Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall startete sein Abonnement mit einem aussagekräftigen Konzert. Gefeiert wurden unter anderem der Komponist Herbert Willi und die Klarinettistin Sharon Kam.
Peter Füssl · 18. Jul 2024 · CD-Tipp

Smag På Dig Selv: „SPDS“

Wie erfrischend klingt denn das? Albert Holberg bringt die Drums zum Glühen, und Thorbjørn Øllgaard duelliert sich auf Bariton- und Bass-Saxophon mit Tenorsaxophonist Oliver Lauridsen in einem schnurstracks in die Beine fahrenden Mix aus Jazz, Punk und 90-er Jahre Techno Dance Music. „All Magt Til Overførselsindomst (Alle Macht der sozialen Wohlfahrt)“ heißt der Opener des Debütalbums dieses unkonventionellen, in Kopenhagen beheimateten Trios – ein ironisches Loblied auf das dänische Wohlfahrtssystem. Smag På Dig Selv, was in etwa so viel wie „Schmeck dich selber“ heißt, genießen seit einem schweißtreibenden Auftritt beim legendären Roskilde Festival 2022, wo sie das tanzwütige Publikum voll abholten, einen Ruf als exzellente Live-Band.

Diese rohe, unverblümte und ungefilterte Atmosphäre versuchen sie erfolgreich mit den ersten fünf, live in einem Freizeitzentrum in Christiania aufgenommenen Titeln des Albums herüberzubringen. Auch „Hvide Mænd Spiller Afrobeat (Weiße Männer spielen Afrobeat)“ stellt höchste Ansprüche an die Kondition der Tanzwütigen. „Middelklassen Avler Kun Skeletter (Die Mittelschicht züchtet nur Skelette)“ wird erst als Gedicht deklamiert, was für den des Dänischen Unkundigen wie dadaistische Lautmalerei klingt, und anschließend in einen düster stampfenden Soundtrack transferiert. Noch nervenaufreibender ist „Fuck Der Kommer Kontrollører“, der letzte Song des Live-Pulks, geht es doch um das Gefühl, das man hat, wenn man ohne Zugticket unterwegs ist und plötzlich ein Kontrolleur zusteigt. Die nächsten sieben Titel wurden dann mit dem Produzenten Elias Anguyo Arentoft Jensen in traditioneller Studioatmosphäre aufgenommen, was sie aber nicht weniger herausfordernd macht. „PGO HOT 50“ ist eine hochenergetische Verbeugung vor Eurodance und Hardstyle-Techno. Leider gibt es auch den Text zu „Start Et Punkband (Gründe eine Punk Band)“ nur auf Dänisch, denn die paar Brocken, die man versteht, lassen auf einen aktuellen, höchst politischen Inhalt schließen. „PVC“ kommt im Schnellzug-Tempo daher und endet im elektronischen Gewitter, und „Total Full Power Extreme Nuclear Confusion 2000" definiert die Band als Selbstfindungs-Trip nach Goa folgendermaßen: "Du kehrst als zertifizierter Yogi mit Dreadlocks und Buddha-Merch zurück und erzählst allen, wie toll es ist, nichts anderes als Sonnentau, LSD und Psytrance zu essen!“ Zum Abschluss folgen dann zwei aus unterschiedlichen Gründen aus dem restlichen Oeuvre herausragende Werke. „Respektér en lukket dør (Respektiere eine geschlossene Tür)“ ist die ruhigste Nummer und sollte ursprünglich ein ironischer Seitenhieb auf den Nordic Jazz werden, entwickelte aber ein für die Bandmitglieder selber überraschendes Eigenleben. „Ein Kind, das auf dem Rücksitz gezeugt wurde, das niemand so recht wahrhaben will, das aber alle lieben“, lautet die Erklärung der Band dazu. Das letzte Stück „Negirî“ wird durch das Saz-Spiel und den Gesang von Luna Ersahin zu anspruchsvollen Themen wie Frauendasein, Widerständigkeit und Freiheitsstreben zur gelungenen Fusion von Electronic Dance Music und traditioneller kurdischer Musik. Welch ein Finale für dieses außergewöhnliche, permanent unter Speed stehende und sich um keinerlei Genre-Grenzen scherende Album: Ja, das schmeckt uns!

(Stunt Records)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2024 erschienen.