„Tancredi“ begeistert als Hausoper der Bregenzer Festspiele in glänzender Besetzung. (Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)
Fritz Jurmann · 07. Jul 2024 · Musik

Wetterprophet am Opernhimmel

Bereits zum dritten Mal in Folge musste das Arpeggione-Open-Air wetterbedingt weichen.

Eigentlich hätte das wieder einmal jenes Event werden sollen, auf das man sich in Hohenems Jahr für Jahr in diesen ersten Julitagen freut. Das beliebte Open-Air des ansässigen Kammerorchesters Arpeggione im stimmungsvollen Hof des Renaissancepalastes war für Samstag angesagt. Doch das angesagte Sommermärchen war auch schon wieder vorbei, noch ehe es begonnen hatte – noch schneller als im Fußball. Zum dritten Mal in Folge musste das Konzert verlegt werden, diesmal wieder in die eben renovierte danebenliegende alte Pfarrkirche St. Karl, die mit 500 Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt war. Das ist freilich nur die halbe Miete. Doch dort geschah nun das kleine Wunder, dass diese Operngala nach eher zähem Beginn vor einem enttäuschten Publikum im zweiten Teil so richtig in Fahrt kam und man nach dem umjubelten Finale nur noch Fröhlichkeit und lachende Gesichter erlebte. Doch alles schön der Reihe nach.

Langjährige Tradition

Was will man in einem Sommer, der keine Anstalten macht, je einer zu werden? Eben. Da müssen auch Traditionen weichen wie das Open Air, die so alt sind, dass sich heute nicht einmal mehr der Gründer und Intendant von Arpeggione, der Georgier Irakli Gogibedaschwili, an deren Anfänge erinnern kann. Es muss bereits in den Anfangsjahren nach der Gründung 1991 gewesen sein, als man den schon zu Schubertiade-Zeiten in Hohenems gern genutzten Hof für ein erstes Open Air nutzte, das sofort Anklang beim Publikum fand.
Hier konnte man bei entsprechenden Temperaturen auch im leichten Sommerkleidchen und im offenen Hemd unter freiem Himmel die lauen Abendlüfte genießen, und regelmäßig zur Abenddämmerung stimmten rundum im alten Gemäuer auch die Vögel mit ihrem Gute-Nacht-Liedchen in die Opernklänge des Konzertes ein. Musikalisches Getier also. Es ergab sich so ganz nebenbei aber auch, dass dieses Treffen von Tout-Hohenems sehr bald zu einem gesellschaftlichen Ereignis wurde, bei dem niemand fehlen durfte, der dazugehören wollte.

20 Wetterstationen angefragt

Der gefragteste und am meisten gestresste Mann in diesen Tagen war und ist stets Josef Kloiber, Obmann des Förderervereins und mit seinen 84 Jahren fit wie ein Turnschuh. Er hatte die Aufgabe, als Wetterprophet zu entscheiden, ob man draußen oder drinnen spielen würde. Das muss stets spätestens einen Tag zuvor geschehen, weil es mit großem Aufwand und ebensolchen Kosten verbunden ist, um mit Hilfe der starken Männer vom Gesangverein Hohenems den Hof mit Bühne und 500 Plätzen konzerttauglich zu machen. Kloiber kontaktierte also zusammen mit einem meteorologisch kundigen Freund vom Flugplatz Hohenems stets Tage zuvor bis zu 20 Wetterstationen im Umkreis und fand fast immer die richtige Entscheidung. Nicht einmal Jahre, bei denen er das Konzert in den Raum verlegt hatte und der Abend dann regenfrei blieb, konnten ihn letztlich aus der Ruhe bringen.
Das aktuelle Konzert jedenfalls fand nun als „Open Air in der Kirche“ statt, die Entscheidung war wegen der unsicheren Witterung schon tags zuvor gefallen. Und wie als Rechtfertigung für Josef Kloiber, den „Wetterpropheten am Opernhimmel“, prasselte während der Darbietung draußen auch wirklich der Regen. Die routinierten Musikerinnen und Musiker des gut aufgestellten Arpeggione-Kammerorchesters ließen sich’s nicht verdrießen und begannen mit ihrem Konzert, in der Apsis direkt vor den ersten Kirchenbänken postiert.

