„Wir sammeln nachts jeden Tropfen Wasser.“
Herausforderung Alpwirtschaft: Noch nie war Wasser auf der Alpe so kostbar wie diesen Sommer.
„Im Rückblick betrachtet, war es ein guter Alpsommer“, schreibt Landesrat Christian Gantner im Mai 2026 im Vorwort der Vorarlberger Alpstatistik für den Alpsommer 2025. Fest steht bereits: Sein nächster Rückblick wird anders aussehen. 2026 wird kaum als guter Alpsommer in Erinnerung bleiben.
„Wir kämpfen in einigen Gebieten mit der Wasserversorgung“, sagt Christoph Freuis vom Vorarlberger Alpwirtschaftsverein. Die Wirtschaftlichkeit der Alpen sei insgesamt ein Thema. Freuis nennt Kosten für Personal, Wegeerhalt, Bauten und Energie als besonders fordernd. Langfristige Trends würden sich fortsetzen. Das heißt: weniger bewirtschaftete Alpen (2025 waren es 513), weniger Tiere (auch seuchenbedingt), weniger Milchvieh, das den Sommer im Hochgebirge verbringt. 2025 waren das rund 40.000 Tiere, davon 8.000 Milchkühe. „Die Alpen leiden darunter, dass bei Betrieben im Tal die eine oder andere Stalltüre zugeht“, sagt Freuis.
Der Dornbirner Bergbauer Martin Hager (43) ist einer von insgesamt 1.062 Vorarlberger Älpler:innen. Das letztes Jahr geführte Interview („Was wir tun, tun wir nicht für uns.“, s. KULTUR Juli/August ’25 oder www.kulturzeitschrift.at) fand auch überregional Beachtung. Ein Jahr später erreichen wir ihn erneut telefonisch – auf der Alpe Binnel am Hohen Freschen, wo die Ferien über auch seine Frau Ilse (42) und die drei gemeinsamen Kinder mitarbeiten. Ein Gespräch über den trockensten Alpsommer seit Generationen, Wassermanagement und die Zukunft der Alpwirtschaft.
Thomas Weber: Du bist seit Ende April auf der Alp. Wie unterscheidet sich der Almsommer 2026 von den vergangenen Jahren?
Martin Hager: Doch markant. Wir haben in den vergangenen Jahren schon vieles an Wetterextremen erlebt. 2025 war extrem nass, fast zu nass, heuer haben wir das genaue Gegenteil. Es ist extrem trocken. Der große Unterschied ist: Die Trockenheit geht viel stärker an die Substanz von Tieren und Betrieb. Wir spüren nicht nur die Trockenheit, sondern haben oft bereits ein trockenes Frühjahr und zusätzlich schneearme Winter. Das ändert einiges: Wir haben zum Beispiel eine Weidefläche, die ist seit Jahrzehnten die Schlechtwetterweide schlechthin. Sie liegt tiefer, ist windgeschützt, auch viele Bäume schützen bei Regen. Bislang war Wasser dort nie ein Thema. Gestern war es das allererste Mal überhaupt, dass ich die Tiere von dieser Weide hinauf zur Tränke treiben musste, weil es unten einfach kein Wasser mehr gibt. Und heute Früh sind alle Rinder selbständig um 9 Uhr zur Hütte gepilgert, weil es hier zu saufen gibt.
Wassermanagement bestimmt den Almalltag
Weber: Mitte Juli hast du einen Helikopter gemietet, um zusätzliche Wassercontainer auf die Alp fliegen zu lassen. Warum war das notwendig – und wie angespannt ist die Wassersituation im Hochgebirge inzwischen?
Hager: Der Wasserverbrauch variiert sehr und steigt mit jedem Grad mehr an Temperatur und höherer Luftfeuchtigkeit und Schwüle. An manchen Tagen brauchen wir 4.000 bis 5.000 Liter Wasser. Unser Hüttenbrunnen liefert uns noch 200 Liter täglich, mehr kommt da nicht mehr. Er reicht also für einen Haushalt und ein paar Viecher. Wenn jeder Mensch auf der Alp so viel Wasser verbrauchen würde, wie im österreichischen Durchschnitt, würde er nicht einmal für zwei Personen reichen. Quellen, die wir brauchen, damit unsere Tiere genug zu trinken haben, liegen teilweise im gefährlichen Gelände außerhalb der Zäune. Wir brauchen Tanks und Pumpen, um das Wasser zu den Tieren zu pumpen und Tränken mit Wasserschwimmer, damit über Nacht kein Tropfen nutzlos davonrinnt. Früher ist das Wasser durchgehend abgelaufen. Jetzt haben wir überall Tanks, um nachts jeden Tropfen Wasser aufzusammeln.
