Kunsthaus Bregenz: KOO JEONG A – Otro, 2008-2012 (Foto: l'escault, © KOO JEONG A)
Walter Gasperi · 22. Sep 2025 · Film

Aktuell in den Filmclubs (26.9. – 2.10. 2025)

Der Spielboden Dornbirn zeigt diese Woche in Kooperation mit GoWest die warmherzige irische Komödie „Vier Mütter für Edward“. Das Skino Schaan setzt dagegen seine Reihe zu aktuellen spanischen Filmen mit dem aufwühlenden Drama „Soy Nevenka“ fort, in dem Icíar Bollaín von einem Fall erzählt, der schon Anfang der 2000er Jahre die #MeToo-Bewegung vorwegnahm.

Vier Mütter für Edward: Ein aufstrebender irischer Autor steht unter doppelter Belastung, muss er sich doch einerseits um seine betagte Mutter kümmern und soll andererseits die Promotion seines neuen Buchs in den USA betreuen – und dann geben noch drei Freunde ihre Mütter für ein Wochenende bei ihm zur Pflege ab.
Das Vorbild von Gianni Di Gregorios „Pranzo di ferragosto“ („Festmahl im August“, 2008) ist bei Darren Thorntons Komödie unübersehbar. Gleichzeitig verleihen der irische Regisseur und sein Bruder Colin Thornton, die zusammen das Drehbuch schrieben, aber der Homosexualität des Protagonisten und seiner drei besten Freunde deutlich mehr Gewicht.
Überraschungen bietet „Vier Mütter für Edward“ kaum, der Film lebt ganz von seinem hinreißenden Ensemble: Da mag auch Edward im Zentrum der Geschichte stehen, letztlich wird sie doch von den vier unterschiedlich gezeichneten, eigenwilligen Frauen getragen, die von Fionnula Flanagan, Dearbhla Molloy, Stella McCusker und Paddy Glynn mit sichtlichem Vergnügen gespielt werden. Ihre Widerborstigkeit sorgt auch dafür, dass diese Komödie nie in Sentimentalität abgleitet, sondern immer gut geerdet bleibt.
Gern schaut man so auch dank des empathischen und spürbar von persönlichen Erfahrungen geprägten Blicks Edward und den vier Müttern zu und kann immer wieder schmunzeln. Den Charme von „Pranzo di ferragosto - Festmahl im August“ erreicht dieser irische Ableger nicht, bietet aber immerhin sehr menschliche und nette Unterhaltung. 
Spielboden Dornbirn: Sa 27.9., 17 Uhr

 

Soy Nevenka: Icíar Bollaín zeichnet in ihrem aufwühlenden Drama die Geschichte der jungen Stadträtin Nevenka Fernández nach, die 2001 den charismatischen Bürgermeister der nordspanischen Stadt Ponferrada wegen sexueller Belästigung anzeigte. Detailreich und dynamisch schildert Bollaín die Entwicklung von der Freude über die überraschende Berufung ins politische Amt und das zunächst freundschaftliche Verhältnis zu ihrem Chef bis zum psychischen Zusammenbruch unter dem pausenlosen Druck und dem Mobbing des allseits beliebten Bürgermeisters. Aufwühlende und auch physisch unangenehme Szenen gelingen der Spanierin, wenn der Bürgermeister Nevenka im Stadtrat niedermacht oder eine Dienstreise nutzt, um mit ihr in einem ausgebuchten Hotel das Zimmer zu teilen und sie zu vergewaltigen. Beklemmend intensiv spielt Urko Olazabal den in der Öffentlichkeit geschätzten Peiniger als Wolf im Schafspelz, während auf der anderen Seite Mireia Oriol erschütternd die schweren psychischen Auswirkungen der Übergriffe auf Nevenka erfahrbar macht.
Gleichzeitig ist dies aber auch die Geschichte einer Selbstermächtigung fast 20 Jahre vor der #MeToo-Debatte, wenn Nevenka schließlich bei einem Anruf des Bürgermeisters auf sein liebekosendes „Quenki“ entschieden antwortet „Soy Nevenka“ und sich damit entschlossen von ihm distanziert und ihre Unabhängigkeit betont.
So erschütternd aber auch die Geschichte und einzelne Szenen sind, so leidet „Soy Nevenka“ doch auch an der sehr konventionell-fernsehhaften Inszenierung und der konsequenten Durchdeklinierung des Falls. Unübersehbar ist stets Bollaíns Anliegen, nicht nur den Missbrauch nachzuzeichnen, sondern mit Nevenkas Aussage gegenüber der Presse Frauen Mut zu machen, nicht zu schweigen, sondern Fälle sexueller Belästigung publik zu machen.
Auf der Strecke bleiben bei dieser konsequenten Fokussierung auf dem Missbrauchsfall Zwischentöne ebenso wie eine differenzierte Ausleuchtung des Umfelds. Dennoch beeindruckt „Soy Nevenka“, für den Bollaín in Ponferrada übrigens keine Drehgenehmigung erhielt, sowohl als Denkmal für eine Frau, die als erste in Spanien mit Erfolg einen Prozess gegen einen übergriffigen Politiker führte, als auch als Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich großteils nicht hinter das Opfer, sondern hinter den Täter stellte.
Skino Schaan: Do 2.10., 18 Uhr

 

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