Was bleibt.
„gute letzte tage“ – Begegnungen in der Palliativstation im Krankenhaus Hohenems
Was für eine schöne Idee, was für ein schönes Buch – auch wenn das behandelte Thema für die meisten von uns kaum mit Schönem verbunden wird. Das Sterben und letztlich der Tod sind in unserer Gesellschaft mit Angst und Trauer verknüpft und werden von Lebenden am liebsten ausgeklammert, verdrängt, totgeschwiegen, wie das Wort schon sagt. Nicht immer aber war das so und die Gesellschaft für Palliative Care Vorarlberg setzt es sich zum Ziel, diesen wichtigen Aspekt wieder mehr ins Leben zu holen.
Der im Landeskrankenhauses Hohenems tätige Palliativmediziner Otto Gehmacher initiierte das Projekt, die Autorin Daniela Egger, Obfrau des Vereins literatur.ist, kuratierte und die Palliativstation in Hohenems bot den Rahmen, um Geschichten entstehen zu lassen, die bleiben. Denn was ist es, das bleibt? Was ist es, das man erzählen möchte, wenn das Vergangene um so viel größer ist als das Zukünftige?
Erzählen und Zuhören
Die Herangehensweise war sowohl für die Erzählenden als auch für die Schreibenden – neben Daniela Egger sind dies Gabriele Bösch, Ruth Erath, Jürgen Thomas-Ernst, Katharina Klein, Wolfgang Mörth, Hans Platzgumer und Birgitta Soraperra – vorgegeben. Die Erzählenden sollten ein Symbol oder einen Gegenstand, der in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt, als Gesprächsanlass nutzen. Wunderbar abgelichtet von dem Fotografen und Künstler Gerhard Klocker leiten Bilder davon die Geschichten ein. Die Schreibenden sollten nicht nur zuhören und Biografiearbeit leisten (im therapeutischen Bereich findet man hierfür auch den Begriff „Würdetherapie“), sondern auch sich selbst beobachten. Wie ist das In-Berührung-Kommen mit Schmerzen und Leid und welchen Zugang wählt man, um in Kontakt zu treten?
Mitten im Leben
Wir treffen im Buch auf einen Steinmetz, einen Musiker, auf eine Seiltänzerin, eine Ordensschwester, eine Krankenpflegerin, auch ein Kriminalbeamter und ein Ski-Pionier kommen zu Wort. Viele erzählen ihr ganzes Leben, von der Kindheit angefangen über die Jugendjahre, von glücklichen Hochzeiten über entbehrungsreiche Jahre, über Fleiß und Anstrengung, von Schicksalsschlägen, von besonderen Momenten, aber auch von Alltäglichem. Die Worte Liebe und Dankbarkeit, aber auch Humor und der Glaube werden immer wieder als Stützen genannt. Und manche, vielleicht so nebenbei gesagte Sätze, sind sehr eindrücklich und wahrscheinlich gerade deshalb so besonders, weil man als Leser:in weiß: Das sind Menschen wie du und ich. „Wenn man dankbar ist, vergeudet man seine Zeit nicht.“ „Der Perfektionismus macht uns fertig: Ich habe mich angefreundet mit dem Nicht-Perfekten.“ Oder: „Du kannst keine Liebe geben, wenn du mit dem Überleben beschäftigt bist.“ Und: „Verstehen heißt mit dem Herzen hellsehen.“
Vielfältig ist die von den Autor:innen gewählte Erzählform – von klassisch geführten Gesprächen über beinahe fiktional anmutende Geschichten. Alle verbindet aber der große Respekt gegenüber der Offenheit und dem Mut, sich preiszugeben und dabei Dinge zu benennen und Fragen zu beantworten, über die man sich wohl oft erst an diesem Ort Gedanken macht. Gabriele Bösch dazu am Vorabend des geplanten Interviews mit der 86-jährigen Martha Dipold: „Vorsichtiger denn je wollte ich sein. Unsicherer denn je war ich.“ Befinden wie diese vor, während und nach den Gesprächen komplettieren das Buch und machen nicht nur die Befragten, sondern auch die Interviewer:innen nahbar. Die junge Autorin Katharina Klein zu ihrem Besuch in Hohenems: „Nicht der Tod ist hier weit weg. Ich war immer weit weg vom Tod.“
Das größte Glück
Nicht alle Literaten stellen die Frage nach den Dingen, die man am meisten bereut, nie getan zu haben. Steht sie aber im Raum, fällt meistens die Erkenntnis, sich zu stark ausnutzen haben lassen, nicht gut genug auf sich geschaut, zu wenig sich selbst in den Mittelpunkt gestellt zu haben. „Ich hab‘ alles meiner Meinung nach super souverän gemeistert, und ich war mir sicher, mich bringt nichts um. Ich kann nur auf mich selbst wütend sein, dass ich zugeben muss: Ich hab‘ auf mich nicht geschaut, das war mein Manko“, eröffnet Elisabeth Testor gegenüber Brigitta Soraperra. Generell ist Wut aber ein viel weniger vorherrschendes Gefühl als Dankbarkeit, auch bei Elisabeth Testor, die als ihr Symbol des Lebens ein Bild der Zugspitze mit dabei hat: „Das war mein eigener Fels in der Brandung. So wie dieser Fels allem trotzt, werde auch ich allem trotzen, das war meine Devise.“
Über „eine gefährliche, aber glückliche Zeit“ als Betriebsleiter der ersten Skilifte in Warth erzählt Helmut Zimmermann, darüber, „dass man so ein Glück haben darf“ berichtet Verona Božić und Martha Dipolds Satz: „Wenn man zufrieden ist, gibt es eigentlich gar nicht mehr so viel zu erzählen“, berührt sehr.
Entstanden sind „einzigartige, authentische Erzählungen, die zwar die Lebensgeschichte der Patient:innen als Ausgang nehmen, insgeheim jedoch Ausdruck einer ganz speziellen und einmaligen Begegnung sind“, schreibt Otto Gehmacher in seinem Nachwort, wie man es besser nicht benennen könnte.
In der Hoffnung auf eine zweite Auflage wünschen wir dem Buch mit seiner wertvollen Aufmachung in Grafik, Bindung und so besonderem, schrägem Beschnitt an der Unterseite (Gestaltung: Klaus Lürzer) ein erneutes, achtsames Lektorat, und auch die Ergänzung eines Inhaltsverzeichnisses sowie Seitenzahlen, um bestimmte Geschichten, die man sicherlich ein zweites Mal lesen möchte, besser zuordnen zu können.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR“ Juli/August 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Gesellschaft zur Unterstützung von Palliative Care, Otto Gehmacher (Hg.): gute letze tage, Hohenems, Bucher Verlag 2025, 155 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-200-10458-7, 35 €
www.palliative-care-vorarlberg.at
www.bucherverlag.com