Derzeit in den Vorarlberger Kinos: The Zone of Interest (Foto: Filmcoopi Zürich)
Anita Grüneis · 24. Feb 2024 · Theater

Wer war’s? Beim „Tatörtli“ immer wieder aufs Neue

Das „Tatörtli“ der Vaduzer Kreativ-Akademie ist interaktives Theater vom Feinsten. Wer sich auf solch einen Theaterabend einlässt, weiß nie, was er/sie bekommen wird. Nur eines ist gewiss: Es wird ein spannender Abend voller Überraschungen und aufregenden Wendungen. Und die Frage: „Wer war’s?“ bleibt bis zum Ende lebendig. Denn am Schluss darf sogar das Publikum den Täter/die Täterin bestimmen. Und der/die muss Klarheit liefern.

Das Publikum bestimmte vom Anfang an die Koordinaten des „Tatörtlis“. Vor der Vorstellung wurden Zettel verteilt mit der Bitte, sich schriftlich einen Tatort zu wünschen. Einzig Bedingung: der Tatort musste in Liechtenstein sein und präzise genannt werden. Nur der Name einer Gemeinde reichte also nicht. All diese Zettel wurden in einem Hut gesammelt, es waren mindestens hundert Stück, denn der Kreativ Loft Raum im Vaduzer Technopark war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach einer Aufwärmphase, in der das Publikum gemeinsam seinen Lieblingsnamen, den Lieblingsurlaubsort und das Lieblingsversteck in den Raum gerufen hatte, kamen die Darsteller:innen auf die Bühne, Hausherrin Juliana Beck zog aus dem Hut drei Zettel und las den Inhalt laut vor. Das Publikum entschied durch seinen Applaus die Wahl des Tatorts. An diesem Abend war es die Burgruine Schellenberg. Auch der Namen des Opfers und das Tatwerkzeug kamen aus dem Zuschauerraum: Josef Mustermann und ein Säbel. Und dann begann das große Krimi-Ratespiel.

Der Spaß an der Recherche

Zwei Polizistinnen, forsch gespielt von Julia van Steijn und Amelie Biedermann, erfuhren, dass auf der Burgruine Schellenberg eine Leiche gefunden wurde. Sie rückten aus und trafen am Tatort die zwei von der Spurensicherung: Marcel Beck und Mia Biedermann in flattrigen dunklen Schutzanzügen. Und schon begann der Spaß. Gespielt wurde ohne irgendwelche Requisiten, alles musste pantomimisch verdeutlicht werden. Als beispielsweise der junge Spurensucher unbedacht ein paar Schritte ging, rief der andere erschrocken: „Vorsicht, da liegt die Leiche!“. Die Namen der Akteure mussten erfunden werden und jeder musste sie sich merken, wie auch die Geschichten, die sie erzählten. Zur Sicherheit wurden Stichworte auf einer Tafel aufgeschrieben. Jeder spielte die Figur, die er/sie sich ausgedacht hatte. So war Juliana Beck die alte Frau Hannellore Mayer (mit zwei „l“ wie sie betonte), die mit dem Opfer Josef Mustermann vor vielen Jahren einen  Heimatschutzverein zur Erhaltung der Burgruine gegründet hatte. Ihre Enkelin wurde bei Konstanze Hanke zur esoterischen Heilssucherin „Luna Joy Georgeous Amazing Brilliant Mayer“, die einen veganen Bioladen in Schellenberg betrieb. Weitere Personen waren die Nachbarin des Opfers, bei Coralie Kerhart die hinreißend kecke, joggende und kaugummikauende Influencerin „Sabine Frick Sporty Life Insta Story“ und Marcel Beck, der emsige Buchhalter Paul Beck, der für den Heimatverein gearbeitet hatte, und eine Flirtmaschine war. Dazu gesellten sich zwei verliebte Touristen aus Deutschland, die den Liechtensteinweg abliefen und ausgerechnet auf der Burgruine in der Nähe des Tatorts zelteten - Daniel Meier spielte Thomas Müller und Mia Biedermann seine Freundin Gudrun Schneider. Diese beiden sorgten zudem für aufregende Neuigkeiten, die der Geschichte eine neue Wendung gaben.  

Und wer war es denn nun?

Alles war improvisiert, nichts vorher abgesprochen. Und so musste sich jede Darstellerin, jeder Darsteller immer wieder aufs Neue im wahrsten Sinne des Wortes in Szene setzen. Jedes aus dem Stegreif erfundene Detail trieb die Geschichte voran und niemand wusste, wohin es geht. Da ist Improvisationstalent gefragt und schnelles Denken. Und bei alledem darf die einmal eingeführte Figur mit ihren Eigenheiten nicht vergessen werden. Denn das ist der rote Faden für das Publikum, das übrigens regen Anteil am Geschehen nahm. So durfte es sogar beim Schlussverhör noch Fragen an die einzelnen Personen stellen, um so den Täter/die Täterin zu entlarven. Die Zuschauerinnen und Zuschauer nutzten diese Gelegenheit, stellten damit aber auch die Akteure noch einmal auf eine harte Probe. Zum Schluss bestimmte das Publikum durch seinen Applaus den Täter/die Täterin. Und damit wurde die jeweilige Person noch einmal herausgefordert, denn sie musste die Erzählung des Tathergangs schildern. Für die Live-Filmmusik sorgte den ganzen Abend Susanne Hanke. Genau für diese frische Art des Theaterspielens steht die Truppe der Kreativ-Akademie. Sie sind Meister des Stegreifs, der Improvisation und des Spaßes. Wer aufregendes und überraschendes Theater mag, ist hier goldrichtig. 

Weitere neue Folgen des „Tatörtlis“:
Jeweils freitags 22. März, 19. April, 24. Mai und 28. Juni um 19. 30 Uhr
Im Technopark Vaduz
https://kreativakademie.li