„Move fast and break things“ von Daniela Egger in der Schaffarei. (Foto: Arbeiterkammer)
Dagmar Ullmann-Bautz · 21. Sep 2025 · Theater

Die Welt ist aus den Fugen

Shakespeares „Macbeth“ am Vorarlberger Landestheater

Es herrscht Eiszeit in dieser Welt, die sich immer weiter dreht und Unsägliches sich immer wieder wiederholt. Und es wird immer dunkler und blutiger. Die Zeit läuft ab, die Uhr schlägt zur letzten Stunde gleich sich wiederholender Bombeneinschläge. Shakespeare hat mit „Macbeth“ nicht nur ein Spiegelbild seiner eigenen Epoche geschaffen, sondern eine Geschichte über Abgründe und Albträume, die wie in die DNA des Menschen festgeschrieben zu sein scheinen. Gestern feierte „Macbeth“ am Vorarlberger Landestheater Premiere – inszeniert von Johannes Lepper, der die Düsternis meisterhaft und überspitzt auf die Bregenzer Bühne brachte.

Verschwörung und Wahnsinn

Dem Wesen nach ist Macbeth loyal und ergeben. Doch die Prophezeiung dreier Hexen wirft ihn in einen erbarmungslosen Kampf mit sich selbst und der Welt. Er ermordet den König, dem er ewige Treue geschworen hat, um selbst die Krone zu tragen – und setzt damit das große Morden und Blutvergießen erst richtig in Gang.
Ein Verbrechen folgt dem nächsten, die Welt gerät aus den Fugen. Menschen werden getrieben von Verschwörung, Ehrgeiz, Angst und Grausamkeit, von Wahnsinn. Macbeth ringt nicht nur mit seinen Gegnern, er kämpft mit sich selbst – mit den Geistern, die er heraufbeschworen hat. 

Grenzen werden ausgelotet und überschritten 

Die Drehbühne bleibt während der ganzen Aufführung in Bewegung. Ein Eisblock hängt in der Mitte, schmilzt langsam dahin, während Eisbrocken von den Protagonisten zerschlagen und durch die Luft geschleudert werden. Die Erde erwärmt sich – und doch herrscht Eiszeit. Das Paradoxon einer Menschheit, der es nie besser ging und die doch tagtäglich Abertausende in Hunger und Krieg elend zugrunde gehen lässt.
Johannes Lepper erzählt diesen „Macbeth“ mit all seinem Grauen, zeigt den Zerfall eines Menschen mit Empathie – und auch mit Humor. Er fordert die Zuschauer:innen, indem er Grenzen auslotet und überschreitet. Der dumpfe Schlag, der sich durch die gesamte Aufführung zieht, verdichtet die Atmosphäre der schwarzen, leeren Bühne noch mehr – er klingt wie Bombeneinschläge und wie das unaufhaltsame Ablaufen unserer Zeit.

Musik, Licht, Kostüm

Die Musik wird zu einem entscheidenden Instrument, um die Spannung bis ins Unerträgliche zu steigern oder Momente sanft zu brechen – von Lepper äußerst raffiniert und ironisch überzeichnet eingesetzt. Ebenso das Licht (Tom Barcal), das nicht nur die Bühne inszeniert, sondern immer wieder das Publikum mit einbezieht.
Sabine Wegmann hat dazu Kostüme in Schwarzweiß entworfen – elegante Gewänder, die zugleich der Grausamkeit des Stücks Tribut zollen. 

Energiegeladenes Ensemble 

Am Vorarlberger Landestheater übernehmen fünf Schauspieler:innen die insgesamt zwanzig Rollen. Rebecca Hammermüller, Thieß Brammer und Nico Raschner brillieren spielerisch in jeweils sechs Rollen. Ob Hexen, Mörder oder Opfer – ihre Energie füllt die Bühne, sprengt sie bisweilen fast. Allerdings sind Hammermüller und Brammer – vermutlich durch die nach hinten offene Bühne – akustisch leider nicht immer gut zu verstehen.
Großartig: Maria Lisa Huber als Lady Macbeth. Jede Sekunde ist glaubwürdig – sie verführt, manipuliert, reißt das Publikum mit sich. Sie hat nicht nur ihren Gatten, sondern auch die Zuschauer:innen in ihrer Hand.
Und dann Raphael Rubino: ein Macbeth von absoluter Sonderklasse. Sein Spiel betört und verstört zugleich, reißt mit und begeistert. Ob treuer Blick, absoluter Wahnsinn oder eiskalte Grausamkeit – Rubino schöpft alles aus. Lächelnd wetzt Macbeth die Messer und erkennt sich selbst nicht wieder. 
Das Landestheater hat zur Eröffnung der neuen Spielsaison harte Kost serviert – in kreativer Umsetzung, gespickt mit Witz und absurden Ideen. Zeitgemäß, relevant, eindringlich. Das Publikum dankte mit großem Applaus – und verließ den Saal ungewöhnlich leise, in Gedanken versunken.

Weitere Aufführungen:
23.9. sowie 8./10.10. und 15.11., jeweils 19.30 Uhr
16.11., 17 Uhr (für diese Aufführung gilt die 2:1 Aktion: Weil's zu zweit viel schöner ist.)
Publikumsgespräch am 10.10. im Anschluss an die Vorstellung im T-Café
Info und Karten: www.landestheater.org