Neu in den Kinos: „Julie – Eine Frau gibt nicht auf“
Éric Gravel folgt eine Woche lang der großartigen Laure Calamy als alleinerziehender Mutter bei Hetzjagd und Arbeitssuche durch Paris: Ein nur auf den ersten Blick typisches französisches Sozialdrama, das vom Ausnahmezustand als Normalität erzählt.
Den deutschen Titel dieses Films darf man durchaus wörtlich nehmen. Kaum wacht Julie (Laure Calamy) auf, beginnt nicht einfach ein neuer Tag, sondern ist diese Frau von null auf hundert. Draußen ist es noch dunkel, schnell wird für die beiden kleinen Kinder ein Frühstück zubereitet, ein paar Sachen zusammengepackt, ein Mittagessen vorgekocht und gemeinsam mit Sohn und Tochter bei einer älteren Nachbarin abgegeben. Zum Bahnhof muss Julie laufen, denn der Zug nach Paris fährt in wenigen Minuten ab – sie schafft es gerade noch rechtzeitig.
Hastiges Umsteigen in die Métro, denn bald beginnt ihre Schicht, auch den letzten Weg zur Arbeit legt sie im Eiltempo zurück. Umziehen und in die Morgenbesprechung. Julie arbeitet als Zimmermädchen in einem Nobelhotel. Dass sie Gruppenleiterin ist, rechnet sich finanziell kaum. Am Abend beginnt alles wieder von vorne, nur in die andere Richtung: heimfahren, Kinder abholen, kochen, essen, schlafen.
„Julie – eine Frau gibt nicht auf“ heißt im Original „À plein temps“ („Vollzeit“), womit der Filmtitel weniger Julies unglaubliche Widerstandskraft beschreibt als die Umstände, die sie als Mutter, Arbeiterin und Alleinerzieherin fordern: Julie ist nicht schwach, ganz im Gegenteil, schon lange nicht mehr hat man im Kino eine so starke Frauenfigur gesehen. Ihr Kampf ist nicht einer gegen das Sozialamt, ihre Vorgesetzte in der Personalabteilung des Hotels oder die Bank, die ständig anruft und ihr droht, das Konto zu sperren. Sie kämpft auch nicht gegen ihren Ex-Mann, der die Alimente schuldig bleibt und telefonisch nicht erreichbar ist – die Vorgeschichte der Trennung tut ebenso wenig zur Sache wie der Umstand, dass Julie für ihre Situation möglicherweise durchaus mitverantwortlich ist. Die Frage, die Autor und Regisseur Éric Gravel in seinem packenden Sozialdrama Julie mit auf den Weg gibt, ist der eines Helden eines Actionfilms eigentlich nicht unähnlich: Wie kann Julie vom Handeln überhaupt zum Denken kommen? Wie kann es Julie gelingen, den täglichen Kreislauf der Überforderung zu durchbrechen und die Weichen neu zustellen?
Endlich ankommen
Als ob das noch notwendig wäre, lässt Gravel diese aus ständigem Handeln bestehende Handlung im Winter 2020 spielen, während der Proteste gegen Macrons Rentenreform. Ohne es direkt zu sehen, kann man fühlen, wie sich die politische Situation im Laufe der Woche verschärft – bis im Radio gar von Straßenschlachten die Rede ist. Der Streik der öffentlichen Verkehrsmittel verschlimmert Julies Situation ebenso wie das zunehmende Unverständnis der Nachbarin, stundenlang die Kinder zu versorgen. Selbst die raren Momente der Ruhe, wenn der Nachwuchs endlich schläft, dienen nicht der Regeneration, sondern der Suche nach einem neuen Job als ausgebildete Marktforscherin. Auch das Nobelhotel ist nur eine Zwischenstation von vielen. Und der Kuss, den Julie einem freundlichen Nachbarn aufdrängt, der ihr bei einer Reparatur geholfen hat, führt ihr einen Augenblick später ihre Einsamkeit umso deutlicher vor Augen.
Weniger als eine Milieustudie ist „Julie“ ein Film über einen permanenten Ausnahmezustand. Und Laure Calamy, in jeder einzelnen Einstellung zu sehen, ist buchstäblich das Gesicht dieses Films, in dem sich alles um sie dreht und sie antreibt: die immer nahe Kamera auf Augenhöhe, der treibende elektronische Soundtrack von Irène Drésel und eine ruhelose Montage, die der unentwegt gehetzten Julie während der Arbeitsstunden und Wegzeiten keine Ruhe gönnt. Tatsächlich ist Julie eine Frau, die nicht aufgibt, die jedes Hindernis, das sich ihr in den Weg stellt, intuitiv und mit hoher Improvisationskunst aus dem Weg räumt. Das ist am Ende auch die große Leistung der Inszenierung und vor allem von Calamys packender Darbietung: diesen Ausnahmezustand als Normalität erfahrbar zu machen.
ab 14.6., Cinema Dornbirn
ab 15.6., GUK Feldkirch (OmU)