Hier war Rossini am schönsten
Seine frühe Oper „Tancredi“ begeistert als Hausoper der Festspiele in glänzender Besetzung.
Es mag Zufall oder den Gepflogenheiten an internationalen Bühnen geschuldet sein: Bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen wird man bei den ersten beiden Produktionen der Bregenzer Festspiele mit queeren Liebesbeziehungen konfrontiert. War es im „Freischütz“ am See noch ein harmloses Geplänkel in den für die Bregenzer Fassung aktuell neu geschaffenen Dialogen zwischen Agathe und Ännchen, so ging es tags darauf bei Rossinis „Tancredi“ im Festspielhaus mit einer streng verheimlichten Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen schon ganz ordentlich zur Sache – einer Sache, die damals, um 1005 in Syrakus, noch mit dem Tod geahndet wurde und heute längst auch rechtlich und gesellschaftlich nicht mehr nur toleriert, sondern vielfach auch akzeptiert wird. So sehr, dass man sich manchmal fragt: Was ist heute noch normal?
Diese Beziehung, die rasch zum Konflikt zwischen den Beteiligten ausartet, ist die eine Seite dieses frühen Rossini-Meisterwerks, das dem gerade 20-Jährigen nach der umjubelten Uraufführung 1813 in Venedig frühen Ruhm eintrug und ihn europaweit bekanntmachte. Der Erfolg des Werkes verblasste danach allerdings, es geriet in Vergessenheit und wurde nun in Bregenz zu neuem Leben erweckt – und entstaubt. Die noch auf den Intendanten Alfred Wopmann zurückgehende Bregenzer Dramaturgie mit Kassenschlagern am See und Raritätenpflege im Haus bot dafür das ideale Umfeld. Und die Premiere am Donnerstag fand in minutenlangem Applaus auch die ungeteilte Begeisterung des Festspielpublikums, für das Werk und dessen musikalische und szenische Umsetzung.
Frühe Rossini-Tradition in Bregenz
Gioacchino Rossini hat als Komponist bereits zuvor, in den frühen Festspiel-Jahren, im damals neuen Theater am Kornmarkt als einziger Bühne in Bregenz, eine tragende Rolle gespielt. Der damalige künstlerische Leiter Ernst Bär begründete damals eine eigene, durchaus erfolgreiche Rossini-Tradition mit dem umwerfenden Singschauspieler Giuseppe Taddei in den Hauptrollen der für ihn maßgeschneiderten komischen Meisterwerken wie „Il barbiere di Siviglia“, „La Cenerentola“ oder „L’Italiana in Algeri“. Zwei davon waren erst in den vergangenen Jahren im Rahmen des Opernstudios mit jungen Kräften wieder in Bregenz zu hören. Bei all diesen Werken ging es um die komischen Opern des Komponisten aus Pesaro, mit denen er bis heute anhaltenden Weltruhm erlangte.
Bei „Tancredi“ dagegen handelt es sich mit seiner ersten ernsten Oper, einem ,Melodramma eroico‘, quasi um eine Nebenschiene in Rossinis Schaffen. Das Werk basiert auf einem Libretto von Gaetano Rossi nach Voltaire, in dem die gleichgeschlechtliche Liebe zweier Menschen mit dem Machtkampf zweier verfeindeter Familien verknüpft ist. Argirio, der Patriarch der einen Familie, will diesen Konflikt beenden, indem er seiner Tochter Amenaide einen Mann zur Frau gibt, den sie nicht liebt. Das löst allseits größere Gewissenskonflikte aus, denn Amenaide liebt den einstmals aus seiner Heimat vertriebenen Tancredi, der unerkannt in seine Stadt zurückgekehrt ist. Er erfährt von der Zwangsverlobung und tötet den vermeintlichen Nebenbuhler, was zu einem Vertrauensbruch zwischen den Verliebten führt.
Gangster statt Kreuzritter
Die Handlung spielt original in der Zeit der Kreuzfahrer und ist trotzdem kein verstaubtes Ritterdrama. Festspielintendantin Elisabeth Sobotka: „Das kann heute nicht mehr unhinterfragt auf die Bühne kommen. Ich habe mich deshalb mit Regisseur Jan Philipp Gloger ausgetauscht und der hatte eine wunderbare, zündende Idee, wie man die Oper für heute relevant auf die Bühne bringen kann.“ Mit dieser Idee wird in der Bühnengestaltung von Ben Baur die pompös ausgestattete Villa eines Drogenbosses in der heutigen Zeit irgendwo in Südamerika zum Schauplatz der Handlung, dank Drehbühne in bemerkenswert vielen Einsichten. Bevölkert ist sie vor allem von einer 30-köpfigen Gangstertruppe, bei der schon gleich nach Öffnen des Vorhanges, gesteuert von einer „Stunt Factory“, gerangelt und geschossen wird, was das Zeug hält. Dabei drängt sich einem doch die Frage auf, ob es in einer Zeit, da man täglich mit der Gewalt der aktuellen Kriegshandlungen in der Welt bombardiert wird, nicht ein freundlicheres, auch zu Rossinis Musik besser passendes Ambiente aus der Jetztzeit gegeben hätte.
