Ein Musikdrama aus dem Nationalepos
Düstere Schicksale im Rahmen eines klangmächtigen Orchesterkonzerts
Im Rahmen der diesjährigen Bregenzer Festspiele fügte sich das zwischen Sinfonie, Kantate und Tondichtung angesiedelte Werk „Kullervo“ von Jean Sibelius hervorragend in die Dramaturgie ein, insbesondere im Kontext der Oper „Œdipe“ von George Enescu. Die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste, die Sopranistin Marjukka Tepponen, der Bariton Ville Rusanen, der YL Male Voice Choir, die Männer des Prager Philharmonischen Chores sowie des Bregenzer Festspielchores stellten im Rahmen des 2. Orchesterkonzertes eine eindrückliche Werkdeutung in den Großen Saal des Festspielhauses. Auch das 2017 entstandene Orchesterwerk „Drift“ von Sebastian Fagerlund bot spannende Hörerlebnisse, ließ aber auch Fragen offen.
„Kullervo“ ist ein fünfteiliges Drama, das von einem Geschwisterinzest erzählt, in dessen Folge sowohl die Schwester als auch der Bruder in den Selbstmord getrieben werden. Sibelius entnahm die Geschichte als 26-Jähriger dem finnischen Nationalepos „Kalevala“ und verarbeitete die dramatische Geschichte in eindrücklichen musikalischen Bildern. Auch als eine Art Chor-Symphonie ist das Werk zu verstehen, denn ein Männerchor übernimmt die Rolle des Erzählers.
In Bregenz vereinten sich drei Chöre, nämlich der YL Male Voice Choir mit seinem Chorleiter Pasi Hyökki, die Männer des Prager Philharmonischen Chores mit Lukáš Vasilek sowie der Bregenzer Festspielchor unter der Leitung von Benjamin Lack. Präzise artikulierten die Sänger den finnischen Text und rhythmisierten die zugrundeliegenden Versmaße prägnant. Die düstere, unterschwellig aufgeladene Grundstimmung wurde durch die dunklen Klangfarben der Tenor- und Basslage zusätzlich verstärkt.
Dramatisch interpretierte Kantate
Eindrücklich in seiner Rolle als Kullervo interpretierte der finnische Bariton Ville Rusanen seinen Part. Mit dramatischer Körperspannung durchlebte er die unglückselige Existenz und das unheilvolle Tun des Kullervo. Die Rolle der Schwester war psychologisch nuanciert angelegt. Die Sopranistin Marjukka Tepponen füllte sie mit Empathie und intensiver Ausdruckskraft.
Sibelius' „Kullervo“ schreibt dem Orchester vielerlei Funktionen zu. Bereits mit der Introduktion führten die Wiener Symphoniker und Jukka-Pekka Saraste in die abgründige Stimmung des Werkes ein. Allerdings benötigten die Musiker:innen einige Zeit, bis sie sich in die musikalische Atmosphäre einfanden. Erst allmählich erklang das Orchester stringent und gut koordiniert zwischen den Stimmgruppen. Doch dann verströmten der abgerundete Klangfluss, die abrupten Stimmungswechsel, durchsetzt mit wirkmächtigen Generalpausen und die irisierenden Tremoli der Streicher im Pianissimo eine mitreißende Spannung.
Die gedämpften Streicher erzählten mit geheimnisvoller Ausstrahlung in Form einer sinfonischen Dichtung von Kullervos Kindheit. Pastorale Themen und Klangwirkungen schufen zwar eine suggestive Weite. Doch immer wieder mündeten bedrohlich wirkende Tonballungen in abrupten Stillständen. Aufhorchen ließ das modal angelegte Klarinettensolo, das von anderen Holzbläsern mit Esprit weitergetragen wurde.
Ritueller Charakter
Den Höhepunkt der Werkdeutung bildete der dritte Abschnitt, in dem Kullervo auf seine Schwester trifft. Der rituelle Charakter des Chorparts in Verbindung mit dem Orchester und der rhythmisierende Deklamationsstil des Männerchores verströmten eine mitreißende Wirkung, die durch die hervorragenden Sopran- und Baritonsoli unterstrichen wurde. Hier kamen Sibelius' wirkungsvolle Kompositionsart und die Instrumentierung voll zur Geltung. Zudem rückten pastoral anmutende, musikalische Wendungen und die Textpassagen der Schwester naturphilosophische und mythische Motive in den Vordergrund. Aufhorchen ließen die markanten Tonrepetitionen. Insbesondere die scharf gesetzten Akkorde in Verbindung mit Kullervo wirkten wie schneidende Schwerthiebe und ergaben eine gewaltige Aussagekraft.
Mit großer Körperspannung
Signale und Landschaftsschilderungen, rhythmische Schichtunge sowie unruhige Trillerketten und eine farbenreiche Perkussion trieben den musikalischen Fluss im vierten Abschnitt, „Kullervo zieht in den Kampf“, voran. Jukka-Pekka Saraste am Pult zeichnete die musikalischen Verläufe des gesamten Werkes ausdrucksstark nach und leitete die Orchestermusiker:innen mit spannungsgeladener Körpersprache und Gestik. Imposant steigerten die Wiener Symphoniker den Ambitus im fünften Abschnitt. Während der Männerchor den Suizid Kullervos plastisch schilderte, intensivierte das Orchester unter anderem durch die homofone Stimmführung die Wirkmacht der Musik.
„Kullervo“ lässt sich auch als patriotische Musik mit politischer Komponente verstehen. Doch Sibelius’ sinfonische Dichtung „Finlandia“ gilt als nationales musikalisches Monument für den finnischen Freiheitskampf und den Widerstand gegen Unterdrückung durch das Zarenreich. Als „Symbol für Freiheit und Mut“, wie es Jukka-Pekka Saraste formulierte, boten die Wiener Symphoniker dieses Werk dar.
Im Widerstreit der Kräfte
„Drift“ von Sebastian Fagerlund ist das einzige Werk eines lebenden Komponisten, das im Rahmen der vier Orchesterkonzerte bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen zu hören ist. Die flächig angelegte Komposition breiteten die Musiker:innen mit großer unterschwelliger Spannung aus. Motivische Gesten und rhythmische Patterns erklangen gut ineinander verschränkt, allerdings wurden Rufmotive sowie melodische Themen in den einzelnen Instrumenten teilweise zu wenig aus dem organischen Klanggewebe herauskristallisiert.
Der Einführungstext von Jens Laurson trug nicht zum besseren Verständnis des Werkes bei: Er bediente zunächst Klischees über Neue Musik und beschrieb anschließend eine Werkgestalt, die sich im Konzert so nicht nachvollziehen ließ.
Die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste entfalteten das in sich wogende Klanggebilde organisch und schufen damit eine atmosphärisch passende Einstimmung für Sibelius' „Kullervo“.