Weber: Ein Hubschrauberflug kostet viel Geld. Wie rechtfertigst du solche Investitionen?
Hager: Wem gegenüber? Mir selbst gegenüber ganz genauso wie ich es rechtfertige, dass wir die Alp überhaupt bewirtschaften. Wenn wir sie weiterhin bewirtschaften wollen, müssen wir uns ans sich ändernde Klima anpassen – allein aus Verantwortung gegenüber unseren Tieren und den Tieren, die uns andere Bauern anvertraut haben. Egal ob wir nach einem Unwetter Wege wieder instand setzen, neue Tränken besorgen oder einen Hubschrauber bezahlen: Alpwirtschaft ist summa summarum ein Defizitgeschäft.
Weber: Wassermanagement ist längst ein zentraler Teil der Alpwirtschaft geworden. Wie viel zusätzliche Arbeit und Zeit fließen heute allein in die Wasserversorgung?
Hager: Heuer – oje !– pro Tag im Schnitt vier bis fünf Stunden zusätzlich seit Anfang Juni. Wir müssen ja außerdem die Tiere zu den Tränken treiben.
Weber: In vielen Regionen Österreichs fehlt wegen der Trockenheit Grünfutter und Heu. Wie ist die Lage bei euch auf der Alp – und was hörst du von den Bauernhöfen im Tal, deren Tiere du sömmerst?
Hager: Bei uns auf der Alpe ist das Futterangebot noch gut. Das resultiert daher, dass unsere Weideflächen auf unterschiedlichen Höhen liegen. Wir beginnen mit der unteren Alpe und ziehen höher hinauf. Anders als sonst wachsen die Flächen heuer nicht mehr nach. Wir reizen den Sommer auf der Hochalpe deshalb aus. Wir werden länger oben bleiben, dafür weniger Zeit unten verbringen, weil dort nichts mehr nachgewachsen ist. Bei uns ist also nicht das Futter das Problem, sondern das Wasser. Anfang August ist das Futter natürlich alt. Wir haben hauptsächlich Mutterkühe und Mastrinder, gemolken wird nur für den Eigenbedarf. Die Milchmenge geht rapide zurück. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auf anderen Alpen besser ist. Im Tal gibt es das gleiche Dilemma: Die Erntemengen sind heuer geringer, weitaus nicht so dramatisch wie in anderen Regionen Österreichs. Aber 20 Prozent weniger Futter bedeutet, dass wir dementsprechend weniger Tiere über den Winter bringen. Im Herbst ist Schlachten angesagt. Kalbinnen und Ochsen kommen bereits im Herbst an die Reihe und nicht, wie sonst, über den Winter verteilt. Manche Kälber werden wir nicht mehr zu Ochsen ausmästen, sondern gleich schlachten und auch die eine oder andere Kuh wird ihr Leben lassen müssen. Es wird weniger Fleisch geben. Wir sind ja ein kleiner Betrieb. Wir werden wohl mit einem Viertel oder einem Drittel weniger Tieren als sonst überwintern.
Trockenheit verändert Mensch, Tier und Landschaft
Weber: Merkt man den Klimawandel eigentlich auch den Tieren an? Verhalten sich Rinder oder Schafe in heißen, trockenen Sommern anders?
Hager: Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Trocken- und Nässeperioden. Für ein Rind verursacht alles über 25 Grad Celsius schnell Hitzestress. Jetzt gerade (das Telefonat findet Anfang August zur Mittagszeit statt, Anm.) haben wir auf 1.700 Metern knapp 30 Grad. Da fressen die Tiere nicht so gerne, setzen weniger Fleisch an, saufen viel mehr und Ungeziefer beschäftigt sie weit stärker als bei kühler Witterung. Ist es normal feucht, sind die Rinder viel unterwegs. Ist es sehr nass, stehen sie stundenlang unter Bäumen. Wenn es, wie jetzt, extrem heiß ist, stehen sie oft dicht an dicht in der brütenden Hitze. Die setzt ihnen zwar zu, aber in der Hitze ist das Ungeziefer weniger lästig. Bei Hitze verlagern sich die Fresszeiten, die Tiere sind sehr früh unterwegs, dann bis in den späten Nachmittag träge und danach bis tief in die Nacht hinein unterwegs. Die tägliche Tierkontrolle ist zwar selbstverständlich bei uns. Es verursacht aber zusätzlichen Aufwand, wenn ich schauen muss, dass jedes Vieh getrunken hat.