Immerhin ergeben sich aus diesem rauen, männerdominierten Umfeld in der psychologisch fein geschliffenen Deutung durch den international gefragten Regisseur Jan Philipp Gloger immer wieder spannungsgeladene Situationen, aus denen als Kontrapunkt die zarte Liebe von Tancredi und Amenaide heraufblüht und durch die Eifersucht Tancredis empfindlich getrübt wird. Zur Einordnung der Geschlechterrollen: Tancredi ist normalerweise eine Hosenrolle für eine Mezzosopranistin, also ein Mann, der von einer Frau gespielt wird. Hier ist es eine Frau, eine tiefe Altstimme, die sich nach außen bewusst in soldatischem Outfit als Mann gibt, in der Liebe zu Amenaide, einem Sopran, dagegen wieder ganz Frau ist. Und in dieser Form einer lesbischen Beziehung, vielleicht auch mit diversen Zwischentönen, wird Tancredi von Amenaide leidenschaftlich geliebt, was die beiden sich auch in einem großen Duett schwören – in der Duplizität zweier großer Frauenstimmen der musikalische Glanzpunkt dieser Produktion.
„Schönste Musik Rossinis“
Und man kann bei dieser Gelegenheit nur lauthals bestätigen, was Elisabeth Sobotka, die scheidende Festspielintendantin und Opernkennerin, gemeint hat: „Meiner Meinung nach ist in ‚Tancredi‘ die schönste Musik zu hören, die Rossini jemals geschrieben hat.“ Man freut sich, dass damit wieder ein so wertvolles musikalisches Kunststück entstaubt und zum Gebrauch in europäischen Opernhäusern weiterempfohlen wird, wie es Aufgabe von Festspielen ist.
Rossinis Musik ist in der Tat von raffinierter Ausgewogenheit und klassischer Schlichtheit, unbegreiflich als Werk eines 20-Jährigen. Schon jetzt ist bei ihm in dieser Belcanto-Oper einfache Melodik und vokale Bravour zu einem fein gesponnenen musikalischen Gewebe von hoher Überzeugungskraft und Emotionalität verbunden. Und das Glück in der Auswahl dieses Werkes mit einem geschulten Händchen potenziert sich, weil man auch die dafür absolut notwendige hochkarätige Sängerbesetzung gefunden hat. Die beiden weiblichen Solopartien mit der Russin Anna Goryachova als Tancredi und der Französin Mélissa Petit als Amenaide schenken einander nichts, wenn es um leichtfüßige Koloraturfreude fast bis zum Exzess geht, und das Duett fast zum Duell wird, wer die schöneren Pianissimi in höchsten Lagen, die eleganteren Kantilenen hervorzaubert – einfach großartig!
Der Italiener Antonino Siragusa als Patriarch Argirio ist in der seltenen Spezies eines Tenore spinto beheimatet, einer beweglichen, metallisch und leicht näselnd geprägten Stimme mit kraftvoll gestemmten, strahlenden Höhen – ein verblüffender und brillanter Eindruck. Die italienische Mezzosopranistin Laura Polverelli als Amenaides Mutter führt ihre Stimme bis in gurrende Tiefen, der deutsche Bassbariton Andreas Wolf als verschmähter Liebhaber Orbazzano gewinnt seiner unglücklichen Figur noch sympathische Seiten ab.
Wiener Symphoniker trumpfen auf
Eine besondere Aufgabe kommt in dieser Produktion den Wiener Symphonikern zu, die unter der temperamentvollen Leitung der chinesischen Dirigentin Yi-Chen Lin stehen, die übrigens akzentfrei deutsch spricht. Sie ist ganz Herr oder in diesem Fall besser: Frau über diese anspruchsvollen drei Stunden Rossini, dessen Musik höchste Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert, besitzt in Dynamik und Tempowahl auch ein Herz für Sänger. Ihr Orchester aber, das sie vom Vorjahr bei „Madame Butterfly“ kennt, läuft zu absoluter Hochform auf. Die Musiker vermitteln dem frühen Rossini die erforderliche Leichtigkeit und die gewohnte noble Klasse an Klangkultur. Die 30 Herren des Prager Philharmonischen Chors verwandeln sich stilecht in eine spielfreudige Gangstertruppe von verblüffender Stimmkraft – so sollte ein Männerchor immer klingen!
Von den beiden zur Verfügung stehenden Finali hat man das tragische, weil musikalische bessere, gewählt, das erst in den 1970er Jahren wiederentdeckt wurde. Die Sterbeszene Tancredis, der verzweifelt ist und im Kampf seinen Tod finden möchte, gehört in ihrer kammermusikalisch reduzierten Begleitung und expressiven Gesangslinie zum Wirkungsvollsten, was Rossini je komponiert hat. Sensiblen Gemütern treibt dieses opernhaft lange, lange Sterben vor den Augen der Geliebten das Wasser in die Augen …
Bregenzer Festspiele: „Tancredi“
Dauer: ca. 3 Stunden 15 Minuten
Weitere Vorstellungen: So, 21. Juli, 11.00 Uhr; Mo, 29. Juli, 19.30 Uhr, Festspielhaus Bregenz
TV-Sendung: So, 25. August, 23.45 Uhr, ORF III
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