Neu in den Kinos: „King‘s Land“
Mads Mikkelsen bricht als wortkarger Außenseiter Mitte des 18. Jahrhunderts als Pionier nach Jütland auf, um die dänische Heide urbar zu machen. Erzählt und inszeniert wie ein klassischer Western, warten im Historiendrama auf den ehemaligen Soldaten ein tyrannischer Gutsherr als Widersacher, ein Haufen Gesetzloser, zwei Frauen – und eine fantastisch schöne Landschaft.
Zwischen Entschlossenheit und Verbissenheit ist manchmal schwer zu unterscheiden, aber wenn Mads Mikkelsen als Kriegsveteran Ludvig Kahlen zu Beginn dieses Films im Schloss des dänischen Königs steht – von dem man ironischerweise nur kurz den Rücken zu Gesicht bekommt –, weiß man sofort, dass der Soldat seinen Plan nicht aufgeben wird. „King‘s Land“ heißt im Original „Bastarden“, denn Kahlen, der viele Jahre im deutschen Heer gekämpft hat, ist ein solcher Bastard: Kind einer Magd und eines Gutsherrn. „Er war mein Vater, aber ich nicht sein Sohn“, sagt Kahlen später im Film. Ein Lebensschicksal. Sein schier übermenschlicher Kampf, die dänische Heide zu kultivieren, ist deshalb einem einzigen Ziel geschuldet: Kahlen möchte, wenn ihm die Kultivierung des bislang unberührten Landstrichs gelingt, als Belohnung einen Adelstitel.
Kaum eine Szene in diesem Film kommt ohne Mads Mikkelsen aus. Immer wieder sieht man sein Gesicht in Großaufnahme. Und wie fast immer blicken die wasserblauen Augen ruhig und konzentriert von der Leinwand, fällt dem dänischen Starschauspieler nach wie vor gerne mal eine Strähne in die Stirn. Und doch hat sich merklich etwas verändert in diesem Gesicht, das, wie es so schön heißt, von der Kamera geliebt wird: In „King‘s Land“ schaut Mikkelsen zum ersten Mal als hagerer Mann mit Falten und zugekniffenen Augen in die Landschaft. Als ob hinter der bekannten Entschlossenheit, die seine Charaktere stets auszeichnet, eine Müdigkeit erkennbar wäre.
Die Heide ist Kahlen jedenfalls egal, die Siedler, die ihm später folgen sollen, ebenso. Kahlen findet die richtige Stelle und beginnt die Erde umzugraben. Ein kleiner Flecken, auf dem etwas gedeihen könnte. Er ist ein Pionier wie in einem Western, und tatsächlich erinnert nicht nur die Erzählung an das amerikanische Genre par excellence, sondern inszeniert Regisseur Nikolaj Arcel („Die Königin und ihr Leibarzt“) sein Historiendrama entlang klassischer Westernmotive.
Im Feindesland
Obwohl Kahlen mit einem Brief des Königs ausgestattet ist, der ihm die Urbarmachung erlaubt, sieht er sich bald einem reichen Gutsherrn gegenüber, der das Niemandsland als sein Eigentum betrachtet. Dass der Konflikt nach mehreren Überredungsversuchen und brutalen Einschüchterungen eskalieren wird, steht außer Frage, ebenso dass der tyrannische Adelige keinesfalls seine Kusine, die ein Auge auf Kahlen geworfen hat, heiraten sollte.
Während die Erzählung also ihren erwartbaren Gang nimmt – ein bei Gesetzlosen im Wald lebendes Mädchen lässt bei Kahlen gar den Wunsch nach einer Kleinfamilie wach werden –, ist der eigentliche Star des Films neben Mikkelsen die dänische Landschaft. Kameramann Rasmus Videbæk, langjähriger Weggefährte Nikolaj Arcels bei vielen skandinavischen Produktionen, beweist großartiges Gespür für die unterschiedlichen Lichtstimmungen und Witterungen. Heftiger Regen und gleißendes Sonnenlicht, dunkle Innenräume oder auf die erste Ernte fallender Schnee – bei Videbæk gerät die Heide abwechselnd zum Feindesland und zur Seelenlandschaft.
Dass der wortkarge Außenseiter, der im Laufe des Films seinesgleichen um sich schart, am Ende nicht passgenau in die Rolle des einsamen Rächers schlüpft, ist zumindest eine kleine Abkehr von der Konvention. Ein klassisches Westernmotiv kann sich „King‘s Land“ letzten Endes dennoch nicht verkneifen: Held ist nicht derjenige, der härter austeilen, sondern derjenige, der mehr Schläge einstecken kann.
ab 18.7. Kinothek Lustenau