Wer nicht hören kann, muss lesen!
Der Komponist Michael Floredo hat bereits fünf Symphonien geschrieben. Die letzte allerdings kann man nicht hören, man muss sie lesen.
Zwei Symphonien innerhalb eines halben Jahres zur Aufführung zu bringen, das ist für einen zeitgenössischen Komponisten heutzutage nicht selbstverständlich, auch für den Vorarlberger Komponisten Michael Floredo nicht. Seine dritte Symphonie aus dem Jahr 2010 mit dem Titel „St. Florian“, geschrieben für drei Organisten an einer Orgel, wird am 20. August in der Stiftsbasilika St. Florian nahe Linz im Rahmen der dortigen Brucknertage bereits zum zweiten Mal aufgeführt. Die Symphonie Nr. 5 allerdings kann man gar nicht aufführen, hier handelt es sich nämlich nicht um ein Musikstück, sondern um ein Buch. Es trägt den Titel „V. Symphonie – Wenn Bach käme“ und ist im Dezember 2023 im Romeon Verlag erschienen.
Eine Symphonie als Buch oder umgekehrt – was ist der Hintergrund dieser Entscheidung? Michael Floredo: „Symphonie ist für mich der Inbegriff ganz großer, essentieller Themen, die angesprochen werden müssen. Der Begriff Symphonie geht zurück auf den griechischen Philosophen Platon, er verwendet ihn zum ersten Mal in seiner Abhandlung ,Politeia‘. Platon beschreibt dort den Zusammenklang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, repräsentiert durch die drei Schicksalsgöttinnen Lachesis, Klotho und Atropos, die zusammen die Symphonie bilden.“ Hauptthema des Buches von Michael Floredo ist Johann Sebastian Bach, der nun unter uns lebt und sich mit verschiedenen Fragen der Gegenwart auseinandersetzt. Es geht um musikalische Themen wie das Spannungsfeld zwischen E- und U-Musik, aber auch um Religion oder altgriechische Philosophie. Über vieles wundert sich Bach, vieles hinterfragt er, er ist aber durchaus auf der Höhe der Zeit und kennt Computer, das Internet und die Theorie der Quantenphysik. Im Gegensatz zu diesen aktuellen Errungenschaften ist Bachs Rede allerdings historisch geblieben. Michael Floredo hat sein Buch in einer altertümlichen Kunstsprache verfasst, die der Barockzeit nachempfunden ist.
Michael Jackson oder Pierre Boulez
Ein Kapitel beschäftigt sich mit der Schubladisierung von sogenannter Ernster Musik und Unterhaltungsmusik. Michael Floredo: „Die abendländische Musik seit Strawinsky und die darauffolgende Teilung in U- und E-Musik sind für die musikalische Entwicklung ganz entscheidend. Der Nachfolger von Igor Strawinsky ist eben nicht Michael Jackson sondern Pierre Boulez.“ Auch Bach hat dazu in Floredos Buch ganz klare Ansichten. In unsere Sprache übersetzt meint er dazu: „Die Unterhaltungsmusik hat das Kadenzmuster früherer Jahrhunderte einfach übernommen, es fehlt ihr an harmonischer Innovation und an innerer Haltung. Die Musik ist meist oberflächlich, glatt und platt, es geht um Berieselung und vor allem ums Geldverdienen.“ Alte Schlager wiederum werden von Bach wohlwollender beurteilt, ebenso die Beatles oder Elvis Presley.
Ein weiteres Thema, das damit zusammenhängt und den Komponisten Michael Floredo tagtäglich beschäftigt, ist die Unverhältnismäßigkeit zwischen Alter und Neuer Musik in den Konzertprogrammen. „Was würde Bach dazu sagen, dass Klassische Musik nur Altes betrifft und nicht auch die Neue Musik? Wenn er heutige Konzerte besucht und feststellt, dass 95 Prozent der Programme Klassischer Konzerte Musik des 18. und 19. Jahrhunderts beinhalten, ohne ein gesundes Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart anzustreben? Dazu müsste man allerdings im Musikunterricht nicht nur das Reproduzieren anderer Werke in den Mittelpunkt stellen, sondern vor allem das eigene Potential der Schüler fördern. Unser Unterrichtssystem stammt noch aus der Zeit von Metternich und sollte dringend reformiert werden. Zu Bachs Zeiten wurde fast ausschließlich ganz neu komponierte Musik gespielt.“
Eine Symphonie zum Hören
Kein Buch, sondern ein Musikstück ohne Wenn und Aber ist Michael Floredos Symphonie Nr. 3 mit dem Titel „St. Florian“. Der Komponist hat sie 2010 als Auftragswerk der internationalen Brucknertage St. Florian geschrieben, sie wurde auch in der dortigen Stiftsbasilika uraufgeführt. „Durch meinen Lehrer Augustinus Franz Kropfreiter war ich seit meiner Studienzeit immer wieder im Stift St. Florian, dieser Ort ist für mich ein geistiges Zuhause geworden.“ Matthias Giesen, der Künstlerische Leiter der Brucknertage, wollte dieses Werk nun zum Bruckner-Jubiläum 2024 noch einmal im Programm haben und wird es auch wieder dirigieren: „Mit Michael Floredos Orgelsymphonie für drei Organisten an einer Orgel und einen Dirigenten, die vor 13 Jahren hier in St. Florian uraufgeführt wurde, möchten wir einen besonderen Programmpunkt wiederholen, der seinerzeit für begeistertes Aufsehen gesorgt hat. Der Vorarlberger Komponist hat schon einige Kompositionen für das Stift und die Brucknertage komponiert, in seiner Orgelsymphonie spürt er den großen Flächen in Bruckners Musik nach. Durch die Videoübertragung in den Kirchenraum ist es ein faszinierendes Erlebnis, den drei mit- und übereinander spielenden Organisten zuzuschauen.“ „Für mich ist das eigentlich das Größte in meiner gesamten Karriere, auch weil es eine Wiedereinladung ist und das im Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag von Anton Bruckner. Gespielt wird auf Bruckners Lieblingsorgel, unter der er auch bestattet ist“, berichtet Michael Floredo erfreut. „Drei Organisten gleichzeitig an einem Orgelspieltisch hat es in der Musikgeschichte noch nicht gegeben, die Symphonie dauert eine Stunde und sprengt damit auch die Dauer üblicher Orgelliteratur. Es entstehen ganz neue Klänge, aber auch die Klangfülle hat noch nie ein Orgelstück erreicht. Namhafte Organisten haben mir von der Komposition abgeraten, die allgemeine Meinung war: ‚Das funktioniert nie, es ist schade um deine Zeit.‘ Dennoch gab es sowohl bei der Uraufführung als auch bei der zweiten Aufführung drei Jahre später im Dom St. Gallen volle Kirchenräume und Standing Ovations. Ich freue mich ganz besonders, dass die hervorragenden Organisten Sergej Tcherepanov, Ines Schüttengruber und Sebastian Trinkl mein Werk im August interpretieren werden.“
Ob es bald eine 6. Symphonie von Michael Floredo geben wird? „Na schauen wir mal. Es wird auf jeden Fall kein Buch werden!“
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August2024 erschienen.
Michael Floredo: V. Symphonie – Wenn Bach käme, Romeon Verlag, Jüchen 2023, 248 Seiten, ISBN 978-3962294274, € 33,95