Doris Knecht: „Ja, nein, vielleicht!“
Rezension zum neuen Roman
Ein Zahn erinnert an den eigenen Verfall, während die beste Freundin heiratet, eine Schwester sich scheiden lässt und ein alter Lover das schöne eingependelte Leben etwas aufwühlt. Im neuen Sommerroman von Doris Knecht zieht sich ihre Figur zurück aufs Land, um an einem Roman zu schreiben, der sich nicht so einfach in vier Handlungsstränge einteilen lässt, weil es im Leben eben auch Ärger gibt und „merkwürdige Konflikte mit Freunden und Nachbarn“.
Manche Details aus diesem Leben kennt man schon aus früheren Texten der Autorin: Es gibt die Wohnung in Wien, die Zwillingskinder, das Haus am Land und die Familie. Knecht hat die namenlose Figur aus dem vorherigen Buch „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ nun um ein paar Jahre weitergedreht. Der Alltag verläuft stabil in gewohnten Situationen. Das Aufregendste, was noch passiert, sind Arztbesuche, eine unerwartet auftauchende Schwester und die dazugehörenden Gefühle. So werden nach und nach die aktuellen Umstände und Beziehungskonstellationen erklärt und die Ich-Erzählerin reflektiert, warum und was in der Vergangenheit passiert ist.
Aus dem (Schreib-)Alltag einer Autorin
Ähnlich wie im wirklichen Leben geschehen die interessanten Ereignisse nicht chronologisch nacheinander, sondern mit einem Abstand, der vom monotonen Alltag gefüllt werden muss. In diesem Füllmaterial aus (Schreib-)Alltag hat Knecht ihre Leser:innen in die Gefühlswelten einer Figur hineingezogen, die sich als alleinstehende Frau gegen die Erwartungen der Gesellschaft behauptet und dabei oft in etwas langatmige Erzählungen abschweift. „Im Dach leben Tiere, auch das beunruhigt mich, und ich würde gerne darüber schreiben, aber das ist nicht möglich. Ich glaubte erst, es seien Siebenschläfer, aber dann las ich Judith Hermanns Roman ,Daheim‘. Nun denke ich, es ist der Marder, wie im Haus von Hermanns Ich-Erzählerin, doch weil Hermann über einen Marder in einem Dach geschrieben hat, kann ich ihn nicht mehr verwenden. Der Schweizer Schriftsteller Alex Capus hat einen Teil seines letzten Romans einem Siebenschläfer gewidmet. Das scheint ein Thema der älter werdenden deutschsprachigen Autorinnen meiner Generation zu sein: Unsichtbare Tiere, die in ihren Dächern rumoren, sie verängstigen uns und rauben uns den Schlaf.“
Oft dauert es eine Weile, bis die Erzählerin zum Punkt kommt, das eigentliche Romanthema entfaltet und ihre Beziehung zu Männern im Allgemeinen und früheren Beziehungspartnern erklärt, weil es eben ein Buch ist über eine älter werdende Autorin, die mit einem früheren Bekannten einen Flirt beginnt. Der Titel suggeriert schon eine Liebesgeschichte, die aber keine ist, sondern auf sympathische und leicht bissige Weise eine Frau zeichnet, die eben nicht mehr bereit ist, sich auf Männer einzulassen, während sie gelungen abwegig überlegt, wie er sie in ihrem Haus stören könnte: „Genau“, sagte ich, „weil, wie schnell würde mir der auf die Nerven gehen? Ich meine, der würde ja sprechen? Wann immer er will?“
Knecht beschreibt das mühevolle Dating, die minutenlang durchdachten Nachrichten und die Momente, an denen man merkt, dass aus der Beinahe-Liebesgeschichte vielleicht dann doch nichts mehr wird. „Er schrieb, er schrieb, er schrieb nicht mehr.“ Dann fühlt man mit dieser Protagonistin ihre Enttäuschung, die eine kollektive Enttäuschung ist, weil sie doch viele schon kennen, aber die trotzdem einsam macht. Diese Frau ist nicht naiv, sie ist nicht mehr jung und sie weiß, was passiert. Genauso weiß sie auch, was sie nicht will und was zu tun ist. „Ein Mann, den es nicht gibt, kann dich nicht enttäuschen, nicht quälen, nicht kränken. […] Man muss nur aufpassen, dass es diesen Mann nicht gibt, das ist alles.“
Schlagartig holt die Autorin ihre Erzählerin wieder zurück aus der Gedankenwelt in das Hier und Jetzt, das die Atmosphäre in kurzen Sätzen haarscharf beschreibt: „Draußen brüllte das braune Wasser, im Haus war es still.“ Sie hat eine Biografie, die grob an Knechts eigene Biografie angelehnt ist, wodurch im Buch eine interessante Metaebene eröffnet wird, wenn die Protagonistin darüber sinniert, was in diesem Buch stehen wird, das mit der fortschreitenden Geschichte entsteht: „Ich habe die Friedrich-Szene, in der er die Erzählerin zum ersten Mal besucht, nochmal umgeschrieben. Also, ich schreibe alles ständig um, auch diese Szene hatte ich schon mehrmals überarbeitet, dann schien sie fertig.“
Ärgernisse und Katastrophen
Knechts Erzählerin ist eine, die viel nachdenkt über die kleinen Ereignisse, die sie bewältigen muss und sprunghaft zwischen den Gedanken hin und her wechselt. Bevor der letzte Absatz auserzählt ist, wird er abgerissen und von scheinbar völlig nebensächlichen Details ersetzt, die zu einer langen Kette von Anekdoten führt, die vergangene Erlebnisse noch einmal aktuell machen. Das komplette Leben von manchen Personen ist mit ein paar Zeilen schon abgehandelt, andere werden seitenweise ausgebreitet. Über den Humor und die Eigenheiten der Charaktere thematisiert „Ja, Nein, Vielleicht“ Frauen, die in guten, schlechten oder gar keinen Beziehungen leben – mit all den Schwierigkeiten und Vorteilen, die sich daraus ergeben können. Dabei schreibt die Autorin auch von der Überlastung der Mütter, die wie so oft alleine dastehen und sich gegenseitig aushelfen, wenn es um die eigenen Kinder geht.
Obwohl die Handlung Knechts Protagonistin laufend gefühlsmäßig herausfordert, bringt die Autorin dieses Leben immer wieder auf eine sehr sachliche Ebene zurück, in der sie monoton einzelne Tätigkeiten aneinanderreiht und eine Ruhe reinbringt, die den Plot anhält und die Geschichte bremst und wieder zurückführt zu den langweiligen und oft mühsamen Dingen des Alltagslebens. Es ist erheiternd, wie Knecht ihren Flirt auf diese Weise überspült. Was sich ereignet hat mit diesem Friedrich auf dem Date, wird ausgespart und erst im Nachhinein erzählt, wie eine Nebenhandlung, der man bewusst die Spannung nimmt und damit Platz lässt für die eigentliche Geschichte über die Freunde und Nachbarn, die kleinen Ärgernisse und die großen Katastrophen, die manchmal über Nacht hereinbrechen oder einen doch noch einmal verschonen.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Doris Knecht: Ja, nein, vielleicht. Hanser Verlag, Berlin 2025, 240 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-446-28288-9, € 24,70
Lesung: 30.9., 20 Uhr
Spielboden, Dornbirn