Vom vaginalen Ursprung bis zum flatternden Ende des Seins
Installationen von Kris Lemsalu im Magazin 4 als Ausgangspunkt des Bregenzer Kultursommers
Der Bregenzer Kultursommer unterliegt dieses Jahr ganz dem Motto „Märchenstunde – narrative Elemente und gesellschaftliche Dynamiken“, das anhand von fast zwanzig Beiträgen und Positionen an unterschiedlichen Orten der Bodenseestadt aufbereitet wird. Zentraler Ausgangspunkt des Sommerprogramms ist die Ausstellung „Holy Hell OOO“ der estnischen Künstlerin Kris Lemsalu, die mit zwei schrägen Installationen das Magazin 4 bespielt.
Kris Lemsalu, Jahrgang 1985, zählt spätestens seit ihrem Auftritt an der Biennale von Venedig 2019, als sie den estnischen Pavillon spektakulär gestaltete, zu den Shootingstars der internationalen Kunstszene. Denn mit ihren surrealen Werken trifft sie gleichsam den Nerv der Zeit. Die Künstlerin, die ständig zwischen Wien, Tallinn und New York pendelt, hat in Wien zuletzt mit ihrer fünf Meter großen Skulptur „Chará“, die am Graben aufgestellt war, für Aufmerksamkeit gesorgt. Formaler Ausgangspunkt dafür war ein Rentierkiefer. Monumental aufgeblasen und schrill bemalt erinnert dieses Objekt an eine verzahnte Vagina oder ein überdimensionales Herz, wie man es gerne in den sozialen Medien mit den Fingern formt, oder einfach an ein Portal, das man physisch oder geistig durchschreiten kann. Diese Woche wurde „Chará“ in den Skulpturenpark des Wiener Belvedere versetzt, wo sie die nächsten fünf Jahre zu bestaunen sein wird. Zu dieser inauguralen Neuaufstellung sowie auch zur Ausstellung im Magazin 4 reiste Lemsalu eigens aus Los Angeles an, wo sie derzeit als Schindler-Stipendiatin weilt.
Ursprung der Welt
Im Rahmen ihres Biennale-Beitrags „Birth V – Hi and Bye“ rückte die Künstlerin, die unter anderem bei Monica Bonvicini an der Akademie der bildenden Künste Wien studiert hat, einen Brunnen ins Zentrum des estnischen Pavillons, dem bunte Keramik-Vaginas als Wasserspeier dienten. Auch im Magazin 4 stellt so eine übergroß dimensonierte Vagina aus Keramik einen Blickfang dar. Sie thront über einer nierenförmigen Whirlpool-Wanne, in der gleichsam eine braune „Ursuppe“ blubbert, in die eine puppenhafte Figur einzutauchen scheint. Diese Installation, die den der Ausstellung titelgebenden Namen „Holy Hell OOO“ trägt, erweckt durchaus auch Assoziationen zu Gustave Courbets „Ursprung der Welt“.
Keramik spielt in den materialintensiven Anordnungen der Künstlerin eine wichtige Rolle. Sie produziert die irdenen Objekte denn auch selbst, studierte sie doch ursprünglich in Tallinn Keramik. Diese mithilfe traditioneller Techniken und Methoden hergestellten Objekte kombiniert sie gern mit gefundenen (Natur-)Materialien wie Fellen, Leder, Textilien, Muscheln, Wolle oder Papier und lässt damit fantasiereiche Welten erstehen.
Die zweite Installation im Magazin 4 heißt „Angels Gone Pissing“ und soll darauf verweisen, dass sich die Welt in einem derart desolation Zustand befindet, dass sich sogar die Engel davon abwenden. Und die mit Stoffen geformten Seelen scheinen orientierungslos im Raum zu schweben.
Die multimedial angelegten Installationen von Lemsalu zeugen von Liebe zum Detail und sind durchaus gesellschafts- und sozialkritisch ausgerichtet. Und sie lenken den Blick auf die Spannungen zwischen Genderpolitik, Kunstproduktion, Natur und Kunsthandwerk. Dass es der Bregenzer Kulturserviceleiterin Judith Reichart gelungen ist, mit Kris Lemsalu wieder einmal einen „Topshot“ ins Ländle zu lotsen, ist nicht zuletzt Jürgen Weishäupl geschuldet, der die Künstlerin seit Jahren kennt und diese Ausstellung im Magazin 4 anregte und auch kuratiert.
Trotz aller Kritik, die Lemsalu anhand ihrer installativen Formationen anklingen lässt, steht bei ihr doch immer das Augenzwinkernde im Vordergrund. Die humorige Schrägheit ihres Werkes erinnert mitunter an die Gruppe Gelatin, mit der sie auch schon mehrfach zusammengearbeitet hat.
Insgesamt ist die Schau im Magazin 4 als ritueller Ereignisraum konzipiert, in dem die für die Künstlerin wichtigen Themen Geburt, Tod und das Dazwischen verhandelt werden. Trotz der dabei mittransportierten Kritiken ist „Holy Hell OOO“ auch ein Hoffnungsraum, der zum Innehalten motivieren will. Schwemmhölzer, die Lemsalu aus dem Bodensee gefischt und Ikebana-artig im Raum verteilt hat, können auch als Ruheplätze genutzt werden.
Das Narrativ als zentrales Element des Kultursommers
Neben der Lemsalu-Schau als Ausgangspunkt ist der diesjährige Bregenzer Kultursommer geprägt von Erzählungen klassischer Märchen, Diskursen zur Glaubensgeschichte der Menschheit, zeitgenössischen, urbanen Mythen und aktuellen Diskussionen. So zeichnet etwa Michaela Konrad im Martinsturm in ihrer erzählerischen Bildsprache im Pop-Art-Stil eine düstere Zukunft, in der beispielsweise Blumen von Roboterbienen bestäubt werden. Im DWDS (Die Wiedergeburt des Schaufensters) zeigt Ivo Vögel zum Thema „Mythos Kunstwald“ Fotografien aus der Vogelperspektive, Birgit Konzett gemalte abstrakte Interpretationen des Waldes und Michaela Ortner-Moosbrugger detailreiche Tuschezeichnungen von Licht- und Schattenspielen in der Natur. Linus Barta wiederum erweitert in der Pfarrkirche Herz Jesu in seiner installativen Arbeit „Made in China“ seine Malerei quasi zu einer überdimensionalen Skulptur. Weitere Beiträge kommen von Ulli Knall und Ursula Hillbrand, Haemmerle | Klamm, Rubi Juarez, Michael Köhlmeier, Klaus Lutz, Peter Krawagna, Daniel Rendón Guerrero (Data), Ursula Sabatin, Giacomo Calabrese, Tomáš Vtípil und Stark Alexander. Aber auch das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung, WGN (Wagen.Projects), das Filmforum Bregenz und die Stadtbücherei Bregenz sind ebenfalls Teil des Bregenzer Kultursommers.
Der Bregenzer Kultursommer startet offiziell am 14. Juli. Die meisten Ausstellungen dauern bis Mitte August, einige, wie etwa diejenige von Kris Lemsalu oder Michael Konrad, bis 13. Oktober.
Weitere Infos: https://www.bregenz.gv.at/kultur/ausstellungen-im-magazin-4/programm/kultursommer-2024