Der Wunschpunsch: Ein märchenhaftes Stück über die Wirkung von Wünschen am Vbg. Landestheater (Foto: Anja Koehler)
Silvia Thurner · 21. Sep 2025 · Musik

Zwei inspirierende Abende zwischen Jazzband und Galgenhumor

Das Janus Ensemble und Renate Burtscher boten Klangsinnliches, Ironisches und Kritisches

Beim diesjährigen Schallwende-Festival präsentierte das Janus Ensemble unter der Leitung von Christoph Cech zwei unterschiedlich angelegte Konzertprogramme. Zunächst standen Bläser, E-Gitarren, Synthesizer, Stimme und Drumset im Zentrum. Die dargebotenen Werke changierten zwischen Jazz und experimentellen Spielformen. Dietmar Kirchner, als künstlerischer Leiter im Team mit Wolfgang Lindner, war mit zwei Werken auch als Komponist prominent vertreten. Zudem erklangen zwei neue Kompositionen von Gerda Poppa, die tiefe Eindrücke hinterließen. Ein Festivalabend war dem „Galgenhumor“ gewidmet. Ausgezeichnete Texte und vielseitig angelegte Werke näherten sich dem Thema aus unterschiedlichsten Blickwinkeln. Joanna Lewis, Elena A. Jauregui und Tibor Kövesdi interpretierten die Werke hervorragend. Im Mittelpunkt stand die bewundernswert agierende Rezitatorin Renate Burtscher, die alle Texte mit viel Emotion und großer Ausdruckskraft belebte.

Zur Sache ging Gerda Poppa in ihrem Werk „Dunkelschwarz – Die Himmel wehen“, das sie für das Janus Ensemble komponiert hat und in Feldkirch erstmals gespielt wurde. Den Ausgangspunkt bildete ein Text von August Stramm, den dieser im Schützengraben während des Ersten Weltkriegs verfasste. Kernpunkte der musikalischen Gestaltung bildeten textdeutende Illustrationen. Sie brachten im Marschduktus das Umfeld zur Geltung und stellten das Warten dar, bis schließlich der musikalische Fluss in stockendem Sprechgesang das sinnlose Sterben im Gewehrfeuer zuspitzte.
Die Musiker:innen des Janus Ensembles mit Tanja Wurzer (Vocals), Antonia Kapelari (Trompete), Matthias Kohler (Altsax) Victoria Pfeil (Sopran- und Bariton-Sax), Paul Amann (Posaune), Simon Raab (Synthesizer), Robert Pockfuss (E-Gitarre), Tibor Kövesdi (E-Bass), Andi Senn (Drumset) und Raimund Vogtenhuber (Electronics) musizierten alle Werke mit großem Ausdruck und konzentrierter Gestaltungskraft.
Von Dietmar Kirchner kam das Werk „Der Pflasterstein“ nach dem gleichnamigen Gedicht von Joachim Ringelnatz zur Uraufführung. Die zweiteilige Komposition begann mit jazzig angelegten Passagen und solistischen Einlagen, dazu wurde die Singstimme instrumental geführt. Schließlich verlieh das tiefsinnige und zugleich humorvolle Gedicht von Joachim Ringelnatz, in dem ein Pflasterstein als Metapher für Unterdrückte steht, der Komposition eine bildliche Wendung.

Emotionale Zustandsbeschreibungen

Elfi Aichinger zeigte in ihrem Werk unterschiedliche Verständnisebenen des Titelsatzes „Dich will ich sehen“. Fast impressionistisch wurde die Musik eingeleitet, sodann impulsiv gesteigert und mit viel Nachdruck betont, bis sich der Satz wandelte in „Dich muss ich sehen“. Zahlreiche Soli unterstrichen die unterschiedlichen Emotionen, am meisten lenkte der sehnsuchtsvoll formulierte Wunsch „Dich will ich sehen“ die Aufmerksamkeit auf sich. Tanja Wurzer gestaltete den Vokalpart intensiv, doch die Balance zwischen Singstimme und Ensembles drängte sie abschnittweise in den Hintergrund.
Judith Unterpertinger schuf in „Baum“ ein reizvolles Klangbiotop. In „I am a Mound Builder“ des Saxofonisten Matthias Kohler wurden feinsinnig geschichtete, ätherische Sounds in den Raum gestellt, die in einem emotionsgeladenen Trompetensolo mündeten. Raimund Vogtenhuber, ebenfalls Mitglied des Janus Ensembles, stellte in seinem Werk „NGX 158y“ Electronics originell in Beziehung zu Instrumental- und Vokalparts. Brodelnde Flächen und aufbegehrende Klangstürme am Anfang wurden allmählich konkreter und mündeten in einem perkussiven Abschluss. Tanja Wurzer fiel durch ihre Vielseitigkeit auf, doch auch in diesem Werk war die Klangbalance nicht optimal ausgewogen.

