Wie im Rausch
Drittes Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele mit Werken von Maurice Ravel, Modest Mussorgsky und einer österreichischen Erstaufführung von Bernd Richard Deutsch.
Großer Jubel für Dirigent, Komponist und Orchester. Unter der Leitung ihres Chefdirigenten Petr Popelka überzeugten die Wiener Symphoniker am Montagabend im Bregenzer Festspielhaus durch orchestrale Glanzleistungen.
Zeitgenössische Orchesterwerke in einem Konzertprogramm unterzubringen, ist nicht einfach. Eröffnet man das Konzert damit, sieht es oft ein wenig nach Pflichtübung aus. Bis das Publikum angekommen, das Handy ausgeschaltet und der Hustenreiz besiegt ist, könnte alles schon wieder vorbei sein. Danach passt es auch nicht, denn dieser Platz ist seit Jahr und Tag für das obligate Solokonzert reserviert.
Am Montagabend war es sogar noch schwieriger. Zusätzlich zu zwei absoluten Orchesterhighlights musste ein Platz für die österreichische Erstaufführung des Stückes „Intensity“ von Bernd Richard Deutsch gefunden werden. Man hat sich für Ravel – Deutsch – Mussorgsky entschieden und siehe da – „Intensity“ konnte sich gegenüber dem fulminanten Schluss von Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“ behaupten und das verdient schon einmal höchsten Respekt.
Intensität, Drive, Spannung
Der Titel „Intensity“ ist zugleich Programm, denn in diesem faszinierenden Stück geht es genau darum: Intensität. Ostinatoartige Rhythmen, dazu schroffes Blech – so beginnt Bernd Richard Deutsch sein vor sechs Jahren vollendetes Orchesterwerk. Und die Intensität wird lange durchgehalten, bis der entspannte Mittelteil beginnt, müssen die Zuhörer:innen diese dichte Spannung mittragen. Bernd Richard Deutsch weiß, wie man Energie auf hohem Level weiterzieht und wie man die einzelnen Orchestergruppen so verzahnt, dass nicht nur rhythmische, sondern auch klangliche Spannung entsteht. Nach einer längeren, ruhigeren Episode, laut Komponist „eine nach innen gerichtete Intensität, im Gegensatz zur nach außen gerichteten Intensität des ersten und dritten Teils“, nimmt das Werk den anfänglichen Drive wieder auf und endet ebenso aufwühlend, wie es begonnen hat.
Die musikalische Sprache von Bernd Richard Deutsch ist sehr konkret und kraftvoll, zumindest in „Intensity“ geht es weder um endlose Klangflächen noch um Mikrotonalität, sondern um orchestrales Muskelspiel, um Rhythmen mit durchgehendem Beat, die für die Zuhörenden gut nachvollziehbar sind. Trotz seines sehr persönlichen Stils werden Assoziationen angeregt, man denkt an „Pacific 231“ von Arthur Honegger, an John Adams’ „Short Ride in a Fast Machine“ oder – speziell im dritten Teil – an Filmmusik von Bernard Herrmann.
Von Cleveland nach Berlin und Bregenz
Der aus Niederösterreich stammende Bernd Richard Deutsch, Jahrgang 1977, hat in Wien studiert und war zwei Jahre lang „Fellow Composer“ des Cleveland Orchestra. Sein Werkverzeichnis ist umfangreich und umfasst Orchesterwerke, Solokonzerte und Kammermusik. „Intensity“ ist ein Auftragswerk des Cleveland Orchestra, der Berliner Philharmoniker und der Wiener Symphoniker. Franz Welser-Möst, dem es auch gewidmet ist, hat es 2022 in Cleveland uraufgeführt, eine weitere Aufführung unter seiner Leitung fand im Juni dieses Jahres in Berlin statt. Am Montagabend dirigierte Petr Popelka die österreichische Erstaufführung. Das Publikum reagierte begeistert.
