolle Ironie lag in Melissa Colmans mit Vokalisen und Dampfgeräuschen illustrierten Musik zum Gedicht „Schienenwetter“. So öffnete sie zur Aussage „Unter Druck geht alles besser“ vielschichtige assoziative Räume.
„Hängengeblieben“ von Helmut Sprenger nahm die Zuhörenden mit auf eine Wanderung, denn die einleitenden Pulsationen implizierten Schritte. Die im französischen Chanson gehaltene Musik, mit Anklängen an „alpine Sounds“ verströmte eine unterhaltsame Zuversicht. Nah am Textduktus blieb Susanna Ridler in ihrer Komposition „Das gar nicht schöne Lied“. Der Sprechgesang, verbunden mit der Sprachmelodie war raffiniert vertont und kam humorvoll zur Geltung. Allerdings wirkte in diesem Werk die Balance zwischen dem Vortragenden und dem Orchester wenig ausgewogen.
Eine Improvisation der ausgezeichneten Saxofonistin Viola Falb und des Perkussionisten Andreas Schiffer, die in einen virtuosen Austausch von Sprache und improvisierter Musik zueinander traten, bereicherte die vielschichtige Konzertlesung.

Wiederhören im nächsten Jahr

„klang_sprachen“ mit dem herausragenden Kammerorchester InnStrumenti und Gerhard Sammer kommt nächstes Jahr nach Bregenz. Bis dahin setzen unter anderem Peter Herbert und David Helbock Lyrik musikalisch in Szene.