Weber: Verändert sich auch die Vegetation? Gibt es Pflanzen, die verschwinden, andere, die neu auftauchen, oder Weideflächen, die sich grundlegend verändern?
Hager: Das Angebot in Summe – also die Menge an Grünmasse – steigt permanent. Die Vegetationsperiode wird länger. Die Waldgrenze steigt. Die Kampfzone des Waldes reicht mittlerweile bis auf 2.000 Meter hinauf. Insgesamt brauchen wir heute einen höheren Viehbesatz als vor 20 Jahren, um die Alpe sauber abzuweiden und dafür zu sorgen, dass sie nicht verbuscht.
Weber: Im Osten Österreichs richten Jäger Wildtränken ein. Wie kommen Wildtiere im Hochgebirge mit der Trockenheit zurecht?
Hager: Im alpinen Gelände gibt es für Wildtiere genügend Wasser, wobei sie teilweise weite Wege zurücklegen müssen. Bei uns auf der Alpe entspringt die Dornbirner Ache. In ihrem Ursprung ist sie derzeit ausgetrocknet. Aber es gibt immer wieder Lacken, wo sich Wasser sammelt. Die Gams lebt wochenlang problemlos vom Tau, auch unsere Schafe haben bis vor einer Woche von einem Schneefeld gelebt. Wobei das Schneefeld früher den ganzen Sommer da war, jetzt ist es zur Hälfte des Sommers dahin.
Weber: Anfang August wurde im Montafon ein Jungrind von einem Wolf gerissen, im Allgäu sorgte ein vermeintlicher Bär für Aufregung. Welche Rolle spielen Wolf, Luchs und Bär heute im Alltag eines Älplers?
Hager: Ein Wolf in der Gegend versetzt eine Alpe in Ausnahmezustand. Wir hatten das vor zwei Jahren auf der Nachbaralp. Da musst du einem Kind gut erklären, warum es überhaupt hinausgehen soll, wenn es jederzeit wo Kadaver finden kann. Wenn wir eine Alpwirtschaft wollen, werden wir diese Tiere managen müssen. Da geht’s nicht ums Ausrotten. Beim Fuchs sind alle froh, dass welche erlegt werden. Auch das Tamtam um die anderen, erst wieder zurückgekehrten Raubtiere gibt es nur, weil wir im Überfluss leben.
„Lieber Menschen als noch 100 Sensoren“
Weber: Die Alp gilt vielen als Gegenwelt zur digitalen Gesellschaft. Gleichzeitig organisiert ihr Vermarktung und Kommunikation über WhatsApp und Instagram. Wie digital ist ein Alpbetrieb heute?
Hager: Schon ziemlich. Man kann sich heute vieles auch nicht mehr anders vorstellen. Die große Errungenschaft war vor 25 Jahren das erste Mobiltelefon. Früher haben jeden Samstag Bekannte den Einkauf zur Materialseilbahn gebracht, hochbefördert und wir haben ihn von dort 1,7 Kilometer zu Fuß oder per Pferd zur Alpe gebracht. Im Gegenzug hast du die Bestellung für den darauffolgenden Samstag ins Tal befördert. Wir haben ein paar Tiere besendert, vor allem Schafe und Ziegen, um zu wissen, wo sich die Herde bewegt. Sämtliche Tränken habe ich mit Wildkameras versehen, um schauen zu können, ob Wasser zur Verfügung ist. Alle unsere Aufzeichnungspflichten sind digital zu erfüllen. Ist ein Rind verletzt und muss ins Tal geholt werden, muss ich das binnen weniger Tage melden. Punkto Digitalisierung sind wir mit Fluch und Segen gut dabei.
Weber: Immer mehr Landwirte setzen auf Drohnen, Sensoren oder Satelliteninternet. Welche Technologien könnten die Alpwirtschaft in den nächsten zehn Jahren wirklich verändern – und welche sind bloß Spielerei?
