Bregenzer Festspiele: „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ (Foto: Anja Koehler)
Sophie Grimmel · 01. Aug 2026 · Musik

Von „Humble Pop“ bis „Vulvarock“

Von „Humble Pop“ bis „Vulvarock“ gab es beim Szene Openair neue Genres zu entdecken.

Ein Exkurs über aktuelle Musikgenres anhand von Emma Rose, Vulvarine und Ivo Martin beim Szene Openair am 31.7.

„We are Vulvarine aus Wien, wir lassen uns in kein Genre zwicken, wir haben unser eigenes eröffnet!“, lautete eine der gestrigen Ansagen. In diesem Sinne bietet der Nachmittag des 31. Juli am Szene-Openair-Festival Anlass für einen kurzen Exkurs über aktuelle Musikgenres, anhand der drei Acts Emma Rose, Vulvarine und Ivo Martin:

Vulvarine – „Vulvarock“

Eine Mischung aus Punk und Metal soll in dem neu angekündigten Genre stecken, von dem eingangs bereits die Rede war. Punk ist ein inzwischen häufig genutzter Begriff, sodass es nicht schadet, ihn als Genre noch einmal kurz zu reflektieren: schnelle Tracks, minimalistische Kompositionen, gesellschaftskritische Texte. Der Gitarren-Sound übersteuert oft. Gespielt wird in klassischer Rockband-Besetzung mit Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren und Gesang. Die Women-only-Band aus Wien erfüllt all diese Kriterien, und ihre feministischen Texte sind durchaus gesellschaftskritisch zu verstehen. Metal ist aus der Rockmusik entstanden und zeichnet sich vor allem durch den Fokus auf Schlagzeug und Gitarre aus. Gerne werden modale Skalen verwendet. Da sich aber sehr viele Untergenres entwickelt haben, ist es schwierig, weitere Merkmale als einheitlich zu kennzeichnen. Melodisch ist im „Vulvarock“ zwar nur wenig von modalen Skalen zu hören, doch dass Schlagzeug und Gitarren im Bandsound Priorität haben, hätte kaum deutlicher sein können. Schade nur, dass die Höhen im Gitarrensound teilweise zu scharf waren und der Bass, der eigentlich das klangliche Fundament legen sollten, darunter meist unterging. Der Gesang der Power-Frontfrau Lauree Blaze beinhaltet zwar keine typischen Growling- und Screaming-Elemente, ist allerdings so kraftvoll und mitreißend, dass diese nicht vermisst werden. Vulvarine liefern eine energiegeladene Bühnenshow, die sowohl Punk- als auch Metal-Fans mitgerissen haben dürfte.

Ivo Martin – „Humble Pop“

Ivo Martin ist in der Musikwelt längst kein Unbekannter mehr: Mit über 200 Millionen Streams und bereits drei ausverkauften Tourneen hat er sich als Publikumsliebling bewiesen. Und auch er hat ein eigenes Genre ausgerufen. Pop steht in der Musik vor allem für das Commitment, möglichst viele Leute ansprechen zu wollen. Das inkludiert tanzbare Rhythmen, Texte über universelle Themen wie das Leben und die Liebe, simple Harmonieschemata und eingängige Melodien. All diese Kriterien erfüllt Ivo Martin, wobei er vor allem textlich mehr in die Tiefe geht als im Pop sonst üblich. „Humble“ heißt auf Deutsch übersetzt so viel wie bescheiden, demütig, einfach. Rein optisch erfüllt der Künstler diese Kriterien, indem er den Auftritt in einem simplen kurzärmligen Shirt und schwarzer Hose absolviert. Nichts an ihm ist auffällig gestylt, er trägt weder eine Uhr noch sonstige Accessoires. Textlich singt Ivo Martin zwar oft aus der Perspektive eines lyrischen Ichs, doch dieses reflektiert sich selbst (manchmal sogar wortwörtlich wie in „Mensch im Spiegel“), hinterfragt sich kritisch und stellt andere nur in positivem Licht dar. Soweit ist also alles als „humble“ einzuordnen. Wie stellt man sich das aber nun auf der musikalischen Ebene vor? 
Der Künstler tritt mit vier Musiker:innen auf: einem Schlagzeuger und zwei Multi-Instrumentalist:innen. Von diesen wechselt der eine zwischen Gitarre und Bass, und die andere zwischen Keyboard, Bass und Geige hin und her. Zwar wird die Live-Performance von einem Backingtrack unterstützt, dieser wird aber zurückhaltend eingesetzt. Den Großteil des Sounds erzeugen die Musiker:innen auf der Bühne selbst, und dieser klingt entsprechend ehrlich und authentisch. Auch Ivo Martin selbst spielt beim Auftritt Keyboard und Gitarre, die er mitten in einem Stück von seinem Kollegen übernimmt. Mit einer etwas weiteren Definition von „humble“, etwa als Rückkehr zu einem authentischen Live-Sound im Gegensatz zu dichten Backingtracks, ist dies durchaus auch in der Musik zu finden. Die Musiker:innen haben Spaß am Auftritt und an den Interaktionen miteinander. Diese Spielfreude überträgt sich auch auf das Publikum. 

