Wer nicht mitkommt, bleibt sitzen
Ulrich Gabriels „Hop on Rauhnacht“ löste am Spielboden Begeisterungsstürme aus
Zu einer fantastischen und tiefgründigen „Sonnwendfeier“ luden der Kontakt- und der Ach-Chor in den Spielboden Dornbirn. Ulrich Gabriel hat für dieses Fest – wie zu den besten Zeiten des Spielbodenchores – ein vielschichtiges Chorpotpourri geschaffen. Darin erklangen humorvoll und klug ineinander verwobene Musikstücke von Gerold Amann, D. Schostakowitsch, Boney M., J. Haydn, Volkslieder, Zählreime und Gstanzl. Erzählt wurde von einer Traumfahrt des legendären Nachtvolkes ins Weltall. Die 36 Chormitglieder agierten, sangen und tanzten unter der Leitung von Ulrich Gabriel und lieferten eine phänomenale Performance ab, die die Besucher:innen im voll besetzten Saal in Jubelstimmung versetzte.
Wenn Ulrich Gabriel seiner Fantasie, seinem gesellschaftskritischen Denken, seiner Lust am Fabulieren und Formulieren sowie der Freude am musikalischen Collagieren freien Lauf lässt, weiß man, dass ein außergewöhnliches Gesamtkunstwerk entsteht. In der Manier eines Otto M. Zykans und in Anlehnung an Gerold Amanns legendäre Musiktheaterprojekte in der Ruine Jagdberg ist das chorische Musiktheater „Hop on Rauhnacht“ entstanden. Das Publikum wurde dabei in eine bunte Welt voller origineller Querverweise und unterhaltsam zusammengestellter Musiknummern geführt. Musikalisch sorgte Rolf Aberer mit farbenreichen Arrangements, die stets eine kräftige Bassfunktion ausformten, für einen sicheren Zusammenhalt.
Der Facettenreichtum, der in der „Hop on Rauhnacht“ musikalisch und schauspielerisch dargeboten wurde, lässt sich kaum nacherzählen. Viel mehr waren die Zuhörer:innen und Zuschauer:innen aufgefordert, den Erlebnissen des Nachtvolkes im Weltall zu folgen. Unterstützt wurde die Performance mit Videos. Sie stellten den Musiknummern auch gesellschaftskritische Inputs zur Seite und regten zum Weiterdenken an.
Im Mittelpunkt der Werkauswahl standen Kompositionen von Gerold Amann. Einleitend gestaltete der Chor – das Nachtvolk – Gerold Amanns Werk „Mi Hämatle“. Ausgehend von Morsezeichen, Wassertropfen, Hup- und Autogeräuschen, sowie Tierlauten und rhythmischen Webstuhlgeräuschen wurde ein musikalisches Panorama aus Natur- und Umweltschall ausgebreitet. Die Rede aus Gerold Amanns Musiktheater „Albtraummännlein“ weckte Erinnerungen an die Uraufführung der aussagekräftigen Komposition vor nunmehr 22 Jahren am Dornbirner Spielboden. Damals wie heute verströmt dieses Werk eine brisante politische Aussagekraft.
In der „Hop on Rauhnacht“ erschien fünfmal der Geist Gottes in Form einer musikalischen Sequenz aus Joseph Haydns „Schöpfung“. Doch die ersten viermal sprach Gott nicht: „Es werde Licht.“ Vielmehr wurde zuerst ein Zeitsprung in eine Rauhnacht der „Rocky Horror Picture Show“ gesendet. Beim zweiten Einsatz gelang die Geburt der Geister mit Sprechversuchen der Untoten. Dann winkten die berühmten Winkekatzen, Maneki Neko, zu einer Komposition von Rolf Aberer. Beim vierten Erscheinen des Geist Gottes wurde an die babylonische Sprachverwirrung und den Größenwahnsinn anhand der Costa Concordia erinnert. Schließlich sandte Gott beim fünften Anlauf tatsächlich das Licht. Das auf diese Weise originell strukturierte Musiktheater kristallisierte mit sprühendem Geist und viel Humor kulturelle Zusammenhänge und den Kampf zwischen der Dunkelheit und dem Licht genauso heraus, wie gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufgezeigt wurden.
Chorsingen als kreative Form des Daseins erlebbar gemacht
Ulrich Gabriel konnte sich auf den Mut und die freudvolle Einsatzbereitschaft seiner beiden Chöre verlassen. Alle Mitwirkenden sangen, skandierten, gestikulierten und tanzten mit viel Körpereinsatz. Das chorische Gesamtkunstwerk lebte von der Performance und den kreativ eingesetzten Requisiten. So änderten die Chorsänger:innen mit wenigen Requisiten ihre Erscheinungsformen, verwandelten sich vom unheimlichen Nachtvolk und den Untoten über Winkekatzen oder Disco- und Technotänzer:innen hin zu scharf skandierenden Volksliedsänger:innen und fröhlichen Akteur:innen.
Nach dieser mit Begeisterung aufgenommenen „Hop on Rauhnacht“ soll auch in Zukunft der „verbrauchsorientierten“ Weihnachtstradition ein kulturell ausgerichtetes Sonnwendfest entgegengestellt werden. Ideen hierfür haben Ulrich Gabriel, Rolf Aberer und die Mitglieder des Ach- und Kontakt-Chores genug. Freunde origineller Musikperformances dürfen sich freuen.