Thomas Gansch – Mastermind, Trompeter, Moderator, Entertainer
Silvia Thurner · 12. Jul 2024 · Musik

William Youn bei der Schubertiade – natürlich und ausdrucksstark

Schubert-Sonaten geistreich und sensibel interpretiert

In den Jahren 2020, 2021 und 2022 hat der aus Korea stammende, in Deutschland lebende Pianist William Youn mit einer Gesamtaufnahme der Schubertsonaten bei Sony Classics viel Anerkennung gefunden. Auch im Rahmen der Schubertiade ließ er bereits als Schubert-Interpret aufhorchen. Nun live Schuberts erste Sonate D 157, eine aus der mittleren Schaffensphase (D 784) sowie eine späte Sonate (D 850) im Markus Sittikus Saal zu hören, war ein inspirierendes Erlebnis. Youns sensible Anschlagskultur und die faszinierend detailreich ausgeformten Themenführungen und Motive sowie die Wirkmacht der harmonischen Farben zogen die Zuhörenden in ihren Bann und hinterließen einen großen Eindruck.

Die Werkauswahl der drei Schubert-Sonaten ermöglichte neben der Interpretationskunst des sympathischen Pianisten auch Einblicke, in welcher Art sich Schubert mit der Gattung der Klaviersonate auseinandergesetzt hat. Beginnend mit der ersten Sonate, waren die Vorbilder, primär von W.A. Mozart nachvollziehbar. Die perlenden Läufe hin zu den harmonischen Stützpunkten setzte William Youn feinsinnig und klar dar. Die harmonischen Pfeiler beinhalteten zahlreiche überraschende Wendungen und illustrierten die individuelle Sicht auf harmonische Modulationen des 18-jährigen Komponisten.
William Youn spielte den Eröffnungssatz mit ziemlich viel Pedal. Doch danach pendelte sich der Klang sehr präzise und vielgestaltig ein. Die schlichte Melodie des Andante zelebrierte der Pianist und er ließ sich viel Zeit, um auch die Stille und die flächige Weite der Musik zur Geltung zu bringen. Elegant strukturiert erklangen die Farben im Menuetto und mit dem eindeutig gesetzten Schlusston ließ William Youn keinen Zweifel daran, dass diesem Satz noch ein Finale hätte folgen sollen, das Schubert jedoch nicht mehr komponiert hat.
Einen ganz anderen Duktus als die E-Dur Sonate nahm die Sonate in a-Moll (D 784) aus dem Jahr 1822 an. In diesem Werk betonte William Youn unter anderem die wunderbar vielschichtig ausgeformten Nah- und Fernverhältnisse, dynamische Kontraste von Pianissimo bis Fortissimo, Nachklänge und schwebende Themencharaktere. Viel ließe sich über Einzelheiten der Werkdeutung berichten. Einen besonderen Eindruck hinterließ im Eröffnungssatz etwa die ,Spiegelung' des Hauptthemas mit der Begleitung zuerst als Fundament und dann in lichten Höhen. Der langsame Satz lebte von den perlenden Akkordzerlegungen und den gut austarierten Gewichtungen.
Virtuose Zustandsbeschreibungen entfaltete William Youn im Finalsatz. Faszinierend kristallisierte er in diesem Abschnitt Schuberts zukunftsweisende Satztechnik heraus. Ebenso formte der Pianist den großen Eröffnungssatz der 1825 entstandenen „Gasteiner Sonate“ (D 850). Hier trieben die Bewegungstypen vorwärts. Markante Töne und Tonmotive wurden wunderbar transparent aus dem Klangfluss heraus gelöst und die harmonischen Farben in Szene gesetzt. Gleichzeitig bildeten die rhythmischen Akzente Angelpunkte im dichten Geschehen.
Die immer leichtgewichtiger werdenden Themengestalten, vom Allegro vivace ausgehend hin zum Rondo, bewirkten zwar eine gewisse Länge. Doch damit wurden beim Zuhören auch Fragen angeregt. Was wollte Schubert damit aussagen? Wollte er sich der damals vorherrschenden Vorgabe widersetzen, dass im Finalsatz der Hauptteil der Aussage stehen sollte? Jedenfalls wies Schubert mit der flächigen und an eine Fantasie angelehnten Themengestaltung auf seine Weise weit in die Zukunft. William Youn ließ die aufmerksam Zuhörenden in der dichten Konzertatmosphäre wunderbar klangsinnlich daran teilhaben.
Mit den beiden für Klavier bearbeiteten Liedern „À Chloris“ und „L'heure exquise“ des französischen Komponisten Reynaldo Hahn dankte der Pianist für den herzlichen Applaus. Die Zugaben finden sich auf Youns kürzlich erschienenem Album Boulanger Fauré Hahn mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Valentin Uryupin – eine Empfehlung.