Das Wiener Burgtheater war mit Molières „Der Menschenfeind“ unter der Regie von Martin Kušej im Bregenzer Festspielhaus zu Gast ( Foto: Matthias Horn))
Michael Löbl · 23. Feb 2024 · Musik

Wohltemperiert und schaumgebremst

Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ mit Aaron Pilsan im Reichshofsaal Lustenau

Was bedeutet eigentlich „wohltemperiert“? Hat das etwas mit der optimierten Lagerung eines Musikinstrumentes zu tun? Oder heißt es, dass der Klavierstimmer vor einem Konzert gute Arbeit geleistet hat? Nein, „wohltemperiert“ bezeichnet die Annäherung an ein unlösbares physikalisches Problem, welches Musiker:innen bis in alle Ewigkeit beschäftigen wird.

Es geht um die natürliche Obertonreihe und die Positionierung der verschiedenen Intervalle innerhalb einer Oktave. In erster Linie betrifft es Tasteninstrumente wie Orgel, Cembalo oder Klavier. Zwei extreme Positionen stehen einander gegenüber: Entweder man stimmt eine Tonart möglichst rein und nimmt in Kauf, dass weiter entfernte Tonarten dadurch unsauber klingen, in einer Bandbreite von „geht irgendwie“ bis „unerträglich falsch“. Diese sogenannte „mitteltönige Stimmung“ wird heute vor allem von Musiker:innen, die sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben haben, verwendet. Oder aber man teilt die Oktave in zwölf gleich große Halbtonschritte, wodurch dann jedes Intervall ganz leicht unsauber wird. Diese „gleichstufige Stimmung“ ist heutzutage der allgemeine Standard, da sie entscheidende Probleme elegant minimiert. Man kann mit ihrer Hilfe mühelos von einer Tonart in jede andere modulieren und hat sich der extrem unsauberen Intervalle entledigt. Leider hat auch die gleichstufige Stimmung Nachteile. Nun ist außer der Oktave kein einziges Intervall wirklich rein, Terzen und Sexten leiden darunter ganz besonders. Ebenfalls geopfert wurde die Tonartencharakteristik, alles klingt jetzt gleich, da jede Tonart aus zwölf identischen Halbtönen besteht. Dieser Kompromiss war jedoch für die Weiterentwicklung der abendländischen Musik entscheidend, ja unverzichtbar. Ohne die gleichstufige Stimmung gäbe es weder Werke von Richard Strauss noch von Gustav Mahler, weder Taylor Swift noch Rammstein und rein gar nichts, was sich auf der Grundlage von Arnold Schönbergs Zwölftontechnik entwickelt hat.

Stiefmütterliche Behandlung

Zu Johann Sebastian Bachs Zeiten beschäftigten sich Musiker und Instrumentenbauer intensiv mit diesen unterschiedlichen Möglichkeiten. Es ging in erster Linie um die Stimmung von Kirchenorgeln, die man ja, wenn sie einmal festgelegt ist, nicht mehr verändern kann. Bach arbeitete eng mit Orgelbauern und Musiktheoretikern wie Christian Förner oder Andreas Werckmeister zusammen. In seinem „Wohltemperierten Klavier“ wollte er die Ergebnisse dieser Überlegungen, also den Stand der Forschung, präsentieren. Welche der zahlreichen damals aktuellen Stimmungen Bach bei der Komposition im Kopf hatte, darüber wissen wir nichts Genaues, genauso wenig über das Instrument, auf welchem das „Wohltemperierte Klavier“ gespielt wurde. War es das Cembalo? Oder ein Clavichord? Bach schrieb zwei Bände mit je 24 Präludien und Fugen, also insgesamt 96 kurze Stücke, angeordnet nicht im Quintenzirkel, sondern chromatisch von C-Dur bis h-moll. Fast immer ist sowohl im Konzert als auch bei Aufnahmen der erste Teil zu hören. Warum eigentlich? Ähnlich wie bei Bachs „Weihnachtsoratorium“ wird der musikalisch ebenbürtige zweite Teil stiefmütterlich behandelt, und das vollkommen grundlos.
Die Noten enthalten – wie in der Barockzeit üblich – weder Tempoangaben noch Hinweise zur Dynamik oder sonstige Ausführungsanweisungen. Bach lässt außer den zu spielenden Tönen alles offen – Geschwindigkeit, Lautstärke oder Artikulation sind den Ausführenden überlassen. Das gibt den Interpret:innen ungewöhnlich viele Freiheiten und führt zu teilweise vollkommen gegensätzlichen Ergebnissen und unterschiedlichen Interpretationsansätzen, die aber durchaus ihre Berechtigung haben. Unzählige Pianist:innen haben sich dem Werk angenähert, die Bandbreite erstreckt dabei von asketisch und dem Cembalo nachempfunden bis zu hochromantisch mit viel Pedal, von pianistisch-virtuos bis zu trocken-analytisch, von quälend langsam bis irrwitzig schnell. Individuellen Deutungen sind keine Grenzen gesetzt und manche Stücke werden so unterschiedlich interpretiert, dass man sie kaum wiedererkennt. Das Gute dabei: Bachs Musik verträgt das alles, es ist für jeden Geschmack etwas dabei und ganz wichtig: Nörgler und Besserwisser haben stets genügend Gelegenheiten, ihre Wahrheiten kundzutun. 

Komplexe Polyphonie

In welche Richtung geht nun Aaron Pilsans Deutung? Auch er hat sich für den ersten Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ entschieden. Seit Jahren beschäftigt er sich mit diesem komplexen Werk, hat es oft in Konzerten gespielt und vor drei Jahren auf CD veröffentlicht. Diese jahrelange Vertrautheit spürt man. Souverän und technisch perfekt führt Aaron Pilsan das hochkonzentrierte Publikum im Lustenauer Reichshofsaal durch die verschiedenen Stimmungen der Präludien und die komplexe Polyphonie der Fugen. Bachs Stimmengeflecht wird freigelegt, die Zuhörer:innen können dem Verlauf der Themen jederzeit folgen und Bachs musikalische Architektur nachvollziehen. Sein Ansatz ist weder übertrieben romantisch noch allzu analytisch, sondern liegt irgendwo dazwischen. Durch die gemäßigten Tempi, einer Dynamik im mittleren Bereich und vor allem durch die eher weiche Artikulation wurden die Möglichkeiten des Bösendorfer-Flügels bei weitem nicht ausgeschöpft. Wollte der Pianist dem Publikum demonstrieren, dass der Dynamikbereich der Tasteninstrumente zu Bachs Zeit bei weitem nicht mit jenem eines modernen Konzertflügels vergleichbar war? Und dass es aus diesem Grund nicht zulässig ist, diesen beliebig zu erweitern? Man muss sich ja nicht unbedingt an den Extremen eines Glenn Gould oder Friedrich Gulda orientieren, aber ein wenig mehr an klanglicher Abwechslung, an dynamischer Vielfalt und pianistischer Brillanz hätte dem Abend auf jeden Fall gutgetan. Denn Aaron Pilsan könnte ja, wenn er wollte. Irgendwo mittendrin, im kurzen Präludium in G-Dur, ging plötzlich die Post ab: Virtuosität in einem kernigen Forte, kräftige Bässe knackig artikuliert, als hätte man den Hund von der Leine gelassen. Absicht oder Zufall? Alles in allem war Aaron Pilsans Interpretation jedoch eine bewundernswerte Leistung, das Publikum bedankte sich vollkommen zurecht mit Standing Ovations.

https://www.aaronpilsan.com