Emma Rose – „dreamy Bedroom Pop“

„Sehr verehrte Damen und Herrinnen“, wird das Publikum am Anfang des Auftritts angesprochen, und tatsächlich ist dieses fast ausschließlich weiblich. Die gezielt gewählte Anrede zeigt nicht nur, dass die Künstlerin ihre Zielgruppe kennt, sie vermittelt dieser auch ein Gefühl des Gesehenwerdens und setzt gleichzeitig den frechen, verspielten Tonfall des Auftritts fest. 
Aber wie stellt man sich „dreamy Bedroom Pop“ denn jetzt vor, und wo kommt er her?„Bedroom Pop“ wurde so benannt, da Künstler:innen die entsprechende Musik großteils tatsächlich in ihren Schlafzimmern produzieren statt in Studios. Durch die breite Zugänglichkeit von Equipment ist das in den letzten Jahrzehnten immer besser möglich geworden. Das lässt den Musiker:innen freie Hand beim Sounddesign und macht sie unabhängig von Labels.
Emma Rose bringt ihre überwiegend selbstgemachten Songs mit nur einer weiteren Musikerin auf die Bühne – diese steht am Keyboard und singt Backingvocals mit. Bass und Schlagzeug kommen vom Backingtrack, der durch die Lautsprecher übertragen wird. Dass die Künstlerin über ihren Sound selbst entscheidet, ist in den Tracks deutlich spürbar. „Dream Pop“ wird meist als verträumt und ästhetisch ansprechend beschrieben. Musik dieses Genres folgt meist eher langsameren Beats und kennzeichnet sich durch eine „Wall of Sound“ – in der alle Elemente gleich laut abgemischt werden. Der Gesang folgt Pop-Melodien und wird meist hauchig gesungen oder mit starken Bearbeitungseffekten versehen. Als „dreamy“ oder „girlie“ kann Emma Roses signifikante Stimme durchaus beschrieben werden, auch wenn sie unbearbeitet erklingt. Ihre Pop-Melodien gehen ins Ohr, und auch vom Mix her folgt die Künstlerin den Standards des Genres. Abgesehen von der Überlappung dieser zwei Musikstile zeichnen Emma Rose vor allem ihre überspitzt-sarkastischen Texte aus: Patriarchale Standards werden erhöht, bis sie lächerlich erscheinen. Dass Emma Rose auch das selbst gewählte Genre nicht zu ernst nimmt, zeigt sich beispielhaft an einem „Slow-Motion-Moshpit“, den sie das Publikum zu ihren langsamen Tracks performen lässt. Das Publikum singt mit, bewegt sich zur Musik und hat Spaß. Emma Rose weiß sichtlich, was sie tut, und für wen.

Braucht jede:r Künstler:in ihr eigenes Genre?

Genres sind Kategorien zur Einordnung künstlerischer Werke anhand von Merkmalen wie beispielsweise Instrumentation, Klangfarbe oder Tempo. Sie sind hilfreich, um Interessierten sofort eine Assoziation zu geben und zu vermitteln, was erwartet werden kann. Selbstverständlich sind Genregrenzen aber fließend, und oft überlappen Kategorien miteinander. So spektakulär die Begründung eines neuen Genres klingen mag, so substanzlos ist es, wenn dies einzelne Künstler:innen auf eigene Faust tun. Denn wozu eine eigene Kategorie eröffnen, wenn man immer nur selbst in diese fällt? In diesem Sinne sind Begriffe wie „Humble Pop“ und „Vulvarock“ momentan wohl nicht mehr als eine zutreffende Selbstbeschreibung. Die Zukunft wird zeigen, ob sie sich als Genre beweisen können.