Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Peter Füssl · 01. Sep 2026 · CD-Tipp

Phoebe Bridgers: Lost Weekend

Von Schnellschüssen hält die mittlerweile 32-jährige Phoebe Bridgers ganz offensichtlich nichts, denn ihr fabelhaftes letztes, mehrfach Grammy-nominiertes Album „Punisher“ ist schon vor sechs Jahren erschienen, und es ist auch schon wieder zwei Jahre her, dass sie für ihre Aktivitäten mit der aus drei Singer-Songwriterinnen zusammengesetzten Supergroup boygenius (gemeinsam mit Lucy Dacus und Julien Baker) tatsächlich drei Grammys einheimste und für eine Kooperation mit der R’n’B-Sängerin SZA gleich nochmals eine der begehrten Trophäen mit nach Hause nehmen durfte. Auch ihr drittes, soeben erschienenes Studioalbum „Lost Weekend“ hat wie eine Bombe eingeschlagen.

Bei den Kritiker:innen der internationalen Musikmagazine, die Höchstwertungen verteilten, in den Feuilletons der Qualitätsmedien und bei den Fans, die für die anstehende Arena-Tour durch die USA, Großbritannien, Irland und ein paar ausgewählte Städte auf dem europäischen Festland innerhalb von drei Tagen 500.000 Tickets kauften. Die 16 Titel wurden mit einem Großaufgebot an einschlägigen Fachleuten aufgenommen, neben rund 40 Musiker:innen sind als Produzenten Jack Antonoff, Tony Berg, Ethan Gruska, Alex G, Bo Burnham und Cameron Winter unter den Credits zu finden. Dennoch wirkt alles wie aus einem Guss. Musikalisch betrachtet hat Phoebe Bridgers ihren Mix aus Alternative Folk, Pop und Indie-Rock verfeinert und mit Electronics und Ambient-Elementen angereichert. Dabei stützt die Musik nicht nur Singer-Songwriter-mäßig die Texte, sondern zaubert auch kleine Stimmungsbilder, die durchaus ein Eigenleben führen können. Von den Themen her dominieren Liebe und Verlust das Geschehen.


 

 


Das Album ist ihrem 2022 verstorbenen Vater Tony Bridgers, der ihr sehr nahestand, gewidmet, dessen Tod im Song „Still Standing“ einerseits mit großer Trauer über den Verlust, andererseits aber auch mit Hinweisen auf häusliche Gewalt thematisiert wird. Zwiespältige Verhältnisse sind für die Singer-Songwriterin aus Los Angeles zu den Männern im Allgemeinen und zu ihren Lovern im Besonderen nichts Außergewöhnliches. So belächelt sie in der erfolgreichen Vorab-Single zum Album „Lost Boys, never grow up, never go home / Lost boys, never give up, never get old“ und präsentiert sich im dazugehörenden Video als Elfenprinzessin inmitten einer auf Motorrädern fahrenden Horde von martialischen Schwertkämpfern in Ritterrüstungen. Bridgers schöpft ihre Themen aus dem Leben, bleibt immer kritisch und widerständig, teilt aus und steckt ein, ironisch und durchaus auch selbstironisch. „Crying in a suit and tie / But you should see the other guy“ heißt es etwa im Opener „The Outside“, in dem es um die Beerdigung ihres Vaters geht und der mit Störgeräuschen und einer kurzen Vocoder-Passage (glücklicherweise der einzigen des Albums) beginnt, aber rasch in den typischen Bridgers-Gesang übergeht. „Kill Me“ ist einer dieser zerrissenen, mit Gitarre und orchestralen Einwürfen inszenierten Love-Songs, in dem ihre neue große Liebe, der Stand-up-Comedian, Schauspieler und Musiker Bo Burnham, namentlich genannt wird. Im üppig instrumentierten, rockigen „Bobby“ wird ihm diese Ehre nochmals zuteil, die Euphorie hat bei Bridgers aber immer auch eine Kehrseite: „Bobby / This could be the end of wanting / I exist only if you’re watching“ – der Ausklang mit einsamen Synthie-Wölkchen und zufällig aufgenommenem Wortgeplätscher von einem Anrufbeantworter markiert dann wohl ein offenes Ende. Ähnlich zwiespältig wird diese Liebe auch in „Liberty Tree“ verhandelt: „Don’t die, Bobby, before I die / It feels so good to have you in my life“ – diesmal mit Engelschören zum Ausklang. Der Titelsong „Lost Weekend“ beginnt mit dramatischen Orgeltönen, was gleich klar macht, dass es hier trotz Bridgers zärtlich klingender Stimme um das Ende einer tragischen Liebesgeschichte geht: „I loved you and you couldn‘t forgive me for that (...) You know me, and I’ll never forgive you for that“ – dass der Sound förmlich explodiert und abrupt abbricht, macht die Sache noch eindeutiger. Von der Thematik her ähnlich gelagert ist der mit Fiddle, Mandoline, Akustikgitarre und Peal Steel Guitar bestückte Country-Song „Haunted“, über den sich boygenius-Fans freuen werden, weil Lucy Dacus und Julien Baker (wie auch schon bei „Lost Boys“) mitwirken. Man könnte bei diesem musikalisch und textlich facettenreichen Album jeden einzelnen Song besprechen, letztlich ist „Lost Weekend“ aber ein vielschichtiges Kunstwerk, das man auch ohne großes Vorwissen einfach genießen kann.

(Dead Oceans/Cargo)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.