Galgenhumor als künstlerisches Leitmotiv

Im zweiten Teil des Schallwende-Festivals widmeten sich Elfi Aichinger, Christoph Cech, Viola Falb, Dietmar Kirchner, Anna Maly, Roozbeh Nafisi und Gerda Poppa dem Thema Galgenhumor. Die unterschiedlichen Zugänge boten Einblicke in die Persönlichkeiten und Arbeitsweisen der Künstler:innen.
Marlene Streeruwitz schrieb speziell für Roozbeh Nafisi den Text „Wir wissen es nicht“. Eindrücklich wird darin die politisch prekäre Situation im Iran sowie in Afghanistan thematisiert und der Wert der Freiheit betont. Die Musik beruhte auf Tonmaterial eines syrischen Kollegen von Nafisi, der daraus eine dichte Komposition schuf. Galgenhumor entnahm ich der Werkdeutung eher wenig, aber sie vermittelte eine eindrückliche Botschaft. Besonders wirksam war der Einsatz der Klarinette, die abschnittweise als Megafon fungierte und ohne Mundstück ein erstickendes Gurgeln erzeugte.

Hervorragende Textdeutungen

Renate Burtscher rezitierte alle Texte, las, erklärte, sang und gestaltete sämtliche Passagen – auch die eines unwirschen Betrunkenen – mit bewundernswerter Wandlungsfähigkeit. Im Zusammenwirken mit Joanna Lewis (Violine), Elena Arbonies Jauregui ( Es-, B- und Bassklarinette) sowie Tibor Kövesdi (Kontrabass) wurden die Zuhörenden sogleich hineingezogen in die vielfältigen Ausdrucksformen, in denen unterschiedliche Arten des Galgenhumors die musikalischen Wesenszüge mitbestimmten.
Scharfsinnig und zeitkritisch ist das Mammutwerk „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Dietmar Kirchner deutete drei Szenen musikalisch. Renate Burtscher und die Musiker:innen belebten die Text- und Musikpassagen und verliehen ihnen eine große Aussagekraft.

Künstlerisch gelebte Vielfalt

Anna Maly wählte für ihr Werk „Ein Lachen – von innen“ einen ganz anderen Zugang. Sie stellte ihrem Soundscape, das sie aus einer Klangtransformation ihres eigenen Lachens geniert hatte, die Geschichte des legendären Wilderers Johann Küngle, „s'Küngle aus Marul“, voran. Auf diese Weise verbanden sich die Geschichte mit der elektroakustisch aufbereiteten Musik zu einer unkonventionellen und reizvollen Einheit.
Gerda Poppa schrieb die Textgrundlage für ihr Werk „Juckreiz“, das an diesem Abend uraufgeführt wurde, selbst. Darin personifizierte sie den Planeten Erde, der aufgrund des klimaschädlichen und kriegerischen Handelns der Menschen einen mächtigen Juckreiz entwickelt. Die Musik illustrierte dabei die kritisch-humorvollen Worte anschaulich.
Mit ihrer sensiblen musikalischen Gestaltung schuf Viola Falb zum Gedicht „Huckepack“ von Friederike Mayröcker passende Reflexionsräume. Auf diese Weise kamen die Gedanken des Getragenwerdens, die die Lyrikerin auf ihre unverwechselbare Weise in Worte fasste, gut zur Geltung.
Der Autor Robert Frost fragt in seinem Gedicht „Fire and Ice“, ob das Ende der Welt eher durch Feuer oder durch Eis bestimmt sein wird. Feuer und Eis verwendete er als Sinnbilder, die Elfi Aichinger musikalisch geistreich und vielfältig übersetzte.
Der Leiter des Janus Ensembles, Christoph Cech, legte seinem Werk „Caput I“ aus Heinrich Heines Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zugrunde. Eindrucksvoll interpretierte Renate Burtscher den Text. Die gestisch wandlungsfähigen Themenfindungen unterstrichen den ironisch-poetischen Text aufschlussreich.