Malen mit Tönen
Das Konzert begann vor Sonnenaufgang. Kein Komponist konnte diese Stimmung besser in Töne verwandeln als Maurice Ravel mit seiner zweiten Suite aus dem Ballett „Daphnis et Chloé“. Die frühmorgendliche Atmosphäre, der Gesang der Vögel, die erste Steigerung bis sich die Sonne zur Gänze zeigt, das hat Ravel in unnachahmlicher Weise vertont. Welche fast unspielbaren fingerakrobatischen Verrenkungen die Holzbläser auf sich nehmen müssen, um diesen flirrenden Effekt der Morgendämmerung in Töne zu verwandeln, das ist eine andere Geschichte. Wenn man allerdings wissen will, wie ein großes Orchester wirklich klingen kann, welches Farbspektrum den Komponisten zur Verfügung steht und welche Steigerungen und Lautstärken erzielt werden können – „Daphnis“ ist das perfekte Stück dafür. Der „Morgendämmerung“ folgt die „Pantomime“, geprägt von einem der berühmtesten Flötensoli des Orchesterrepertoires, und zum Abschluss der „Danse générale“ im 5/4-Takt mit seinen gewaltigen Steigerungen und einem mitreißenden Schluss, in dem zuletzt alle orchestralen Dämme brechen. Was in aller Welt könnte man nach dieser überwältigenden Musik als zweites Stück vor der Pause noch spielen? Seit Montagabend wissen wir es: „Intensity“ von Bernd Richard Deutsch. Passt hervorragend!
Plastische Bilder
Modest Mussorgskys Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel ist eines der beliebtesten Werke der gesamten symphonischen Literatur. Das Hauptthema ist ein Ohrwurm, die verschiedenen Bilder beschreiben sehr unterschiedliche Stimmungen und erzeugen beim Zuhörenden unweigerlich eigene Assoziationen. Starke Kontraste wie der wuselnde Marktplatz von Limoges oder die tieftraurige Melodie eines Troubadours vor einem alten Schloss – Langeweile kommt beim Zuhören nicht auf. Ravel, gemeinsam mit Richard Strauss in unerreichbarer Höhe auf dem Gebiet der Instrumentation, hat Mussorgskys Musik auf eine neue Stufe gehoben. Dirigent:innen und Orchester lieben dieses Stück, weil sie zeigen können, was sie so draufhaben. Dazu noch die ikonischen Bläsersoli von Trompete, Saxophon oder Tuba und das bombastische Finale – dieses Rezept geht jedes Mal auf. Petr Popelka reiht die einzelnen Abschnitte nahtlos aneinander und gibt jedem Bild seine Atmosphäre. Die Wiener Symphoniker hatten sichtlich Spaß und setzten jede kleinste Regung ihres Chefs in Musik um.
Kometenhafte Karriere
Dirigent:innenkarrieren sind oft ein Mysterium. Wie man in diesem Beruf ganz nach oben kommt, dafür gibt es kein Patentrezept. Sich zunächst einmal als Korrepetitor und Kapellmeister eines kleinen Theaters die nötige Erfahrung anzueignen, ist sicher ein vielversprechender Weg. Aber auch als Orchestermusiker:in kann man den Sprung aufs Dirigentenpodest schaffen. Bestes Beispiel: Petr Popelka. Zwischen seinem letzten Dienst als stellvertretender Solo-Kontrabassist der Dresdner Staatskapelle und dem ersten Konzert als Chefdirigent der Wiener Symphoniker liegen nur wenige Jahre. Eine derart rasante Karriere ist eher selten, und sie ist noch lange nicht zu Ende: 2029 wird Petr Popelka GMD an der Bayerischen Staatsoper München.
Nach dem Konzert am Montagabend weiß man auch, warum plötzlich alle Orchester diesen Dirigenten verpflichten wollen. Er hat ein untrügliches Gespür für Tempi und organische Übergänge. Er ordnet, wenn es nötig ist, und lässt los, wenn sich das Orchester selbst organisiert. Er zeigt ganz genau, was er will, und hält die Zügel fest in der Hand um sie aber gleich wieder loszulassen, wenn es auch ohne ihn läuft. Dazu strotzt er vor Energie und kann die einzelnen Instrumentengruppen gut ausbalancieren. Seine Beliebtheitswerte innerhalb des Orchesters sollen bereits jetzt legendär sein.
Das nächste Orchesterkonzert:
Symphonieorchester Vorarlberg
Werke von E. Smyth, E. Maconchy, B. Britten und E. Elgar
Leitung: Leo McFall
Sopran: Emma Kajander
So, 23.8.26, 11 Uhr
Festspielhaus, Großer Saal
www.bregenzerfestspiele.com