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Silvia Thurner · 23. Feb 2024 · Musik

Dornbirn Klassik bot ein eindrückliches Erlebnis

Franziska Hölscher (Violine), Danae Dörken (Klavier) und das Minguet Quartett musizierten mit viel Ausdruckskraft

Beim vierten Abonnementkonzert von Dornbirn Klassik führten die Musiker:innen des Minguet Quartetts sowie Franziska Hölscher (Violine) und Danae Dörken (Klavier) das Publikum in aufwühlende Gefühlswelten, in deren Mittelpunkt unter anderem die „Kreutzersonate“ von Leo Tolstoi stand. Den Höhepunkt bildete das selten zu hörende Konzert für Klavier, Violine und Streichquartett, op. 21 des französischen Komponisten Ernest Chausson. Enthusiastisch stellten die Musiker:innen dieses gigantische Kammermusikwerk mit orchestralen Zügen in den Raum des Dornbirn Kulturhauses.

Werke des französischen Komponisten Ernest Chausson finden sich selten auf Konzertprogrammen. Eine besondere Stellung nimmt das Konzert für Klavier, Violine und Streichquartett ein, weil es einerseits in Kammermusikbesetzung komponiert ist und andererseits durch die spätromantisch aufgewühlte, teilweise an Wagner orientierte Klangsprache, orchestrale Charaktereigenschaften aufweist. Auf engem Raum sind vielfältige Ausdruckscharaktere zusammengefügt, sie reichen von liedartigen introvertierten Passagen über Abschnitte, die an Filmmusik denken lassen, bis zu orchestral aufgefächerten Linien spätromantischer Dramatik. Spannende Instrumentalfarben ergaben die unterschiedlichen Besetzungen. Zwischen der Solovioline und dem ständig präsenten Klavier entfalteten sich intime Dialoge. Das Streichquartett agierte als Partner für das Soloinstrument, verbündete sich zeitweise im Quintett mit dem Klavier und agierte als Streichquartett oder ersetzte ein ganzes Streichorchester. Genau diese Eigenschaften kristallisierten die hervorragenden Musiker:innen vielschichtig und mit großem gegenseitigem Einverständnis heraus, sodass sich eine atemberaubende Werkdeutung entwickelte. Ankerpunkte stellten die unruhigen Ecksätze mit den symbolisch eingesetzten Tonsignalen und chromatisch gegenläufigen melodischen Linien. In den Mittelsätzen, einer wiegenden Sicilienne sowie einem Grave, loteten Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Aida-Carmen Soanea und Mathias Diener sowie Franziska Hölscher und Danae Dörken die emotionalen Gegenwelten vielsagend aus. Dabei formten sie die musikalischen Themen und Motive plastisch und entwickelten mit ihrer Musizierhaltung eindringliche Bilder, die Assoziationen „von der Wiege“ (in der Sicilienne) „bis zur Bahre“ (im Grave) weckten. Im Finale kam vorrangig der dominante Klavierpart, der das gesamte Stück virtuos trug, in den Wechselspielen mit den Streichern zur Geltung.

Aussagekräftige Dramatik

Das erste Streichquartett von Leoš Janáček formte das ausgezeichnet aufeinander abgestimmte Minguet Quartett mit viel Aussagekraft. Die vier Musiker:innen entfalteten dichte kommunikative Muster, die die geschilderte emotionale Dramatik unmittelbar zur Geltung brachte. Die durchbrochenen Linienführungen, in denen sich die Stimmen gegenseitig ins Wort fielen und die „zornigen“ Einwürfe im dichten Klanggeschehen entfalteten eine beklemmende Wirkung. Zwar wollte Janáček seine Musik, in Anlehnung an die dramatische Geschichte der „Kreutzersonate“ von Leo Tolstoi, nicht programmatisch verstanden wissen. Doch das Minguet Quartett schuf vielschichtige Beziehungen zwischen den Instrumenten und setzte die im Text erzählten Zerwürfnisse der Eheleute mit einer intensiven Klanggebung und der präsent aufeinander bezogenen Spielart emotional in Szene.
Mit der Kreutzersonate, op. 47 von Ludwig van Beethoven leiteten Franziska Hölscher und Danae Dörken den vielsagenden Konzertabend ein. Zuerst schien es, als ob die Musikerinnen im Hinblick auf die Klanggebung der Violine und des Klaviers unterschiedliche Vorstellungen assoziierten. Doch die kongruent ausgestalteten Tonlinien entwickelten bis zum Presto-Finale hin einen enormen Drive und die Virtuosität der Musikerinnen begeisterte.