41. Alpinale: Starker Auftakt
Bei prächtigem Open-Air-Wetter startete am Dienstagabend das Bludenzer Kurzfilmfestival auf dem sehr gut besuchten Remiseplatz mit sieben ganz unterschiedlichen Filmen den Wettbewerb um die begehrten Einhörner.
Über 1300 Filme aus 94 Ländern wurden zur 41. Alpinale eingereicht, 70 wurden von einer Vorjury für das fünftägige Festival ausgewählt, 19 davon konkurrieren im Internationalen Wettbewerb um das Goldene Einhorn für den besten Kurzspielfilm und 11 um das Goldene Einhorn für den besten Animationsfilm.
Heftige Sozialdramen
Schon vor der offiziellen Eröffnung konnte man sich im Stadtsaal mit VR-Filmen auf das Festival einstimmen. Eine ganz andere Seherfahrung bieten diese kurzen Produktionen, die in eine U-Bahnfahrt („Unvisible“) oder in einer Animation in die Entwicklung Halleins und der Salzach bis zur großen Überschwemmung 2021 („Out of Nowhere“) eintauchen lassen und bei denen die Zuschauer:innen teilweise auch selbst interagieren können. Ob das freilich mehr als eine Spielerei ist oder ähnlich wie 3D nach einem kurzen Boom wieder verpuffen wird, wird sich noch zeigen, denn zentral für das Gelingen eines Films werden auch weiterhin starke Geschichten und vielschichtige Charaktere bleiben.
Während die kurzen Ansprachen, die Vorstellung anwesender Filmemacher:innen und ein Filmquiz, bei dem der Filmtitel zu der auf Harfe und Querflöte gespielten Musik erkannt werden musste, gelöste Stimmung verbreiteten, ließ bei Rüya Yamans „Arama“, mit dem das offizielle Programm startete, schon die vorangestellte Triggerwarnung, dass es um häusliche Gewalt gehe, harte Kost erwarten.
Von persönlichen Erfahrungen inspiriert, erzählt die Regisseurin, die ihren im Rahmen des Studiums an der Filmakademie Baden Württemberg entstandenen Kurzspielfilm ihrer Mutter widmet, von einer Frau, die mit ihrem Baby vor ihrem gewalttätigen Partner in ein Frauenhaus geflüchtet ist. Da der Mann aber ihren Pass besitzt, ist sie weiterhin von ihm abhängig. Zudem droht ihre Abschiebung, und im Frauenhaus kommt es – auch aufgrund von Sprachbarrieren – immer wieder zu Konflikten mit einer deutschen Mitbewohnerin. Etwas zu viele Problemfelder packt Yaman vielleicht in diese 25 Minuten, andererseits gewinnt dieses kompakt inszenierte und stark gespielte Drama gerade dadurch atemlose Dichte.
Nicht weniger intensiv ist Reza Rasoulis an der Filmakademie Wien entstandener Kurzspielfilm „Found & Lost“. Hautnah folgt der seit 2019 in Wien lebende Iraner teils in langen Einstellungen einem in Wien lebenden syrischen Familienvater, der in einem Club als Toilettenmann arbeitet. Ungemein dicht vermittelt dieses Sozialdrama nicht nur die Atmosphäre im Club, sondern vor allem die bedrückende Situation des Asylsuchenden, der stets helfen will, dessen Eigeninitiative aber immer wieder mit dem Hinweis auf Regeln kritisiert wird. Wie in „Arama“ spielen auch hier die sprachlichen Barrieren eine zentrale Rolle bei der Ausgrenzung und Randstellung, doch während Yamans Film mit Nachspann-Inserts zum Ausmaß häuslicher Gewalt und zu den fehlenden Schutzräumen für Frauen eine klare Agenda verfolgt, beschränkt sich Rasouli auf die ebenso packende wie bewegende Schilderung.
Jenseits-Komödie und Animationsfilme
Für leichtere Kost sorgte „Schlechte Menschen: Der Nörgler“. Nathalie Lamb entführt darin die Zuschauer:innen in eine Grenzstation im Jenseits, die durch die Ausstattung herrlichen 1950er-Jahre-Retro-Charme versprüht. Hier muss ein Trio jüngst Verstorbener ihren Platz im Jenseits zuweisen, doch die Widersprüche eines notorischen Nörglers bringen auch diese Beamten zum Nachdenken und zum Aufbegehren gegen die Obrigkeit. Ein lustvoll aufspielendes und bestens harmonierendes Ensemble, der pointierte Wechsel zwischen Totalen und Großaufnahmen sowie die wendungsreiche Story sorgen für unterhaltsame 17 Minuten.
Für Abwechslung sorgten am Eröffnungsabend aber auch drei Animationsfilme. Verspielt erzählt so Ilya Barrett in „Taut“ von einem Mischwesen zwischen Tier und Pflanze, das von einem mächtigeren Gegner verschleppt wird, aber schließlich entkommen kann, während Barbara Synak in „Territory“ eine Frau während des Duschens tief in ihr Inneres eintauchen lässt. Beide Filme bestechen durch ihre reduzierte Erzählweise. Ganz ohne Worte kommen so die beiden Filmemacher:innen aus und beschränken sich auch weitgehend auf Schwarzweiß, das in „Territory“ allerdings markant durch blaue und rote Farbakzente aufgebrochen wird.
Großes Vergnügen bereitete auch Frederic Siegels „TV oder die Ruhestörung an der Waldbergstraße“. Mit Witz erzählt der Schweizer nicht nur von einem Jungen, der durch übermäßigen Fernsehkonsum rechteckige Augen bekommt, sondern lässt auch Fernsehwelt und Realität ineinanderfließen, als die Polizei wegen Ruhestörung anklopft. Dadurch, dass die Realität stets in Brauntöne getaucht ist, während die Fernsehwelt in grellem Blau und Weiß leuchtet, werden die beiden Welten aber gleichzeitig visuell immer geschickt voneinander abgehoben.
Speziell mit „Arama“ und „Found & Lost“ wurde so am Eröffnungsabend die Latte sehr hochgelegt, sodass man gespannt sein darf, ob an den kommenden drei Wettbewerbstagen dieses Niveau gehalten oder sogar noch übertroffen werden kann. Bis zur Preisverleihung am Samstagabend stehen jedenfalls noch 23 Kurzfilme auf dem Programm, dazu kommen am Mittwoch und Donnerstag (17.30 Uhr) die v-shorts, die einen Einblick ins aktuelle Vorarlberger Filmschaffen vermitteln sollen, am Freitagnachmittag ein Wettbewerb mit neun Kinderkurzfilmen, bei denen die Zuschauer:innen selbst als Jury fungieren, sowie am Donnerstag- und Freitagnacht der Horrorfilmwettbewerb, in dem zwölf Produktionen um das Blutige Goldene Einhorn konkurrieren.