Hager: Meine Güte, keine Ahnung. Das verändert sich alles so rasant. Wenn mir vor 10 Jahren wer gesagt hätte, dass ich selbst Tiere besendern oder Tränken mit Kameras überwachen werde, hätte ich gesagt: Er hat einen Knall. Drohnen für Lastentransporte wären vielleicht eine wünschenswerte Sache. Romantiker werfen uns manchmal vor, Alpen wären hochtechnisiert. Ich frag mich: Warum soll die Alp nicht dieselben Fortschritte mitmachen wie alles unten im Tal? Die Alp ist ein Lebens- und ein Wirtschaftsraum. Wir leben hier, erhalten Landschaft und produzieren Lebensmittel. Warum soll das nur wegen der Seehöhe wie im Mittelalter laufen? Was ich mir mehr als jede Technik wünschen würde, wäre wieder Wertschätzung für Lebensmittel. So, dass wir Personal fair entlohnen können und natürlich auch, dass es überhaupt Personal gibt. Es gibt zwar zum Glück Leute, die gern in ihrer Freizeit mithelfen und das als sinnvolles Workout sehen. Den Job wirklich machen, das wollen die wenigsten. Lieber als nochmal 100 Sensoren sind mir Menschen, die mitarbeiten wollen.
An die Natur anpassen statt langfristig planen
Weber: Vor gut einem Jahr habt ihr den Verein „Kultur-Lebens-Raum“ gegründet. Wie hat sich das Projekt entwickelt? Was haben die Freiwilligen bisher bewirken können?
Hager: Ganz gut, würde ich sagen. Der Mitgliederstand liegt bei ca. 60 Personen. 2025 hatten wir vier organisierte Einsatztage, heuer auch. An einem Samstag im Juli waren wir mit 12 Leuten einen ganzen Tag bei der Weidepflege im Einsatz. Wir haben Gestrüpp und kleine Bäume entfernt, damit die Weiden nicht verbuschen, sondern offen bleiben. Im Frühling haben wir gemeinsam einen Steilhang von Steinen befreit, die über Jahre aus höhergelegenen Regionen runtergefallen waren. Das hat genau das bewirkt, was wir wollen: Die Landschaft wird erhalten und es gibt aktive Bewusstseinsbildung, was hinter all der Arbeit steckt. Aus einigen aktiven Mitgliedern haben sich auch Menschen herauskristallisiert, die zusätzlich kommen und mithelfen. Das ist eine super Energie. Nichtsdestotrotz: Wir freuen uns über jedes neue Mitglied.
Weber: Wenn du heute eine Alp mit dem Wissen von 2026 völlig neu planen würdest: Was würdest du anders machen?
Hager: Du kannst nichts anderes machen, als dich bestmöglich an die Natur anzupassen. Wirklich planen – so wie man das in der modernen kapitalistischen Welt mit Machbarkeitsstudien und langfristigen Plänen macht – lässt sich das nicht. Das Wassermanagement wird uns weiter beschäftigen. Mein größter Wunsch wäre ein 100-Kubikmeter-Wasserspeicher. Aber das ist finanziell nicht stemmbar. Vielleicht gewinnen Alpflächen auch wieder an Bedeutung, wenn Dürren zunehmen. Wenn ich mir ansehe, was im Osten Österreichs abgeht oder in anderen Regionen Europas, dann denke ich daran, dass wir in Österreich fast 9 Millionen Menschen zu versorgen haben und stark von Importen abhängen. In Vorarlberg sogar besonders. Wir haben genug Milch, solange der Kraftfutterimport gewährleistet ist. Reißt der ab, dann haben wir in Vorarlberg von allem zu wenig.
Weber: Was gibt dir die Kraft, jedes Jahr wieder auf die Alp zu gehen? Wünschst du dir, dass eines der Kinder eure Geschichte einmal fortsetzt?
Hager: Keine Ahnung. Wir bewirtschaften die Alpe in dritter Generation. Es gibt einem Kraft und Ansporn, das so weiterzuführen, dass auch nachfolgende Generationen eine Lebensgrundlage damit haben. Unsere drei Kinder sind 16, 13 und 11 Jahre alt. Wie sich deren Lebensweg gestaltet, weiß niemand. Wenn das alles jemand von ihnen weiterführt, freut es uns natürlich. Wenn nicht, dann ist es auch okay. Wir erhalten einen Kulturlebensraum für die nächsten Generationen. Ob das unsere eigenen Kinder sind, ist zweitrangig.
Thomas Weber ist Gründer und Herausgeber von BIORAMA (Magazin für nachhaltigen Lebensstil) und verantwortet die im Residenz Verlag erscheinende Buchreihe „Leben auf Sicht“. Er lebt im Marchfeld vor Wien, ist Mitglied im Verein zum Erhalt des Kulturlebensraums der Alpen Haslach und Binnel und schreibt Kolumnen und Gastkommentare für „Die Presse“ und die „Bauernzeitung“.
www.kultur-lebens-raum.at
Das erwähnte Interview vom Sommer 2025 finden Sie auf www.kulturzeitschrift.at/kritiken/was-wir-tun-tun-wir-nicht-fuer-uns
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.