„Cantissimo“

Verdis Ouvertüre zu „Un giono di regno“ ist ein unbekanntes Stück und nicht eben geeignet, die Zuhörerinnen und Zuhörer in Stimmung zu bringen. Zudem kann man sich zunächst nur schwer an die übermächtige Akustik des Kirchenraumes gewöhnen, die das Orchester in einer Welle von Reflexionen verschwimmen lässt. Aber bald haben sich Musiker, Zuhörer und der erfahrene italienische Dirigent Roberto Gianola, der bereits zum dritten Mal mit Temperament und Umsicht diesen Event leitet, an diese besonderen äußeren Umstände gewöhnt.
Das Programm beschert einen gehaltvollen Reigen geläufiger und weniger bekannter Opernmelodien, die Intendant Gogibedaschwili unter dem Motto „Cantissimo“ in der Manier eines Klassik-Wunschkonzertes aneinandergereiht hat. Und dabei werden im Laufe des Abends wirklich viele Wünsche erfüllt, im instrumentalen Bereich mit Tschaikowskys Walzer und Polonaise aus „Eugen Onegin“ oder der Ouvertüre zu Verdis „Die Macht des Schicksals“.

Kostbare Stimmen

Der Großteil des Programms aber gilt dem vokalen Opernbereich mit einer Fülle edler Perlen von Arien, die man einfach oft seit Kindertagen kennt und liebt. Aufgeboten dafür sind drei kostbare Stimmen, die an prominenten internationalen Häusern auftreten und dieses besondere Flair auch hier vermitteln. Das Trio wird angeführt von der mexikanischen Sopranistin Mariana Valdés, die mit ihrem sorgsam geführten, farbenreichen Sopran gleich mit der Arie „Man nennt mich jetzt Mimi“ aus Puccinis „La Bohème“ aufhorchen lässt, danach durch ihre Pianokultur in „Vissi d’arte“ aus Puccinis „Tosca“ und als Glanzpunkt mit dem treffsicher gestalteten, raffinierten „Lied an den Mond“ aus Dvořáks „Rusalka“, für das sie besonders gefeiert wird.
Die Koreanerin Jaeyeong Lee vertritt den Mezzobereich mit dem speziell ausgeloteten dunklen Register ihrer Stimmlage in einer Arie aus „Cavalleria rusticana“ von Mascagni sowie vor allem mit dem berühmten „Sieh, mein Herz erschließet sich“ aus Saint-Saens‘ „Samson und Dalilah“, das besonderen Anklang findet. Beide Damen zusammen gestalten schmelzend die unverwüstliche „Barcarole“ aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach. Ihr Bariton-Partner, der Georgier Valerian Mchedlidze, bringt seine kräftige, wohltönende Stimme gut zur Wirkung und überrascht in der berühmten Schnellsprech-Arie aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ auch durch seine Spielfreude.

Überraschungsgast

Mit allen drei Solisten zusammen und dem Orchester steht zum Finale das mitreißende „Trinklied“ aus Verdis „La Traviata“ an. Doch eigentlich würde hier noch ein Tenor dazugehören, merkt der Dirigent zuvor noch schelmisch an. Und kaum hat das Stück begonnen, taucht im Mittelgang ein fülliger Mann auf, der mit seinem auftrumpfenden tenoralen Stimmvolumen sofort alles niedersingt, was sich ihm in den Weg stellt. Der Überraschungsgast ist, wie eine Recherche ergibt, eigentlich der Chauffeur des Dirigenten und offenbar dazu noch ein stimmliches Naturtalent. Es ist das fröhliche Ende eines verregneten Abends.